ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2014Psychisch Kranke: Stigmatisierung nimmt eher zu

Referiert

Psychisch Kranke: Stigmatisierung nimmt eher zu

PP 13, Ausgabe April 2014, Seite 181

Meyer, Rüdiger

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen nimmt allen Aufklärungskampagnen zum Trotz eher zu als ab. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie einer Arbeitsgruppe um Georg Schomerus von der Universitätsmedizin Greifswald. Sie hat ihre Ergebnisse im „British Journal of Psychiatry“ veröffentlicht. Die Wissenschaftler haben 2011 etwa 3 600 Menschen bundesweit in persönlichen Interviews ausführlich zu ihrer Einstellung zu den Krankheitsbildern Schizophrenie, Depression und Alkoholismus befragt. Während die Bereitschaft, mit Betroffenen in Kontakt zu treten in Bezug auf Depression und Alkoholabhängigkeit unverändert geblieben ist, hat sich das Verhältnis zu Menschen mit Schizophrenie im Vergleich zu 1990 deutlich verschlechtert.

„Das Besondere ist, dass wir die Einstellungsentwicklungen zu psychisch Kranken seit 1990 sehr gut nachverfolgen können, weil wir Vergleichsdaten aus den Jahren 1990, 1993 und 2001 haben“, sagte Schomerus. Dazu lägen Studien des Leipziger Wissenschaftlers Matthias Angermeyer vor, der auch an der aktuellen Studie beteiligt war. Was die Stigmatisierung der Betroffenen angeht, zeigten sich unterschiedliche Entwicklungen. Für Betroffene mit einer Depression konnten die Wissenschaftler geringfügige positive Veränderungen beobachten: Die Menschen äußerten 2011 etwas mehr Mitleid und Hilfsbereitschaft und etwas weniger Befangenheit als 1990, gleichzeitig aber auch mehr Ärger über den Betroffenen. Das Bedürfnis nach sozialer Distanz blieb weitgehend unverändert.

Eine eindeutig negative Entwicklung zeigte sich dagegen für die Schizophrenie: Hier nahm die Furcht vor den Betroffenen zu, während positive Reaktionen wie Mitleid und Hilfsbereitschaft abnahmen. Vor allem aber stieg das Bedürfnis nach sozialer Distanz deutlich: Während es 1990 circa 20 Prozent ablehnten, mit einer an Schizophrenie erkrankten Person zusammenzuarbeiten, waren es 2011 schon 31 Prozent. Der Anteil derjenigen, die es ablehnten, jemand mit einer Schizophrenie einem Freund vorzustellen, stieg von 39 Prozent auf 53 Prozent. Insgesamt haben die Forscher den Befragten im Interview sieben verschiedene hypothetische Situationen vorgestellt, und in allen Situationen stieg die Ablehnungsquote.

Anzeige

Die stärkste Ablehnung unter den drei Krankheitsbildern erfahren nach wie vor Menschen mit einer Alkoholabhängigkeit. Die persönliche Ablehnung äußert sich darin, dass 31 Prozent einen Alkoholkranken nicht als Nachbarn wünschen (unverändert), 34 Prozent nicht als Arbeitskollegen (unverändert) und 60 Prozent nicht im Freundeskreis (plus fünf Prozent.)

Laut den Interviews haben in den vergangenen 20 Jahren biologische Ursachenvorstellungen zur Schizophrenie deutlich zugenommen, während psychosoziale Ursachenvorstellungen etwas abgenommen haben. 2011 stimmten 62 Prozent der Aussage zu, es handle sich bei dem geschilderten Problem um eine Gehirnkrankheit, 1990 waren es nur 43 Prozent.

Bei der Schizophrenie gibt es laut den Forschern also Hinweise, dass eine einseitige Betonung biologischer Prozesse bei der Darstellung dieser Krankheit den Betroffenen schadet.

„Sehr überrascht“ über die Studienergebnisse zeigte sich die Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Psychiater (BVDP), Christa Roth-Sackenheim. Sie stünden im Widerspruch zu anderen Ergebnissen der Anti-Stigma-Forschung. Bisher habe immer gegolten, dass persönliche Erfahrungen mit Betroffenen, aber auch Wissen über die Erkrankung Stigmatisierung vermindere. Der BVDP fordert weitere Studien zum Thema, um diese Zusammenhänge aufzuklären. rme

Angermeyer MC: Attitudes towards psychiatric treatment and people with mental illness: changes over two decades. British Journal of
Psychiatry 2013, 203:146–51; doi:10.1192/bjp.bp.112.122978

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema