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Notfallkontrazeption: Streit um „Pille danach“

Medizin studieren, 2/2014: 24

Hibbeler, Birgit

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Foto: Fotolia/lydiakrumpholz
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Sollen Frauen Levonorgestrel (PiDaNa®) künftig ohne Rezept in der Apotheke bekommen? „Nein“, sagen Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) und die Ärzte. „Ja“, meinen SPD, Opposition und die Bundesvertretung der Medizinstudierenden.

Text: Dr. med. Birgit Hibbeler

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Der Fall sorgte bundesweit für Aufsehen: In einem katholischen Krankenhaus in Köln wurde einer vergewaltigten Frau die Behandlung verweigert – mit der Begründung, man könne ihr ja ohnehin die „Pille danach“ nicht verordnen. Die Empörung war groß. Und die katholische Kirche änderte daraufhin ihre Haltung zur „Pille danach“. Der Vorfall befeuerte aber auch die Debatte darüber, ob der Zugang zu dem Medikament erleichtert werden muss. Denn es wirkt umso besser, je früher es eingenommen wird.

Soll Levonorgestrel (PiDaNa®) künftig ohne Rezept in der Apotheke erhältlich sein? Dazu gehen die Meinungen auseinander. Die SPD und die Opposition im Bundestag sind dafür. Auch der Sachverständigenausschuss am Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte empfiehlt, Levonorgestrel aus der Rezeptpflicht zu entlassen. Das Präparat sei gut getestet und entfalte kaum unerwünschte Nebenwirkungen.

Ganz anders sehen es die Unionsfraktion und Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU). Trotz eines anders lautenden Bundesratsbeschlusses will er an der Verschreibungspflicht festhalten und keine entsprechende Rechtsverordnung auf den Weg bringen. Er warnte vor einer „Debatte mit Schaum vor dem Mund“. Seine Position wird von der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) unterstützt. Die betroffenen Frauen brauchten Beratung durch einen Facharzt, meint BÄK-Präsident Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery. „Eine Apotheke kann das nicht in gleicher Form gewährleisten.“ Das finden auch der Berufsverband der Frauenärzte (BVF) und die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). Laut BVF und DGGG ist Levonorgestrel außerdem nicht mehr Mittel der ersten Wahl bei der Notfallkontrazeption.

Es gibt zwei Wirkstoffe, die in Deutschland als Notfallkontrazeptivum zum Einsatz kommen. Das ist neben dem Gestagen Levonorgestrel der Progesteronrezeptor-Modulator Ulipristalacetat (ellaOne®). Ein Unterschied: Levonorgestrel wirkt bis zu 72 Stunden nach dem ungeschützten Verkehr, Ulipristalacetat bis zu 120 Stunden. Nach Angaben von BVF und DGGG hat Ulipristalacetat zudem eine bessere Wirksamkeit.

Beide Präparate sind keine Abtreibungspillen und nicht zu verwechseln mit dem Präparat RU 486 (Mifegyne®). Sowohl Levonorgestrel als auch Ulipristalacetat sind Ovulationshemmer, verhindern also den Eisprung. Allerdings ist die Wirkung von Levonorgestrel besser untersucht als die von Ulipristalacetat. Doch, so stellt Prof. Dr. med. Bettina Toth, DGGG-Vorstandsmitglied, klar: Es gebe bei beiden Präparaten keine Hinweise, dass sie in der empfohlenen Dosierung einen „klinisch relevanten Einfluss“ auf die Gebärmutterschleimhaut hätten und die Einnistung eines befruchteten Eis beeinträchtigten. Während Levonorgestrel in vielen europäischen Ländern ohne Rezept zu haben ist, gibt es für Ulipristalacetat eine europaweite Rezeptpflicht.

Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden (bvmd) plädiert in einem Positionspapier dafür, dass Levonorgestrel ohne Rezept zu haben sein soll. „Wir sind überzeugt, dass die sexuelle Selbstbestimmung und die Gesundheit der betroffenen Frauen sehr wohl mit der rezeptfreien Abgabe von levonorgestrelhaltigen Notfallkontrazeptiva vereinbar sind“, schreibt die bvmd in einem offenen Brief an Minister Gröhe.

@Stellungnahmen zur „Pille danach“ unter www.aerzteblatt.de/st1424

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