ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2014Skandalisierung des Arztes in den Medien: Den Wind aus den Segeln nehmen

POLITIK

Skandalisierung des Arztes in den Medien: Den Wind aus den Segeln nehmen

Dtsch Arztebl 2014; 111(15): A-627 / B-540 / C-520

Osterloh, Falk

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Nicht erst seit dem Transplantationsskandal werden Ärzte von Journalisten öffentlich an den Pranger gestellt. Wie sich Ärzte verhalten sollten, die in eine solche Situation geraten, diskutierten Experten beim 131. Chirurgenkongress.

Spätestens seit dem Conterganskandal Anfang der 1960er-Jahre sind Medizinskandale immer auch Medienskandale. Die öffentliche Suche nach Verantwortlichen gerät dabei nicht selten zu einer Jagd, bei der auch beteiligte Ärzte auf der Strecke bleiben können. Wie sich verhalten sollte, wer ins Visier der Medien gerät, diskutierten Ärzte und Journalisten auf dem 131. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie Ende März in Berlin. „Wir Journalisten wollen redlich bleiben, aber wir wollen auch unangenehme Fragen stellen“, sagte Joachim Müller-Jung von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). „Wir sehen uns in der Rolle des Wächters, das bedeutet: Zwischen Journalisten und Medizinern kann es keine Kumpanei geben. Die Interessen beider Seite dürfen nie in dieselbe Richtung gehen.“

Sensibilität entwickeln

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Damit ein Einzelfall Relevanz für die mediale Berichterstattung erhalte, müsse er für ein größeres Ganzes stehen und Grundsatzfragen behandeln – wie bei den Todesfällen von Frühchen in einer Bremer Kinderklinik, erklärte der Journalist und Politologe Prof. Dr. Frank Überall. Diesen Grundsatzfragen nachzugehen, sei Aufgabe der Journalisten. Um darauf zu reagieren, müsse ein Krankenhaus oder auch eine Fachgesellschaft im PR-Bereich gut aufgestellt sein, um rechtzeitig eigene Statements zu veröffentlichen und den öffentlichen Diskurs auf diese Weise mitzugestalten.

Prof. Dr. med. Karl-Walter Jauch, Vorstandsvorsitzender und Ärztlicher Direktor des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität München, forderte, dass Ärzte ihr Kommunikationsverhalten verbessern müssten: „Wir können vielleicht mit Patienten und Mitarbeitern gut kommunizieren. Aber bei der Kommunikation mit den Medien sind wir noch in der Steinzeit.“

Ein Skandal entstehe häufig dann aus einem Fehler, wenn Ärzte falsch reagierten oder kommunizierten. Bei Fehlervorwürfen sei es gut, wenn Ärzte eine Sensibilität dafür entwickelten, wann ihnen das Geschehen aus den Händen zu gleiten drohe. „Wichtig ist es dann, einen Kommunikationsberater zu haben“, sagte Jauch.

Er kritisierte zudem, dass Ärzte sich häufig von ihren Patienten abwendeten, wenn Komplikationen aufträten, statt die Kommunikation zu stärken. Auch „trauen wir uns nicht, zum Beispiel aus falsch verstandener Kollegialität, ein beobachtetes Fehlverhalten offenzulegen“. Es sei aber besser, dann genauer hinzuschauen und „unseren Berufsstand vor schwarzen Schafen zu schützen“. Jauch wies aber auch darauf hin, dass Betrügereien von Behandlungsfehlern unterschieden werden müssten und Behandlungsfehler von Komplikationen. Hier müsse auch die Ärzteschaft noch mehr dafür tun, dass diese Fälle in der öffentlichen Darstellung auseinander gehalten würden.

Journalismus zumeist redlich

„In der Regel funktioniert der Journalismus redlich“, meinte PR-Berater Prof. Dr. Klaus Kocks. Der Respekt vor der freien Presse schließe jedoch nicht aus, vor einer Medienkampagne zu warnen. Kocks nannte den Fall Wulff. Dieser habe vor Gericht einen Freispruch erzielt, zuvor aber die öffentliche Hinrichtung seiner Reputation erlebt. Wenn ein Medienskandal eingetreten sei, müsse man verschiedene Maßnahmen beachten: Den eigentlichen Vorwurf in Ordnung bringen, nicht lügen oder niemals Vorwürfe falsifizieren – sondern deren Gegenteil verifizieren. „Wehrlosigkeit ist in jedem Fall der schlechteste Zustand angesichts dessen, was Medienskandale Menschen und Institutionen antun können“, sagte Kocks.

FAZ-Journalist Müller-Jung wies darauf hin, dass für Journalisten der Kampf um die Aufmerksamkeit angesichts der neuen Medien intensiver geworden sei. Dabei würden die „bad news“ stärker wahrgenommen. „Wer im Umgang mit Journalisten etwas erreichen will, muss auch bereit sein, Auskunft zu geben“, riet er. Wer nicht liefere, sei möglicherweise bald geliefert. Eine restriktive Haltung gegenüber Medien führe in jedem Fall nicht zum Erfolg.

Falk Osterloh

video.aerzteblatt.de

Fühlen sich Ärzte und Ärztinnen in den Medien skandalisiert?
Das Deutsche Ärzteblatt hat Teilnehmer des 131. Deutschen Chirurgenkongress in Berlin befragt:

Video per QR-Code oder unter www.aerzteblatt.de/video58181

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