ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2014Inhaltliche Inkonsistenzen
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Die Autoren (1) schlagen basierend auf fehlerhafter und unvollständiger Datenlage Algorithmen für die Schilddrüsendiagnostik vor, die zumindest in der deutschen Situation als (ehemaliges) Jodmangelgebiet so nicht anwendbar sind.

Die genannte Spezifität der Szintigraphie von 5 % ist nicht korrekt – die 3 angeführten Zitate sind nicht beweiskräftig: eine 20 Jahre alte irische Studie, zwei Übersichtsarbeiten ohne konkretes Datenmaterial.

Es finden sich darüber hinaus einige handwerkliche Inkonsistenzen:

Erstens: Die zitierte europäische Guideline wurde im Juni 2006 vorgestellt, die übrigen später, diese waren also zum Erhebungszeitraum noch nicht publiziert. Die Verfahrensanweisung der Deutschen Gesellschaft für Nuklearmedizin von 2003 (2), abgestimmt mit den Deutschen Gesellschaften für Endokrinologie und Chirurgie und bei der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) hinterlegt, wurde nicht referenziert.

Zweitens: Die Autoren haben ihre Daten mit einer Grafik der AACE/AME/ETA-Guideline kombiniert, die erst 2010, 2 Jahre nach Datenerhebungsende, publiziert wurde.

Drittens: Woher sollte bekannt gewesen sein, dass 94 % der Patienten, die eine Szintigraphie erhielten, auch einen niedrigen TSH-Wert (TSH = Thyreoidea-stimulierendes Hormon) oder multinodöse Strumen aufwiesen? Auch die Szintigraphie bei (euthyreoten) uninodösen Strumen war „leitlinienkonform“. Laut der gültigen deutschen Leitlinie (2) besteht die Indikation zur Schilddrüsenszintigraphie unter anderem bei:

  • tastbaren und/oder sonographisch abgrenzbaren Herdbefunden (Knoten ≥ 1 cm).
  • Verdacht auf fokale/diffuse Autonomie bei manifester/latenter Hyperthyreose
  • nach definitiver Therapie zur Dokumentation des Therapieerfolges
  • gegebenenfalls im Verlauf unbehandelter Autonomien.

Der abgebildete Algorithmus kann dementsprechend nicht auf deutsche Verhältnisse übertragen werden. Ein einzelner Knoten würde demnach ohne szintigraphische Abklärung bei einer Größe ≥ 1 cm direkt feinnadelpunktiert. Für einen hyperfunktionellen und damit benignen Knoten lautet der zytopathologische Befund oft „follikuläre Neoplasie“, und der Patient würde wegen der versäumten Szintigraphie unnötigerweise operiert. In einer aktuellen deutschen Studie fand sich bei 70 % aller fokalen Autonomien kein erniedrigter TSH-Wert (3).

Viertens: Die zitierte Arbeit (Fast et al.) zur Schilddrüsenhormongabe in der Strumatherapie untersucht das längst verlassene Konzept der TSH-suppressiven Levothyroxingabe; eine kürzlich erschienene, methodisch überlegene deutsche Studie bleibt hingegen unerwähnt (4).

DOI: 10.3238/arztebl.2014.0288a

Dr. med. Michael C. Kreißl
Klinik für Nuklearmedizin, Klinikum Augsburg/Klinik für Nuklearmedizin,
Universitätsklinikum Würzburg
Michael.Kreissl@klinikum-augsburg.de

Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Andreas Bockisch
Klinik für Nuklearmedizin, Universitätsklinikum Essen

Prof. Dr. med. Markus Dietlein
Klinik für Nuklearmedizin, Universitätsklinikum Köln

Prof. Dr. med. Frank Grünwald
Klinik für Nuklearmedizin, Universitätsklinikum Frankfurt am Main

Prof. Dr. med. Markus Luster
Klinik für Nuklearmedizin, Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH, Marburg

Für die Arbeitsgemeinschaft Schilddrüse der Deutschen Gesellschaft für Nuklearmedizin

Interessenkonflikt
Prof. Grünwald bekam Vortragshonorare von den Firmen Sanofi/Henning, Merck, Thermofischer, GE. Die übrigen Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Wienhold R, Scholz M, Adler JB, Günster C, Paschke R. The management of thyroid nodules—a retrospective analysis of health insurance data. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(49): 827–34. VOLLTEXT
2.
Dietlein M, Dressler J, Eschner W, Leisner B, Reiners C, Schicha H; Deutsche Gesellschaft für Nuklearmedizin; Deutsche Gesellschaft für Medizinische Physik: Leitlinie zur Schilddrüsendiagnostik (Version 2). Nuklearmedizin 2003; 42: 120–2.
3.
Graf D, Helmich-Kapp B, Graf S, Veit F, Lehmann N, Mann K: Funktionelle Aktivität fokaler Schilddrüsenautonomien in Deutschland. Dtsch Med Wochenschr 2012; 137: 2089–92 CrossRef MEDLINE
4.
Grussendorf M, Reiners C, Paschke R, Wegscheider K; LISA Investigators: Reduction of thyroid nodule volume by levothyroxine and iodine alone and in combination: a randomized, placebo-controlled trial. J Clin Endocrinol Metab 2011; 96: 2786–95 CrossRef MEDLINE PubMed Central
1.Wienhold R, Scholz M, Adler JB, Günster C, Paschke R. The management of thyroid nodules—a retrospective analysis of health insurance data. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(49): 827–34. VOLLTEXT
2.Dietlein M, Dressler J, Eschner W, Leisner B, Reiners C, Schicha H; Deutsche Gesellschaft für Nuklearmedizin; Deutsche Gesellschaft für Medizinische Physik: Leitlinie zur Schilddrüsendiagnostik (Version 2). Nuklearmedizin 2003; 42: 120–2.
3.Graf D, Helmich-Kapp B, Graf S, Veit F, Lehmann N, Mann K: Funktionelle Aktivität fokaler Schilddrüsenautonomien in Deutschland. Dtsch Med Wochenschr 2012; 137: 2089–92 CrossRef MEDLINE
4.Grussendorf M, Reiners C, Paschke R, Wegscheider K; LISA Investigators: Reduction of thyroid nodule volume by levothyroxine and iodine alone and in combination: a randomized, placebo-controlled trial. J Clin Endocrinol Metab 2011; 96: 2786–95 CrossRef MEDLINE PubMed Central

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