ArchivDeutsches Ärzteblatt9/1999Medizinische Hilfe für Nepal: Versorgungsnotstand in der Plastischen Chirurgie

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Medizinische Hilfe für Nepal: Versorgungsnotstand in der Plastischen Chirurgie

Mertens, Stephan

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LNSLNS Seit einem Jahr betreibt Interplast Germany eine Klinik für Plastische Chirurgie und unterstützt damit die Versorgung der ländlichen und unterprivilegierten Bevölkerung.
Die Fahrt im schaukelnden Minibus von Kathmandu zum 18 Kilometer entfernten Sushma Koirala Memorial Plastic and Reconstructive Surgery Hospital führt über Straßen, die eher Feldwegen gleichen, und man muß sich schon gut festhalten, um nicht zu arg durchgeschüttelt zu werden. In der Trockenzeit kann man in einer Stunde das nahe dem Dorf Salambutor gelegene Krankenhaus erreichen. Das im Jahr 1991 gebaute Haus sei ursprünglich als Lepra-station konzipiert und von der Dortmunder Leprahilfe e.V. gebaut worden, erläutert Schwester Christa Drigalla, die seit einem Jahr in Nepal arbeitet. Nach nur wenigen Monaten Betrieb gab es ein Zerwürfnis zwischen den Vereinsmitgliedern, die Leprastation wurde aufgelöst und das Haus sich selbst überlassen, bis die chirurgische Klinik hier einzog und zuerst dringende Sanierungsarbeiten vornehmen mußte: Es regnete hinein, einiges war bereits zerfallen, und auch die Dorfbewohner hatten sich bedient. Nach Verhandlungen mit nepalischen Behörden übernahm Interplast Germany 1997 zusammen mit einem Familienmitglied des jetzigen Premiers als Ansprech- und Koordinationspartner die Gebäude. Interplast ist eine international kooperierende Vereinigung plastischer Chirurgen, die in unbezahltem Einsatz Patienten in Entwicklungsländern operiert. Im Koirala-Hospital werden Lippenkiefergaumenspalten operiert und die Sekundärversorgung von Verbrennungspatienten durchgeführt. Damit nimmt Interplast eine wichtige Funktion im stark unterversorgten nepalischen Gesundheitssystem wahr: Von der medizinischen Indikation abgesehen, bedeutet die Schließung von Lippenkiefergaumenspalten auch eine große soziale Entlastung, denn die Betroffenen und deren Familien würden besonders in ländlichen Gegenden stark stigmatisiert und manchmal sogar aus der Dorfgemeinschaft ausgestoßen, berichtet Prof. Dr. Dr. Pape, emeritierter Ordinarius für Zahn-, Mund- und Kieferchirurgie von der Universität zu Köln. Diese Operationen könnten für die mehr als 20 Millionen Menschen zählende Bevölkerung Nepals neben dem Koirala-Hospital sonst nur in Kathmandu und Pokhara durchgeführt werden, so Pape weiter. Selbst wenn eine ärztliche Versorgung möglich sei, scheitere sie meist daran, daß sich die Mehrzahl der Bevölkerung eines der ärmsten Länder der Welt eine Operation nicht leisten kann. So komme ein Großteil der Patienten aus ländlichen Gebieten und unterprivilegierten Schichten. Einige Patienten haben einen mehrtägigen Fußmarsch und eine lange Busreise hinter sich, bevor sie das Krankenhaus erreichen. Eine Operation für 2,50 DM
Für eine allgemeine Registrierung und Untersuchung zahlen die Patienten 20 Rupees (etwa 50 Pfennig) und für eine Operation, unabhängig von der Dauer der stationären Behandlung, 100 Rupees. Wie in anderen Entwicklungsländern versorgen auch hier die Verwandten die Patienten. Bereits im Aufwachraum betreut ein Angehöriger den Operierten, und bei stationärem Aufenthalt auf der acht Betten umfassenden "Station" wird dem Patient auch das Essen gebracht.
Von der Klinik erfuhr die Bevölkerung landesweit durch den nepalischen Rundfunk Anfang 1998. Seit diesem Zeitpunkt leitet Pape noch bis Ende Februar 1999 die Klinik. Bisher ist jeden Monat ein Operationsteam im Einsatz gewesen. Neben meist zwei Operateuren und Anästhesisten ergänzen zwei nepalische OP-Schwestern das Team, wobei ein Rotationssystem eingeführt wurde: Von deutscher Seite aus sind Prof. Pape und Schwester Christa Drigalla ständig anwesend, wohingegen wechselnde Operations- und Anästhesistenteams für die Dauer von zwei Wochen anreisen. Neben deutschen Teams haben Schweizer, US-Amerikaner und Koreaner von Februar bis Dezember 1998 insgesamt 386 Operationen durchgeführt, bei einem Budget von monatlich 10 000 DM. Dies beinhaltet Verbrauchsmaterialien, Instandhaltungskosten, Löhne der nepalischen Angestellten und kleinere Investitionen. Temporärer Einsatz der Operationsteams
Die Rotation der Operationsteams hat den Vorteil, daß ein breites Spektrum an spezialisierten Eingriffen vorgenommen werden kann. Es wurden neben Lippenkiefer-gaumenspalten auch Patienten mit handchirurgischen Verletzungen sowie sekundären Verbrennungsschäden versorgt. Schwere Verbrennungen kommen in Nepal häufig vor, weil üblicherweise mit Holz, Gas oder Kerosin am offenen Feuer gekocht wird. Auch die Frau des jetzigen Ministerpräsidenten fiel in ihrem Sari einem landestypischen Verbrennungsunfall zum Opfer. Und nach ihr wurde das Krankenhaus als Sushma Koirala Memorial Hospital benannt. Ausbau der Klinik
In dem ursprünglich als Leprastation vorgesehenen Gebäude sei kein Operationssaal vorgesehen, welcher den medizinisch und technisch notwendigen Maßstäben entspricht, erläutert Pape. Ganz oben auf der Prioritätenliste stehe deshalb der Ausbau des Operationssaals. Andere als die hier vorgenommenen Eingriffe seien nicht möglich. Außerdem fehle jegliche Labordiagnostik und ein Röntgengerät: Im Koirala-Hospital herrschen Bedingungen, unter denen in Deutschland nicht operiert werden würde. Allerdings "gibt es eine funktionierende Basisversorgung", urteilt die Kölner Anästhesistin Dr. Horsch, die drei Wochen im Koirala-Hospital gearbeitet hat. Sie räumt ein, daß sie "mit primitiveren Umständen gerechnet" hatte.
Um die Akzeptanz des Kran-kenhauses bei der Dorfbevölkerung zu erhöhen, wurde eine Allgemeinsprechstunde eingerichtet. Einmal wöchentlich kommt ein nepalischer Hausarzt und versorgt die Einwohner. Von diesem "Service" profitiert nicht nur eine spezielle Patientengruppe, sondern direkt die Bevölkerung der näheren Umgebung, ohne deren Wohlwollen die Arbeit sicherlich schwieriger wäre. Dieses Konzept soll Mitte 1999 durch zahnärztliche Versorgung ausgebaut werden: Nach einem Rotationssystem werden ausländische Zahnärzte für jeweils zwei Wochen tätig werden. Auch in diesem Sektor herrscht ein akuter Versorgungsnotstand, denn in Nepal praktizieren landesweit nur etwa 80 Zahnärzte. Ein Behandlungsstuhl und einige Gerätschaften sind bereits installiert. Besonders haben sich hier der Zahnarzt Dr. Baumhäckel und die Firma MPS aus Köln engagiert.
Der Vertrag mit dem nepalischen Kooperationspartner sieht vor, daß die Klinik innerhalb von zehn Jahren schrittweise in die Hände nepalischer Ärzte übergeht und auch von dieser Seite finanziert wird. Bis dahin sollen nepalische Chirurgen entsprechend von Interplast fortgebildet werden.
Nach fast einjähriger Tätigkeit in Nepal erfährt Prof. Pape seine Arbeit als "eine persönliche Bereicherung am Ende des Berufslebens unter völlig anderen Bedingungen". Dr. Stephan Mertens
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