ArchivDeutsches Ärzteblatt9/1999Klinik-Clowns im Kinderkrankenhaus: Eine Therapie mit Tröten und Luftballons

VARIA: Feuilleton

Klinik-Clowns im Kinderkrankenhaus: Eine Therapie mit Tröten und Luftballons

Dtsch Arztebl 1999; 96(9): A-561 / B-494 / C-454

Bühring, Petra

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LNSLNS In New York nennen sie sich "Big Apple Circus Clown Care Unit", in Graz
"Rote Nasen Clown Doctors" und in Köln "Kunst im Kinderkrankenhaus" - Netzwerke von Künstlern, die Kindern den Aufenthalt im Krankenhaus erleichtern wollen.


Der sechsjährige Christian liegt seit vier Wochen mit schweren Verbrennungen im Bett eines Zimmers des Kinderkrankenhauses Köln-Riehl. Mit großen, verängstigten Augen blickt er auf jeden Eintretenden, doch sein Gesicht hellt sich sofort auf, als er Clown Selma, alias Diplom-Musiktherapeutin Anke Schaefer, sieht. Vorsichtig fragt sie, ob sie willkommen ist. Christian nickt, denn reden möchte oder kann er wegen seiner Schmerzen nicht. Clown Selma läßt mit großem Einfühlungsvermögen den Affen Coco, ein Maskottchen, für Christian sprechen. Coco möchte mit Selma spielen, die ihren großen Koffer voller Spielzeug öffnet. Christians Augen strahlen, und er scheint seine Schmerzen für einen Moment zu vergessen. Verhalten, aber fröhlich beginnt er zu den Klängen von Selmas Akkordeon zu summen.
Clown Selma und Clown Fiorelina besuchen verschiedene Stationen des Kinderkrankenhauses Köln-Riehl seit 1996 regelmäßig. Gemeinsam mit Clown Charlotte, die seit 1995 die internistische, onkologische und kardiologische Station der Universitätsklinik zu Köln besucht, seit kurzem unterstützt von Clown Allika, bilden sie das Team des gemeinnützigen Vereins "Kunst im Kinderkrankenhaus", kurz KiKK e.V. genannt. Die KlinikClowns von KiKK besitzen alle eine pädagogische und künstlerische Ausbildung. Sie wollen den Kindern einen langen Kranken­haus­auf­enthalt erträglicher machen, denn im Krankenhaus hört der Spaß auf: Öde Flure, triste Wände, träge Tage und schmerzhafte Behandlungen sind für Erwachsene schon schlimm genug, für Kinder aber noch deprimierender. Eine Ablenkung von der Krankheit
Michael Christensen gründete 1986 in New York die "Big Apple Circus Clown Care Unit". Inzwischen erkennen immer mehr Klinikdirektoren und Krankenhausfördervereine in vielen Städten Deutschlands und Europas, aber auch in Kanada und Brasilien, wie gut den Kindern die Arbeit der Clowns tut. Bevor Clown Selma das Zimmer eines Kindes betritt, erkundigt sie sich bei den Schwestern nach dem momentanen Befinden. Ist ein Kind gerade frisch operiert oder schläft es, geht sie nicht in das Zimmer. Doch auch, wenn alles in Ordnung zu sein scheint, erfordert ihre Arbeit großes Einfühlungsvermögen, denn sie muß mit den Kindern in sehr engen Kontakt treten, um eine Beziehung aufzubauen. Anke Schaefer liebt die Arbeit als Klinik-Clown, weil sie "fasziniert" ist, "wie wenig Leiden bei den Kindern spürbar ist und weil soviel von ihnen zurückkommt, das Lachen, die Augen und wie sie sich freuen". Im nächsten Zimmer, das Clown Selma besucht, liegen Sec¸uk, Brahim und Achim. Den drei Jungs geht es gesundheitlich besser als dem kleinen Christian, und entsprechend munter ist die Stimmung. Clown Selma muß hier nicht allein unterhalten, sondern entwickelt mit den Kindern zusammen ihr Spiel. Quietschende Tröten und pfeifende Luftballons bringen die kleinen Patienten zum Lachen.
Die Ärzte und Krankenschwestern auf den Stationen im Kinderkrankenhaus, die Clown Selma besucht, erleben ihre Arbeit als Unterstützung, denn den Kindern geht es nach einem Besuch sichtbar besser. Schwester Claudia von Station B 3 erzählt, daß die Kinder in der Zeit, die Selma mit ihnen verbringt, ihre Krankheit vergessen und danach deutlich munterer seien. Sie würden nach einem Besuch - einmal pro Woche - immer wieder nach ihr fragen.
Prof. Dr. med. Felix Bläker, Ärztlicher Direktor der Kinderklinik, aufgeschlossen gegenüber allen Neuerungen, hat die Arbeit der Clowns von Anfang an unterstützt. Seiner Meinung nach wirkt die Clown-Therapie "über den Spaß und über die Freude auf die Gesundheit der Kinder". Sie sei "eine Ablenkung von der Krankheit und den Schmerzen, aber auch von den Verzweiflungen, weil sie hier allein gelassen sind". Jede Ablenkung bringe für den Zeitraum auch eine Besserung und sei in kleinen Schritten ein richtiger Weg zur Genesung.
Im Juni dieses Jahres fand in Münster das 1. Europäische Clinic-Clowns-Festival statt. Organisiert vom Kulturreferenten der Universität Münster, Christian Heek, trafen sich dort mehr als 90 Clowns aus acht europäischen Ländern, um Erfahrungen auszutauschen und ihre Shows vorzustellen. Die meisten Klinik-Clowns stehen nämlich neben ihrer Arbeit im Krankenhaus oft auch mit eigenen Programmen auf der Bühne. Erstes Clinic-Clowns-Festival
Zur Freude aller Festivalteilnehmer kam auch Michael Christensen nach Münster, der vor 13 Jahren die erste Klinik-Clown-Initiative ins Leben gerufen hat. Der Vater der Klinik-Clowns entwickelte ein Konzept, das von dem der Kölner abweicht: sein Team arbeitet grundsätzlich zu zweit, verkleidet als Clown-Doktoren in weißen Kitteln. Ausgestattet mit ärztlichen Instrumenten, die zu Spielzeug umgewandelt sind, versuchen sie, den Kindern die Angst vor der Untersuchung und dem Schmerz zu nehmen. Anke Schaefer war anfangs von diesem Konzept nicht so begeistert, da sie bei Kindern, die oft im Krankenhaus waren, festgestellt hat, daß sie allergisch auf Arztkleidung reagieren. "Sie fangen oft schon an zu schreien, wenn sie einen weißen Kittel sehen." Michael Christensen konnte sie auf dem Festival jedoch davon überzeugen, daß man diese Angst auch wieder "entkoppeln kann, mit Seifenblasen, Spielereien und eben Instrumenten, die spielerisch eingesetzt werden". Trotzdem werden die Clowns von KiKK dieses Konzept nicht in ihre Arbeit einbauen. Denn sie arbeiten ganz individuell, je nach ihren unterschiedlichen künstlerischen Ausbildungen: die Musiktherapeutin Anke Schaefer geht beispielsweise immer mit Akkordeon auf die Stationen, während Clown Allika, alias Theaterpädagogin Hanna Westerboer, niemals ihre Handpuppen vergißt. Außerdem arbeiten sie allein mit den Kindern, weil die finanzielle Situation es so erfordert. Potentielle Klinik-Clowns gibt es nämlich genug: Viele Künstler stehen bei KiKK auf der Warteliste.
Da die Krankenhäuser nicht über genügend finanzielle Mittel verfügen, ist der Verein "Kunst im Kinderkrankenhaus" auf Spenden und Sponsoren angewiesen. Doch davon lassen sich gerade mal die Kosten des Büros bezahlen. Das Honorar für ihre eigentliche Arbeit am Krankenbett erhalten die Klinik-Clowns von den Fördervereinen der Krankenhäuser: ein Stundenhonorar, das unter künstlerischen Gesichtspunkten sehr niedrig ist. Es gehört schon viel Engagement und Liebe zu den Kindern dazu, für diesen Lohn den Clown zu machen.
Petra Bühring

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