ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2014Dialyseversorgung in Deutschland (I): Sachkosten höher als angenommen

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Dialyseversorgung in Deutschland (I): Sachkosten höher als angenommen

Dtsch Arztebl 2014; 111(15): A-622 / B-537 / C-517

Rieser, Sabine

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Niedergelassene Nephrologen mussten 2013 eine Senkung der Kostenpauschale hinnehmen, weitere sollen folgen. Dies will ihr Berufsverband mit Hilfe eines Gutachtens verhindern.

Was kostet die Dialyse wirklich? Diese Frage beantwortet der Verband Deutsche Nierenzentren mit einem Gutachten so: mehr als bisher angenommen. Foto: dpa
Was kostet die Dialyse wirklich? Diese Frage beantwortet der Verband Deutsche Nierenzentren mit einem Gutachten so: mehr als bisher angenommen. Foto: dpa

Die Pauschalen für nichtärztliche Sach- und Dienstleistungen (Sachkosten), die bei der Versorgung von Dialysepatienten in Praxen niedergelassener Nephrologen anfallen, sind im Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) um ein Viertel zu niedrig angesetzt. Zu diesem Ergebnis kommt der Volkswirt Dr. sc. pol. Thomas Drabinski, Leiter des Kieler Instituts für Mikrodaten-Analyse, in einem Gutachten. Auftraggeber ist der Verband Deutscher Nierenzentren (DN), in dem circa 800 Ärztinnen und Ärzte aus mehr als 330 Praxen Mitglied sind.

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Nach Drabinskis Analysen liegen die jährlichen Gesamtkosten, was den technischen Leistungsanteil der Praxis anbelangt, im Durchschnitt bei ungefähr 990 000 Euro je Versorgungsauftrag. Dabei sind die Kosten für Privatpatienten nicht eingerechnet. Im EBM werden nur Kosten von etwa 740 000 Euro zugrunde gelegt. Die Angaben beziehen sich auf Praxen, die ärztliche und Dialyse-Sachkostenpauschalen über die Kassenärztlichen Vereinigungen abrechnen. Arztpraxen und Zentren des Kuratoriums für Dialyse und Nierentransplantation und der Stiftung der Patienten-Heimversorgung wurden nicht befragt.

„Die dem EBM zugrunde gelegte Struktur der Praxiskosten unterschätzt die tatsächliche Struktur um rund 25 Prozent“, so Drabinski. Dies entspricht etwa 250 000 Euro je Versorgungsauftrag. Dieser beinhaltet die Genehmigung, durchschnittlich 50 Dialysepatienten zu behandeln. In einem EBM-Neubewertungsprozess seien die Dialyse-Sachkosten-Pauschalen deshalb „nicht nur zu überprüfen, sondern auch gründlich zu überarbeiten“.

Kosten sind ein Viertel höher

Für die Auswertung hatte der Berufsverband seine Mitglieder um Auskunft gebeten. 84 Prozent beteiligten sich. Ein Großteil der übermittelten Daten ist nach Angaben des Kieler Instituts durch Testate von Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern untermauert. „Das Ergebnis gibt einen Überblick über die Realität der Dialyseversorgung, der in dieser Tiefe und Breite bislang nicht existierte“, so der DN. Demnach versorgt eine nephrologische Praxis im Durchschnitt etwa 111 Dialysepatienten. Ungefähr 93 Prozent ihrer Einnahmen erzielt sie durch gesetzlich krankenversicherte Patienten.

Der Verband Deutsche Nierenzentren will mit Hilfe der erhobenen Daten nachweisen, dass die Nephrologen nicht zu viel verdienen. Diese Annahme war nach Darstellung des Vorstandsvorsitzenden Dr. med. Michael Daschner in der Zeitschrift „Der Nephrologe“ vom Februar 2014 Anlass für eine Absenkung der Sachkosten-Pauschalen zum 1. Juli 2013 um 100 Millionen Euro jährlich. Eine weitere Senkung um 80 Millionen Euro jährlich ist für 1. Januar 2015 geplant, sie will der DN verhindern. Die ursprünglichen Pauschalen habe man 2002 eingeführt und dann zehn Jahre lang nicht mehr angepasst, so Daschner: „Dabei stiegen die Kosten kontinuierlich; allein die Pflegepersonalkosten liegen um etwa 35 Prozent höher als bei Einführung der Pauschale.“

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) signalisierte Unterstützung. Man werde die Datenerhebung in die Verhandlungen mit den Krankenkassen einbringen, versicherte KBV-Honorardezernent Dr. rer. pol. Ulrich Casser. Sie sei „ein sehr gutes Abbild der Kosten“. Deshalb werde die KBV einer weiteren Absenkung der Dialyse-Sachkosten nicht zustimmen.

Die Absenkung 2013 ging nach Angaben Drabinskis wesentlich auf Daten des Statistischen Bundesamtes zurück, die im Jahr 2007 erhoben wurden. Das Institut des Bewertungsausschusses habe sie genutzt und die Senkung daraus abgeleitet. Nach Ansicht Drabinskis sind die Daten des Amtes jedoch unzulänglich. Dies zeige bereits dessen jüngere Erhebung 2013. Zudem sei die ursprünglich verwendete Stichprobe aus 56 Praxen sehr klein.

Sabine Rieser

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