ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2014Jugend Heute: Gesamtgesellschaftliche Herausforderung

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Jugend Heute: Gesamtgesellschaftliche Herausforderung

PP 13, Ausgabe April 2014, Seite 184

Boll-Klatt, Annegret

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Der Titel und die Verlagsinformationen machen neugierig auf ein Thema, das heute im gesellschaftlichen Diskurs zunehmend häufiger auftaucht und im Untertitel des Buches benannt wird: die Situation Jugendlicher im Spannungsfeld zwischen Leistungsdruck und virtueller Freiheit. Natürlich kann man einwenden, dass die Zukunft doch für Jugendliche zu allen Zeiten ungewiss war. Lassen sich die Schwierigkeiten Jugendlicher unserer Zeit nicht darauf zurückführen, dass es sich um verwöhnte „Ichlinge“ handelt, die selbst auf aus der Sicht Erwachsener normale Belastungen gestresst und mit Burn-out reagieren? Oder weist die steigende Anzahl psychopathologischer Störungen inklusive der Suizidrate Jugendlicher darauf hin, dass es zunehmend schwieriger wird, adoleszentäre Entwicklungsaufgaben angemessen zu lösen und dass immer mehr Jugendliche daran scheitern?

Der Verweis auf die „prolongierte Adoleszenz“ ist nicht selten unterlegt von einer subtilen Kritik, dass Jugendliche und junge Erwachsene sich immer schwerer damit tun, Verantwortung zu übernehmen und eigenständige Lebensentwürfe zu realisieren. Die Ablösung von den primären Objekten der Kindheit gehört genauso wie die Bewältigung der inneren und äußeren körperlichen Veränderungen insbesondere mit der Zunahme sexueller Triebenergien sowie das Finden einer eigenen Identität zu den Herausforderungen dieser Lebensphase.

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Wie diese Entwicklungsaufgaben gelingen können, darauf gibt das Buch umfassende und differenzierte Antworten, die nur als Ergebnis eines interdisziplinären Diskurses zu erzielen waren. Allein der Blick in das Autorenregister zeugt von dieser Leitidee der Herausgeber. Es ist Sabine Trautmann-Voigt und Bernd Voigt gelungen, namhafte Experten aus der Breite der psychosozialen, medizinischen und pädagogischen Disziplinen für einen Beitrag in ihrem Buch zu gewinnen. Als Leser ist es überaus wohltuend, durchgängig mit einer ausbalancierten Sicht auf die Bedeutung des Innen und des Außen, des Psychischen und des Sozialen, konfrontiert zu sein.

Somit stellt dieses Buch nicht nur eine große Bereicherung für die in diesem Bereich tätigen therapeutischen und ärztlichen Berufsgruppen dar, sondern ist ebenfalls Lehrern, Sozialpädagogen und durchaus auch Eltern ausdrücklich zu empfehlen. Viele Beiträge fokussieren die Einordnung psychotherapeutischer Reflexionen und Maßnahmen in den psychosozialen und politischen Kontext, der im verhaltenstherapeutischen oder psychodynamischen Verständnis von Störungen in dieser Lebensphase sowie in einer multimethodalen Planung von Interventionen unbedingt mitgedacht werden muss. Gleichzeitig beinhaltet diese Einordnung einen Appell, die Entwicklung Jugendlicher beziehungsweise ihr „Gedeihen“ als eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung zu betrachten, wozu gehört, dass – wie Erickson schon 1959 schrieb – den Jugendlichen „Funktion und Stand“ in der Gesellschaft zuerkannt werden. Annegret Boll-Klatt

Sabine Trautmann-Voigt, Bernd Voigt (Hrsg.): Jugend heute. Zwischen Leistungsdruck und virtueller Freiheit. Psychosozial-Verlag, Gießen 2013, 206 Seiten, kartoniert, 19,90 Euro

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