ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2014Kognitive Neurowissenschaften: Überblick ohne notwendige Tiefe

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Kognitive Neurowissenschaften: Überblick ohne notwendige Tiefe

PP 13, Ausgabe April 2014, Seite 182

Koch, Joachim

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Kognitive Neurowissenschaften befassen sich mit den neuronalen Mechanismen, die die Basis bilden für kognitive und psychische Funktionen. Forschungsschwerpunkt ist das menschliche Gehirn, Modelle von Tieren werden nur eingeschränkt benutzt.

In 21 Kapiteln werden die Inhalte im Lehrbuch dargelegt. In den ersten Kapiteln wird in die kognitiven Neurowissenschaften eingeführt sowie in den Aufbau, die Organisation, die Funktionsweise und die Reifung des menschlichen Gehirns. Nach einem Kapitel über die Hemisphärenasymmetrie behandeln drei weitere die Wahrnehmung. Aufmerksamkeitsprozesse, die exekutiven Funktionen und die motorische Kontrolle sind die Themen der nächsten Kapitel. Es folgen vier Kapitel zum Gedächtnis. Nach einem Kapitel über die Plastizität des Gehirns werden sprachliche Funktionen und die Lese- und Schreibfähigkeit behandelt. In den letzten Kapiteln geht es um Emotionen und Motivation sowie um Urteilen und Entscheiden.

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Das Buch gibt einen kompletten Überblick über das Feld, die Inhalte sind gut verständlich dargelegt. Viele Abbildungen illustrieren komplexere Zusammenhänge und tragen zum Verständnis bei. Kritisch ist anzumerken, dass einiges fehlt beziehungsweise nicht aktuell und in der notwendigen Tiefe dargestellt ist. Beispielsweise kann bezogen auf die exekutiven Funktionen angemerkt werden, dass die alte Fallbeschreibung von Phineas Gage heute wissenschaftlich wertlos ist (siehe die Kritik von Georg Goldenberg), auch wenn der berühmte Hirnforscher Damasio sich ausführlich mit dem Fall beschäftigt hat. Oder zur Taxonomie der exekutiven Störungen, die Renate Drechsler so kompetent vorgenommen hat und die der Autor in sein Lehrbuch übernommen hat, kann angemerkt werden, dass diese noch näher hätten erläutert und diskutiert und mit anderen Vorschlägen in Beziehung gesetzt werden können, beispielsweise mit den Beiträgen von Sandra Verena Müller, um der Komplexität des Themas gerechter zu werden. Oder es fällt auf, dass Karl H. Pribram nur in Bezug auf seinen frühen handlungstheoretischen Modellansatz erwähnt wird, seine drei späteren Monografien (1971, 1991, 2013) und wichtige Aufsätze keine Berücksichtigung finden. Diese Kritik an der Aktualität und Tiefe hat der Autor in seinem Vorwort antizipiert und entschuldigt sich bei Autoren, deren Arbeiten er hätte aufnehmen müssen. Joachim Koch

Lutz Jäncke: Lehrbuch Kognitive Neurowissenschaften. Huber, Bern 2013, 796 Seiten, kartoniert, 74,95 Euro

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