ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2014Kirche und Beichte: Eine Geschichte von Macht und Unterdrückung

BÜCHER

Kirche und Beichte: Eine Geschichte von Macht und Unterdrückung

PP 13, Ausgabe April 2014, Seite 183

Moser, Tilmann

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Der Autor, Jahrgang 1940, ehemaliger Priesterzögling und selbst Beichttraumatisierter, hat ein faszinierendes Buch nach immenser Forschung in Literatur und zahllosen Interviews mit „Experten, Opfern und Tätern“ geschrieben. Dass die Geschichte der Beichte bis heute aber auch eine Geschichte von Macht und Unterdrückung ist, hat indes mit einem besonderen Aspekt der Beichtpraxis zu tun – nämlich, dass Kinder schon im Alter von sieben Jahren die Beichte ablegen, eingeführt von Pius X Anfang des 19. Jahrhunderts. Ein Papst, den der Autor für einen besonderen Scharfmacher des Beichtzwangs hält mit üblen Folgen millionenfacher Gewissensangst, denn ein Versäumnis der Beichte war an sich schon wieder eine Todsünde. Das Buch dürfte ein Erfolg werden, weil es der Kirche eine Vergangenheit des moralischen Terrors entgegenhält, der bis heute nachwirkt, auch wenn sich die Beichtpraxis in den letzten Jahrzehnten stark gemildert und humanisiert hat.

Es ist eine Mischung von seriöser historischer Forschung und einer Sammlung von Schauergeschichten, deren überreichlicher Aufzählung sich der Autor mit spürbarer Faszination hingibt. Er greift dabei besonders die von in der Geschichte und zum Teil bis heute massenhafte Anbahnung von Missbrauch im Beichtstuhl heraus sowie die „Besessenheit“ von der Todsünde der Onanie, die die Priester mit insistierender Inquisition sich bis in die letzten Details schildern ließen. Das alles war verbunden mit einer großen Menge von Sünden- und Strafverzeichnissen, den sogenannten Pönitenten, in denen sich die zwanghaft angehäuften moralischen Vergehen sorgfältig aufgelistet fanden. Daneben die Handbücher der Schulung von Beichtvätern, die in manchen Jahrhunderten auch auf Denunziation und Ketzerentlarvung eingeschworen wurden.

Anzeige

Mit Nachdruck vermerkt Cornwell die geradezu teuflische Zerstörung von Ehen, wenn Beichtväter sich in die sexuelle Praxis einmischten und die „lüsternen Ehemänner“ als sündige Scheusale darstellten, deren sich die armen Frauen tapfer erwehren sollten, wenn sie ihnen nicht gleichzeitig beibrachten, dass Duldung auch unmäßiger sexueller Anforderungen sittliche Ehepflicht sei, um eine weitere Todsünde, nämlich außereheliche Unzucht, zu vermeiden. Zu Zeiten des Antipillenterrors der Kirche mit Beichtzwang notiert Cornwell: „Die Lage steigerte sich bei vielen Priestern in dieser Zeit des Unbehagens und trug mit dazu bei, dass in den folgenden Jahrzehnten weltweit ungefähr 100 000 Priester ihr Amt aufgaben.“ Die Kirche hatte über die Beichte noch einmal die moralische Hoheit über die Schlafzimmer übernommen.

Wo Todsünde herrscht, war die Hölle nicht weit, besonders wenn die Sünder nicht skrupulös genug erforscht hatten, ob sie mit aufrechter Reue gebeichtet hatten. Die autobiografischen Passagen verleihen Cornwells Forschung die Aura eines authentischen Engagements, er bezeugt auch, dass, obwohl er sich vom Katholizismus losgesagt hatte, die Idee eines „rachsüchtigen Gottes“ ihn gelegentlich immer noch verfolge. Die Implantation der Sündenangst vor allem zum Sechsten Gebot, bei denen den Kindern die Beichte von ihnen noch unverständlichen Sünden herunter zu leiern abverlangt wurde, bei insinuierender Erforschung selbst von Fantasien, wirkt sich bis heute im Seelenleben der älteren Generationen aus. Viele Psychotherapeuten haben damit zu tun, verängstigte Gläubige von den schlimmsten Ängsten zu befreien. Auch wenn die Ursprünge oft nicht mehr auf konkrete Indoktrination zurückführbar sind, ist die gezielt und früh gezüchtete Angstbereitschaft in die Charakterstruktur eingedrungen.

Trotzdem: Manchen Menschen hat die Beichte auch schon geholfen, wenn sie echte Seelsorge war. Aber auch viele Beichtkinder ohne direkte Seelsorge sprechen noch von der Erleichterung nach dem Vorgang und der Absolution und meist unverändertem Weiterleben. Das beste Medikament gegen die Verängstigung vor der Hölle scheint aber das Nicht-mehr-Ernst-Nehmen der ritualisierten Prozedur gewesen zu sein. Das grausame Kondomverbot im HIV-infizierten Afrika war wohl ein letzter Versuch, fromme Unmenschlichkeit walten zu lassen, stößt aber auf inzwischen konfliktfreie Doppelmoral. Tilmann Moser

John Cornwell: Die Beichte. Eine dunkle Geschichte. Berlin Verlag, Berlin 2014, 319 Seiten, gebunden, 22,99 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema