ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2014Social Media für Psychotherapeuten: Mit privaten Infos zurückhalten

THEMEN DER ZEIT

Social Media für Psychotherapeuten: Mit privaten Infos zurückhalten

PP 13, Ausgabe April 2014, Seite 164

Sonnenmoser, Marion

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Internet und soziale Netzwerke stellen das Verhältnis zwischen Psychotherapeuten und Patienten vor neue Fragen und Herausforderungen. Sie verändern berufliche Einstellungen und Verhaltensweisen.

Nutzen Therapeuten soziale Netzwerke wie Facebook, müssen sie online präsent sein. Foto: iStockphoto
Nutzen Therapeuten soziale Netzwerke wie Facebook, müssen sie online präsent sein. Foto: iStockphoto

Soziale Netzwerke (Social Media) wie Facebook oder MySpace und das Internet erobern zunehmend die Medizin und Psychotherapie. Wie US-amerikanische Umfragen zeigen, nutzen immer mehr Ärzte, Psychologen und Psychotherapeuten das Internet, um auf ihre Behandlungsangebote aufmerksam zu machen und über Therapiemethoden zu informieren. Sie setzen es zudem ein, um zu recherchieren, sich weiterzubilden und mit ihren Patienten Kontakt zu halten. Dies geschieht über eigene Internetauftritte, E-Mail, SMS und soziale Netzwerke.

Anzeige

Die Nutzung solcher Dienste hat verschiedene Vorteile: Man kann sich umfangreich informieren, und es ist möglich, sich schnell und unkompliziert mit Patienten und Kollegen auszutauschen. Außerdem kann man sich zeitgemäß darstellen und eine große Anzahl potenzieller Patienten erreichen. Es gibt aber auch zahlreiche Nachteile: Im Hinblick auf den eigenen Internetauftritt müssen zum Beispiel viele Vorschriften und Gesetze beachtet werden, die Seiten müssen häufig aktualisiert werden, und es ist erforderlich, stets online präsent zu sein. Außerdem holen viele Patienten per Internet Informationen über ihre Ärzte und Therapeuten ein und umgekehrt, was das Vertrauensverhältnis beeinträchtigen kann.

Aufweichen von Standards

Internet und soziale Netzwerke schaffen Bedingungen, die vor dem digitalen Zeitalter nahezu unbekannt waren. So haben beispielsweise die vielen anonymen Möglichkeiten zur Bewertung von Personen und Dienstleistungen im Internet zur Folge, dass Ärzte und Psychotherapeuten mitunter schutzlos negativen Darstellungen und Verunglimpfungen ausgesetzt sind. Auch im Hinblick auf die Selbstoffenbarung haben sich die Zeiten geändert. Vor dem Internetzeitalter war es Ärzten und Therapeuten möglich, ihren Patienten gegenüber ausgewählte Informationen über sich preiszugeben, wenn es der therapeutischen Beziehung diente, das heißt, sie konnten bestimmen, wem sie was erzählten. Seit es das Internet gibt, ist hingegen fast jede berufliche und private Information, die irgendwann einmal ins Netz gestellt wurde, im Prinzip für jedermann zugänglich, also auch für Personen, für die sie nicht bestimmt sind. Ein Grund dafür ist, dass sich die technischen Bedingungen und Zugänge immer wieder ändern, ein anderer, dass sich viele Nutzer zu wenig informieren oder zu wenig darüber nachdenken, was mit ihren beruflichen und privaten Texten, Bildern und Filmen geschieht. „Es ist möglich, dass Informationen, die in früheren Jahren ins Netz gestellt wurden, viele Jahre später immer noch verfügbar sind, weil das Internet nichts vergisst“, sagt Ofer Zur, Psychotherapeut und Leiter des Zur Institute in Sonoma (USA). Darüber hinaus kommt es vor, dass Patienten gezielte Recherchen über ihre Ärzte und Psychotherapeuten anstellen, spezialisierte Suchdienste beauftragen oder sich unter falschem Namen als „Freunde“ in sozialen Netzwerken anmelden, um auf diese Weise ihren Behandlern vertrauliche Informationen zu entlocken oder um ihr Privatleben auszukundschaften.

Das Internet verführt dazu, herkömmliche Standards und Richtlinien aufzuweichen oder zu missachten. Es ist ganz selbstverständlich, sich online zu duzen, man „befreundet“ sich mit Leuten, die man noch nie gesehen hat, man nimmt falsche Identitäten an und agiert im Schutz der Anonymität. Daher besteht die Gefahr, dass Sorglosigkeit und Naivität zu Fehlern verleiten oder dass zu viel Vertraulichkeit entsteht. Auf diese Weise kann es passieren, dass zum Beispiel Informationen über Patienten offengelegt werden, die der Schweigepflicht unterliegen, oder dass der Austausch unter Kollegen seinen Weg in die Öffentlichkeit findet. Es kann darüber hinaus vorkommen, dass sich Behandler und Patienten in der virtuellen Welt „anfreunden“, ohne zu wissen, dass sie in der Realität Arzt beziehungsweise Psychotherapeut und Patient sind. „Zudem besteht die Gefahr, dass die Ungezwungenheit, die das Internet vermittelt, dazu führt, dass sich die Grenzen zwischen Privatem und Beruflichem verwischen und die therapeutische Beziehung einen unprofessionellen Charakter annimmt“, sagen US-amerikanische Kinderpsychologen um Rachel Tunick vom Children’s Hospital in Boston (USA).

Richtlinien notwendig

Wie können Ärzte und Psychotherapeuten vorbeugen und sich gegen solche Probleme schützen? Wie Stellungnahmen amerikanischer Mediziner und Psychotherapeuten zu diesem Thema zeigen, können Fachgesellschaften zwar allgemeine ethische Richtlinien vorgeben, sie kommen jedoch kaum hinterher, spezielle Richtlinien, die den richtigen Umgang mit dem Internet und sozialen Netzwerken regeln, zu erarbeiten, weil die digitale Entwicklung sehr schnell voranschreitet. Ständig entstehen neue Kommunikationswege, Programme und Geräte, die eigenen Gesetzen unterliegen und bestimmte Bedingungen schaffen. Es ist Berufsverbänden und anderen offiziellen Gremien daher kaum möglich, auf diese Veränderungen jeweils innerhalb kürzester Zeit zu reagieren. Daher sollte sich nach Meinung der amerikanischen Psychologen Daniel Lannin und Norman Scott von der Iowa State University (USA) jeder Arzt und Psychotherapeut in dieser Hinsicht selbst in die Pflicht nehmen. Er sollte zum Beispiel die ethischen Richtlinien seines Berufsstands gut kennen und versuchen, ihnen treu zu bleiben und sich auch in der virtuellen Welt daran zu orientieren. Es empfiehlt sich außerdem, persönliche Regeln für den Umgang mit Internet und sozialen Netzwerken zu erstellen und diese den Patienten zu vermitteln. „Auf diese Weise ist es möglich, dem Trend zwar zu folgen, sich von ihm aber nicht zu Fehlhandlungen verleiten zu lassen und die professionelle Identität zu wahren“, sagen Lannin und Scott. Sie empfehlen Ärzten und Psychotherapeuten, sich sehr gewissenhaft zu überlegen, ob sie überhaupt im Netz aktiv werden – schließlich muss man nicht alles mitmachen, was möglich ist. Falls aber Interesse daran besteht, ist es ratsam, mit privaten Informationen sehr zurückhaltend zu sein und fast nur zweckgebundene, berufsbezogene Informationen ins Netz zu stellen. Dies wird auch Ärzten und Psychotherapeuten in Ausbildung empfohlen, um zu vermeiden, dass sich Informationen, die sie heute bedenkenlos veröffentlichen, später einmal, wenn sie im Beruf stehen, negativ auf ihren Ruf auswirken.

Außerdem sollten sich Ärzte und Psychotherapeuten, die im Internet aktiv sind, hinsichtlich der Rechtsprechung und der technischen Entwicklungen stets auf dem Laufenden halten. Bei jeder Information, die sie ins Netz stellen wollen, sollten sich Ärzte und Psychotherapeuten fragen: Was bringt mir diese Selbstoffenbarung? Wie wirkt sie auf meine Patienten und andere Personen? Wie wird dadurch die therapeutische Beziehung beeinflusst? Was empfiehlt mein Berufsverband? Wie ist die Gesetzeslage? Können dadurch meine Glaubwürdigkeit, mein eigener Ruf oder die Reputation meines Berufsstands Schaden erleiden?

Stellung beziehen

Im Hinblick auf den Ruf kann ein sogenanntes Reputationsmanagement betrieben werden, das darin besteht, regelmäßig den eigenen Namen in Suchmaschinen einzugeben und zu prüfen, welche Informationen, Bilder und andere Materialien über die eigene Person beziehungsweise solche, die man selbst zur Verfügung gestellt hat, im Netz vorhanden sind. Es gibt außerdem Seiten, auf denen die Namen von Ärzten und Psychotherapeuten sowie deren Praxen und Angebote automatisch und nach Branchen sortiert gelistet werden, also auch dann, wenn man sich nicht aktiv darin eingetragen hat oder nicht darin erscheinen möchte. Auch darüber sollte man Bescheid wissen. Ferner sollten Ärzte und Psychotherapeuten die Erfahrungsberichte und Bewertungen von Patienten lesen, um festzustellen, welche Informationen im Umlauf sind. Liegen Verleumdungen vor oder werden Berufsgeheimnisse in irgendeiner Form preisgegeben, ist es nötig, Stellung zu beziehen und sich mit dem Berufsverband, Internetexperten und Rechtsberatern in Verbindung zu setzen, um entsprechende Abhilfe zu schaffen.

In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig, sich mit den Zugangsrechten zu den eigenen Social-Media-Seiten zu befassen und sie genau zu regeln. Die Seiten sollten auf keinen Fall für jeden Nutzer zugänglich sein, sondern nur einem ausgewählten Kreis. Aber auch dann sollte man es sich gut überlegen, was man ins Netz stellt, denn es kommt immer wieder vor, dass Betreiber sozialer Netzwerke über Nacht die Regeln ändern und aus diesem Grund plötzlich vertrauliche Informationen für viel größere Nutzergruppen zugänglich werden, als ursprünglich beabsichtigt – das Motto lautet daher: „Lieber wenig als zu viel.“

Internet und soziale Netzwerke sind Phänomene, die aus der modernen Welt nicht mehr wegzudenken sind und sich künftig noch stärker als bisher auf alle Lebensbereiche auswirken werden. Besonders Ärzte und Psychotherapeuten der jüngeren Generation und Behandler, die es mit jungen Menschen zu tun haben, werden es kaum vermeiden können, sich mit modernen Technologien und ihren Vor- und Nachteilen auseinanderzusetzen und sie auch selbst zu nutzen. Internet und soziale Netzwerke stellen schon heute das Verhältnis zwischen Behandler und Patient vor neue Fragen und Herausforderungen und verändern zahlreiche berufliche Einstellungen und Verhaltensweisen von Ärzten und Psychotherapeuten. Eine Aufgabe für die Zukunft wird es sein, auch für die virtuelle Kommunikation allgemein gültige Richtlinien zu schaffen, um einen förderlichen Umgang zwischen allen Beteiligten zu erwirken.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

1.
Kolmes K: Social media in the future of professional psychology. Professional Psychology 2012; 43(6): 606–12.
2.
Lannin D, Scott N: Social networking ethics. Professional Psychology 2013; 44(3): 135–41.
3.
Tunick R, Mednick L, Conroy C: A snapshot of child psychologists’ social media activity. Professional Psychology 2011; 42(6): 440–7.
4.
Zur O, Lehavot K, Williams M, Knapp S: Psychotherapist self-disclosure and transparency in the internet age. Professional Psychology 2009; 40(1): 22–30
1.Kolmes K: Social media in the future of professional psychology. Professional Psychology 2012; 43(6): 606–12.
2.Lannin D, Scott N: Social networking ethics. Professional Psychology 2013; 44(3): 135–41.
3.Tunick R, Mednick L, Conroy C: A snapshot of child psychologists’ social media activity. Professional Psychology 2011; 42(6): 440–7.
4.Zur O, Lehavot K, Williams M, Knapp S: Psychotherapist self-disclosure and transparency in the internet age. Professional Psychology 2009; 40(1): 22–30

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema