ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2014Carl Adolph von Basedow (1799–1854): Eine Krankheit trägt seinen Namen

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Carl Adolph von Basedow (1799–1854): Eine Krankheit trägt seinen Namen

Dtsch Arztebl 2014; 111(15): A-637 / B-548 / C-528

Göring, Hans-Dieter

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Carl Adolph von Basedow als junger Arzt.Gemälde von Franz Krüger. Foto: Archiv
Carl Adolph von Basedow als junger Arzt.
Gemälde von Franz Krüger. Foto: Archiv

Basedows Veröffentlichungen waren ein Meilenstein in der Erforschung der Hyperthyreose und anderer Schilddrüsenerkrankungen.

Am 14. April 1854 starb, erst 55-jährig, der praktische Arzt, Wundarzt und Geburtshelfer Carl Adolph von Basedow in Merseburg an einer Infektion, die er sich bei der Obduktion eines an „Hungertyphus“ Verstorbenen zugezogen hatte.

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Neben einer ausgedehnten Praxistätigkeit hatte Basedow zwischen 1824 und 1853 etwa 60 wissenschaftliche Arbeiten, die vor allem eigene Beobachtungen an Patienten und klinische Erfahrungen zum Gegenstand hatten, veröffentlicht. Die Publikationen erschienen fast ausnahmslos in Dr. Caspers Wochenschrift für die gesamte Heilkunde, C. F. v. Graefes und Ph. V. Wolthers Journal der Chirurgie und Augenheilkunde sowie in A. E. v. Siebolds Journal für Geburtshilfe, Frauenzimmer- und Kinderkrankheiten. Sie reflektierten das breite praktische Tätigkeitsfeld sowie ein weit gespanntes wissenschaftliches Interessengebiet Basedows und beschäftigten sich unter anderem mit Repositionen von Luxationen, Ergebnissen von Tracheotomien, Operationen der Nase und des Uterus, Bauchhöhlenschwangerschaften, Venenentzündungen, Hordeola und gonorrhoischen Gelenkentzündungen sowie Vergiftungen durch arsenhaltige Wand- und Tapetenfarben (1).

Der Leipziger Medizinhistoriker Karl Sudhoff (1853–1938) ordnete Basedows Veröffentlichungen 1910 der „hoffnungsvollen Periode der Morgendämmerung der naturwissenschaftlichen Medizin“ in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu (2). Mit einer dieser Publikationen unter dem Titel „Exophthalmos durch Hypertrophie des Zellgewebes in der Augenhöhle“ (3) erlangte Basedow schließlich internationale Bekanntheit und sicherte sich dadurch einen bleibenden Platz in der Medizingeschichte. Er schilderte 1840 in dieser Arbeit innerhalb einer anscheinend zusammenhanglosen, stark schwankenden Symptomengruppe drei gemeinsame klinische Merkmale: Exophthalmus, Struma und Tachykardie (3). Über diese später von Georg Hirsch als „Merseburger Trias“ bezeichnete Symptomenkonstellation hinaus litten die von Basedow beschriebenen vier Patient(inn)en an Gewichtsabnahme, Schweißausbrüchen, Diarrhö, Dyspnoe, verstärkter Hautdurchblutung, Unruhe, Tremor, Heißhunger, Unterschenkelödemen und die Frauen zudem an Amenorrhö (3). 1858 schlug Georg Hirsch vor, das Krankheitsbild „Basedowsche Krankheit“ zu nennen (4). Unter der Bezeichnung „Morbus Basedow“ ist sie über den deutschsprachigen Raum hinaus zu einem festen Begriff nicht nur bei Ärzten, sondern auch bei Laien geworden (2, 4, 5).

Während seines Medizinstudiums an der Universität Halle (Saale) 1817–1821 war Basedow von seinem klinischen Lehrer Peter Krukenberg (1787–1865), der sich in seiner eigenen Dissertation mit dem „Cancro bulbi oculi humani“ befasst hatte (5), zu einer exakten Diagnostik von Augenveränderungen angehalten worden; dies war für seine spätere Beschreibung des Exophthalmus hilfreich (6). Basedow erklärte die Entstehung des Exophthalmus bei seinen Patienten mit einer „strumösen Hypertrophie des Zellgewebes hinter dem Bulbus infolge einer erkrankten Circulation und fehlerhaften Crasis des Blutes“ (3). In späteren Untersuchungen bei Patienten mit Morbus Basedow beschrieben 1864 Albrecht von Graefe das Zurückbleiben des Oberlides beim Senken des Blickes („Graefesches Zeichen“) und 1869 Karl Stellwag von Carion den seltenen Lidschlag („Stellwagsches Zeichen“) sowie 1883 Paul Julius Möbius die Konvergenzschwäche („Möbiussches Zeichen“) (5).

Prioritätenstreit über einen langen Zeitraum

1893 entdeckte Friedrich v. Müller eine allgemeine Stoffwechselsteigerung bei M. Basedow, die 1895 von Magnus Levy durch Messung des Sauerstoffverbrauchs verifiziert wurde. 1896 erkannte Möbius, dass eine Schilddrüsenerkrankung dem Leiden zugrunde lag (5).

Über die Erstbeschreibung klinischer Zeichen der Hyperthyreose mit und ohne Exophthalmus war schon zu Lebzeiten Basedows ein sich über Jahre hinziehender Prioritätsstreit entbrannt. In seiner Veröffentlichung von 1840 zitierte Basedow die französischen Autoren St. Yves, Louis, Bousquet und Bellanger, die zwischen 1722 und 1821 Krankheitsfälle von Exophthalmus und anderen Augenphänomenen in ophthalmologischen und chirurgischen Zeitschriften veröffentlicht hatten (3). Er erwähnte auch eine Arbeit von Pauli über „Hydrophthalmus“, die 1837 in den Heidelberger medizinischen Annalen erschienen war (4).

Dagegen waren ihm frühere Veröffentlichungen anderer Autoren über Krankheitsbilder, die man der Hyperthyreose mit und ohne Exophthalmus zuordnen kann, offenbar nicht bekannt. Hierzu sind eine Mitteilung von Giovanni Battista Morgagni (1682–1771) von 1762 zu zählen und eine Beschreibung von Guiseppe Flajani (1741–1808) aus dem Jahr 1800. In Italien nannte und nennt man zum Teil noch heute die Hyperthyreose „malattia Flajani“ (4, 5). 1825 erschien in London im Nachlass bis dahin unveröffentlichter Schriften des englischen Arztes Caleb Hillier Parry (1775–1822) eine Beschreibung von Herzbeschwerden mit nachfolgend aufgetretener Struma. Parry erklärte den Pathomechanismus als starke Blutfülle der Schilddrüse infolge eines – durch das primäre nervöse Leiden oder das Herzleiden – gesteigerten Blutflusses zum Gehirn. Nach dieser Auffassung war nicht die Schilddrüse primärer Sitz der Erkrankung, sondern lediglich zwischengeschaltetes „Diverticulum“ für eine Hyperämie, die letztlich für das Gehirn „bestimmt“ war. (4, 5).

Robert James Graves (1796– 1853) beschrieb 1835 das Krankheitsbild in einem Artikel „Newly observed affection of the thyroid gland in femals“ im London Medical and Surgical Journal. Daher wird im anglo-amerikanischen Schrifttum die Hyperthyreose vorwiegend als „Graves’disease“ bezeichnet (4, 5). Der französische Kliniker Armand Trousseau (1801– 1867) setzte sich ebenfalls für diese Bezeichnung ein, um die medizinhistorische Priorität zu wahren (2, 3). Antoine Pierre Demours, ein französischer Augenarzt, hatte 1818 über ein Mädchen mit einseitigem Exophthalmus und Schilddrüsenvergrößerung berichtet. Daher findet man für die Hyperthyreose gelegentlich den Begriff „Maladie de Demours“, vor allem in der französischen Fachliteratur (4).

Erste vollständige Beschreibung durch Basedow

Wolf vermutete, dass Basedows Veröffentlichung von 1840 deswegen kaum Beachtung in der medizinischen Fachwelt fand, weil die von Dr. Casper herausgegebene Wochenschrift für die gesamte Heilkunde wenig verbreitet war (1). Lediglich der Driburger Badearzt Anton Theobald Brück erwähnte sie in einem Artikel, der in derselben Zeitschrift erschien. Brück berichtete darin über einige flüchtig beobachtete Fälle und schlug für das Krankheitsbild die Bezeichnung „Buphthalmus hystericus“ vor, weil er in der Hysterie die Ursache des Leidens sah (5).

Als 1848 der Berliner Kliniker Eduard Heinrich Henoch (1820– 1910) in seiner Publikation „Über ein mit Struma und Exophthalmus verbundenes Herzleiden“ behauptete, dass „nirgends deutsche Ärzte diesen auffallenden Symptomenkomplex erwähnen“ (5), ging Basedow in die Offensive. „Weil mir viel daran liegt, dass meine wenigen Beiträge nicht für unbescheidene Unterhaltungen mit Phantasiebildern gehalten werden, erlaube ich mir nachstehende Recapitulation“, verteidigte er sein geistiges Eigentum in der 1848 erschienenen Arbeit „Die Glotzaugen“ – wiederum in der Wochenschrift für die gesamte Heilkunde (7). Basedow fasste noch einmal die klinischen Symptome der „Glotzaugenkachexie“ zusammen und beschrieb außerdem erstmals Sektionsergebnisse bei einem Verstorbenen: strumöse, enorm vergrößerte Schilddrüse, schlaffes erweitertes Herz mit insuffizienten Klappen, langgezogene Nervi optici mit verkleinerten Bulbi, retrobulbäre Fettmengen und veränderte Augenmuskeln (7). Daraufhin korrigierte Henoch seine 1848 geäußerte Ansicht dahingehend, dass er 1851 Basedow als den ersten Autor bezeichnete, der den Symptomenkomplex „in seiner ganzen Bedeutung gewürdigt hat“ (5). Um den leidigen Prioritätsstreit zu schlichten, schlug Julius Hirschberg 1911 folgenden Kompromiss vor: „Flajani hat den Weg gewiesen, Parry hat die Priorität, dieses neue Krankheitsbild zuerst beschrieben zu haben, Graves hat es wiedergefunden und genauer geschildert, Basedow hat es noch einmal gefunden, aber zuerst vollständig beschrieben.“ (4)

Die Idee eines Zusammenhangs zwischen Exophthalmus und einer Schilddrüsenerkrankung sowie davon möglicherweise abhängigen anderen klinischen Symptomen tauchte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in mehreren Orten Europas auf, allerdings zeitlich etwas gestreckt. Mit dieser Einschränkung könnte man ansonsten der Intention des Düsseldorfer Medizinhistorikers Hans Schadewaldt folgen und von einem Elementargedanken sprechen. Auf jeden Fall waren Basedows Veröffentlichungen über die Symptomenkonstellation der „Merseburger Trias“ ein Meilenstein in der Erforschung der Hyperthyreose und anderer Schilddrüsenerkrankungen und gaben wichtige Impulse für weitere Untersuchungen, die bis zum heutigen Tag immer wieder zu neuen Erkenntnissen geführt haben.

Prof. Dr. med. Hans-Dieter Göring
Dessau-Roßlau

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/1514

Zeittafel zu Basedow

18. März 1799: Geburt in Dessau

1817–1821: Medizinstudium, Universität Halle (Saale)

Winter 1821/1822: Studienreise an Hospitäler in Paris. Unterricht am Krankenbett, Durchführung physikalischer und chemischer Untersuchungen, regelmäßige Sektionen, Assistenz bei Operationen

5. Juni 1822: Approbation als Arzt, Wundarzt und Geburtshelfer, Niederlassung in Merseburg

23. März 1823: Eheschließung mit Louise Friederike Scheuffelhuth (1800–1878);

11. August 1834: Prüfung als Kreisphysikus

1838: Mitglied der medizinischen Gesellschaft zu Leipzig

1841: Ernennung zum Sanitätsrat

1848: Publikation „Die Glotzaugen“

1848: Nachweis der Vergiftung durch die arsenhaltige Wandfarbe „Schweinfurter Grün“; Verbot der Farbe

11. April 1854: Tod in Merseburg.

1.
Wolff K: Über das Leben und die ärztliche Sendung von Karl (Adolph) von Basedow, ehem. Sanitätsrat und Kreisphysikus zu Merseburg. Med Welt 1935; 15: 34–6, 70–2.
2.
Sudhoff K: Carl A v Basedow (zu seinem 111. Geburtstag). Münch Med Wochenschr 1910; 57: 749–59.
3.
Basedow Dr. v., pract. Arzt in Merseburg: Exophthalmos durch Hypertrophie des Zellgewebes in der Augenhöhle. Wochenschrift für die gesamte Heilkunde 1840; 13: 197–204, 220–8.
4.
Seige K, Koch H-Th: 100 Jahre Merseburger Trias. Würdigung des großen deutschen Arztes Carl Adolph von Basedow anlässlich des Internationalen Schilddrüsen-Symposiums 1990 in Halle/Merseburg. Berlin: Med.-Wiss. Abteilung der Henning Berlin 1991.
5.
Buchheim L: Carl Adolph von Basedow zu seinem 100. Todestage. Endokrinologie 1954; 31: 129–33 MEDLINE
6.
Koch HTh: Ein Gutachten über die Medizinische Fakultät Halle von Johann Nepomuk Rust aus dem Jahre 1824. Acta Historica Leopoldina. Leipzig: J A Barth 1965.
7.
Basedow Dr. v., Sanitätsrath in Merseburg: Die Glotzaugen. Wochenschrift für die gesamte Heilkunde 1848; 49: 769–77.
1. Wolff K: Über das Leben und die ärztliche Sendung von Karl (Adolph) von Basedow, ehem. Sanitätsrat und Kreisphysikus zu Merseburg. Med Welt 1935; 15: 34–6, 70–2.
2. Sudhoff K: Carl A v Basedow (zu seinem 111. Geburtstag). Münch Med Wochenschr 1910; 57: 749–59.
3.Basedow Dr. v., pract. Arzt in Merseburg: Exophthalmos durch Hypertrophie des Zellgewebes in der Augenhöhle. Wochenschrift für die gesamte Heilkunde 1840; 13: 197–204, 220–8.
4. Seige K, Koch H-Th: 100 Jahre Merseburger Trias. Würdigung des großen deutschen Arztes Carl Adolph von Basedow anlässlich des Internationalen Schilddrüsen-Symposiums 1990 in Halle/Merseburg. Berlin: Med.-Wiss. Abteilung der Henning Berlin 1991.
5.Buchheim L: Carl Adolph von Basedow zu seinem 100. Todestage. Endokrinologie 1954; 31: 129–33 MEDLINE
6. Koch HTh: Ein Gutachten über die Medizinische Fakultät Halle von Johann Nepomuk Rust aus dem Jahre 1824. Acta Historica Leopoldina. Leipzig: J A Barth 1965.
7.Basedow Dr. v., Sanitätsrath in Merseburg: Die Glotzaugen. Wochenschrift für die gesamte Heilkunde 1848; 49: 769–77.

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