ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2014Notfallkontrazeption: Noch viele Fragen offen
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Bereits die Überschrift irritiert: Ein „Expertengremium“ befürworte die Rezeptfreiheit. Als dieses „Expertengremium“ wird das BfArM dargestellt – andere, mindestens ebenso kompetente Expertengremien sehen dies jedoch ganz anders:

sowohl der Bundesverband der Frauenärzte (in deren Kompetenzbereich nun einmal Fragen um Sexualhormone und Verhütung gehören) wie auch der Präsident der Bundes­ärzte­kammer.

Eine Aufhebung der Rezeptpflicht würde zahlreiche Fragen aufwerfen:

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  • Warum sollte ausgerechnet die „Pille danach“ mit einer durchschnittlich zehnmal höheren Dosis als normale Pillen und mit der 50-fachen einer Gestagen-Minipille (die alle rezeptpflichtig sind) rezeptfrei werden? Gibt es dafür medizinische oder nur ideologische Gründe?

Müssten dann nicht konsequenterweise alle Kontrazeptionspräparate von der Rezeptpflicht befreit werden?

  • Warum sollte der Zugang zu einer qualifizierten medizinischen Beratung verschlechtert oder unmöglich gemacht werden? Gerade die Anwenderinnen der „Pille danach“ gehören überdurchschnittlich unteren sozialen Schichten an, verhüten eben nicht adäquat oder sind minderjährig – sollte man gerade diesen jungen Frauen eine adäquate Beratung verweigern? Wäre dies nicht höchst unsozial und frauenfeindlich?
  • Gerade bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr oder gar den immer wieder zitierten Fällen sexuellen Missbrauchs – wäre gerade da nicht umso mehr eine Beratung bezüglich Geschlechtskrankheiten, Prävention und im letzteren Fall ein Anbieten entsprechender Hilfestellen wichtig?
  • Inwieweit würden die Interessen des Herstellers . . . über Wohl und die Gesundheit der Patientinnen gestellt? . . .
  • Lobbyisten betonen regelmäßig, dass eine abtreibende Wirkung nicht existieren würde. Aber ist die Wirkung nicht differenzierter zu betrachten und sehr viel komplexer mit einer Vielzahl von Wirkmechanismen? Je nach Zykluszeitpunkt entweder überwiegend eine Ovulationshemmung oder eben eine Nidationshemmung? Welche medizinische Grundlage hat die Behauptung, eine abtreibende Wirkung würde nicht existieren? . . .

In dieser Debatte wird Frauenärzten gerne vorgeworfen, sie wollten an der Rezeptpflicht aus eigenen wirtschaftlichen Interessen festhalten. Pikanterweise findet sich in derselben Ausgabe des DÄ ein Artikel über die deutliche Zunahme sexuell übertragbarer Infektionen. Eine Aufhebung der Rezeptpflicht hat in anderen Ländern wie England oder Frankreich nicht nur zu einer Zunahme von ungewollten Schwangerschaften geführt, sondern führt auch zu einer Zunahme von Geschlechtskrankheiten und als Spätfolge zu einer Zunahme unerfüllten Kinderwunsches.

Eine Abschaffung der Rezeptpflicht würde nicht weniger, sondern mehr Arbeit für Gynäkologen bedeuten – eine sinnvolle Prävention und Fürsorge dürfte jedoch anders aussehen.

Dr. med. Michael Kiworr, 68305 Mannheim

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