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Studieren im Ausland: Improvisation ist alles

Medizin studieren, 2/2014: 7

Schmitt-Sausen, Nora

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Wer sich für einen Auslandsaufenthalt auf Kuba entscheidet, muss sich auf eines einstellen: Hier ticken die Uhren anders.

10. Teil: Kuba

Foto: dpa
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Text: Nora Schmitt-Sausen

Keine Kartoffeln, zu wenig Verbandsmaterial, alte Autos auf den Straßen: Im sozialistischen Inselstaat Kuba herrscht ein Mangel an vielen alltäglichen Dingen. Auch in der Medizin. Selbst im Galixto Garcia, dem Lehrkrankenhaus der Universität Havanna, ist das tägliche Arbeiten von Einschränkungen geprägt. So gibt es zwar beispielsweise verhältnismäßig viele Geräte für die Diagnostik. Fraglich ist allerdings, ob diese auch funktionieren. „Irgendwas ist immer kaputt. Und es dauert Tage, wenn nicht Wochen, bis Probleme gelöst werden“, sagt Hanna Weckler, die im vergangenen Frühjahr ein Tertial ihres praktischen Jahrs (PJ) auf Kuba verbracht hat. „Daran muss man sich erst einmal gewöhnen.“

Das Überraschende: Trotz des Mangels an allen Ecken hat Kubas Gesundheitssystem einen guten Ruf. Die Regierung investiert im Vergleich zu vielen anderen lateinamerikanischen Staaten viel Geld in die Versorgung. Kubas Einwohner müssen für die Behandlung keinen Cent bezahlen, sie gehen gratis zum Arzt. Auch wenn die Ausstattung vieler Krankenhäuser zunehmend schlecht ist, gelten die ärztliche Ausbildung und die Patientenversorgung als vorbildlich. In der Lehre herrschen westliche Standards. „Die Inhalte der Vorlesungen waren denen in Deutschland sehr ähnlich“, urteilt auch Weckler, die nach dem Krankenhausdienst am Vormittag regelmäßig Veranstaltungen an der Universität besuchte. Für die Studentin der Berliner Charité war der Aufenthalt auf Kuba ein wahres Multikulti-Erlebnis, denn viele angehende Mediziner aus Nachbarstaaten werden auf Kuba ausgebildet. Die 27-Jährige arbeitete im Krankenhaus mit Studenten und Assistenzärzten aus Mexiko, Peru, Bolivien und Guyana zusammen. Zu kubanischen Medizinstudenten hatte Weckler dagegen kaum Kontakt. Sie werden vom Staat zum Ende ihrer Ausbildung dazu verpflichtet, die Landbevölkerung zu versorgen.

Die Not macht im ärztlichen Alltag erfinderisch. Selbst in der Chirurgie, in der Weckler ihre Zeit verbrachte, ist Einfallsreichtum gefragt. Nicht selten muss improvisiert werden, weil es an elementaren Dingen fehlt. Als Auffangbehälter müssen leere Flaschen herhalten. Wenn keine andere Option mehr zur Verfügung steht, werden in der Therapie selbst schwere Wunden mit Honig behandelt. Das ein oder andere Mal musste Weckler ob dieser Szenarien ziemlich schlucken: „In manchen Fällen war es schon schwierig, bei dieser improvisierten Versorgung zuzusehen.“

„Irgendwas ist immer kaputt. Und es dauert Tage, wenn nicht Wochen, bis Probleme gelöst werden.“ Hanna Weckler, PJlerin auf Kuba
„Irgendwas ist immer kaputt. Und es dauert Tage, wenn nicht Wochen, bis Probleme gelöst werden.“ Hanna Weckler, PJlerin auf Kuba

Nicht selten ist Glück statt medizinischer Sachverstand und Diagnosefähigkeit entscheidend. Beispielsweise bei der Auswertung von Röntgenbildern. „Das Röntgengerät war uralt. Die Bilder waren voller Flecken. Man konnte gar nicht mehr wirklich entscheiden, was man da nun genau sieht.“ Auch bei der Vergabe von Medikamenten darf man auf Kuba keine deutschen Maßstäbe anlegen. Die Auswahl ist sehr begrenzt – und man muss hoffen, dass die Mittel greifen, die zur Verfügung stehen. Im Galixto Garcia hatten die Ärzte lediglich Zugriff auf einige wenige Antibiotika. Und: Viele der verwendeten Mittel würden in Deutschland wahrscheinlich nicht verwendet werden dürfen, sagt Weckler. Vor allem Handschuhe und Infusionsschläuche seien oftmals Mangelware gewesen. Dass ihre Behandlung oft nicht konform zum eigentlich notwendigen wissenschaftlichen Standard sei, wüssten alle Ärzte auf Kuba. Doch die schlechte Ausstattung lasse in der Praxis kein anderes Arbeiten zu. Weckler wusste im Vorfeld, was sie erwartet. In ihrem Kuba-Reisegepäck waren Mundschutz, Desinfektionsmittel, Handschuhe, Hauben und Schutzkleidung.

Die besonderen Rahmenbedingungen auf Kuba führen zu einem besonderen Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten. „Das Verhältnis ist richtig schön“, sagt Weckler. „Man kann mit ihnen, und auch den Angehörigen, produktiv arbeiten und eine gute Beziehung aufbauen.“ Die Kubaner brächten den Ärzten sehr viel Dankbarkeit entgegen. Viele Ärzte des Galixto Garcia arbeiteten regelmäßig auch außerhalb Havannas und versorgen Patienten auf dem Land. „Die Ärzte bekommen von den Menschen dann oft Lebensmittel geschenkt“, berichtet Weckler.

Umso erstaunlicher ist dies: Ärzte und Pflegekräfte verdienen schlecht. Wie bei vielen anderen Staatsangestellten reiche das Gehalt bei manchen kaum zum Leben, berichtet Weckler. Das wirke sich leider im Klinikalltag aus, findet sie. „Gerade bei den Pflegekräften kam manchmal eine Ist-mir-egal-Haltung heraus. Man konnte sich beispielsweise nicht darauf verlassen, dass sie sich darum kümmern, dass nach einer OP ausreichend Verbände da sind.“

Überhaupt: Wer im PJ eine relaxte Zeit verleben möchte, der ist auf Kuba fehl am Platz. Allein das Alltagsleben beansprucht ob des allgegenwärtigen Mangels viel Zeit und Geduld. Auch zwischenmenschlich ist es für Ausländer nicht ganz leicht zurechtzukommen. „Die Kubaner sind Fremden gegenüber misstrauisch. Ein kritisches Wort über das Regime fällt nicht. Gleichzeitig sind viele auf das Geld von Touristen oder Besuchern wie mir aus.“

Dennoch: Weckler würde jederzeit wieder Zeit auf Kuba verbringen. Die Unterschiede in Politik, Gesellschaft und Medizin machten den Aufenthalt unvergesslich. Und natürlich: „Kuba ist ein wunderschönes Land, Havanna eine tolle Stadt. Die Menschen lieben die Musik und die Kultur, und es gibt unzählige Möglichkeiten, Konzerte und Ausstellungen zu besuchen.“ Nicht zuletzt hat Kuba auch mit seinen Traumstränden Eindruck hinterlassen. „Kuba ist genau so, wie man sich die Karibik vorstellt.“

@Bisher in dieser Reihe erschienen:
Teil 1: USA, Teil 2: Skandinavien, Teil 3: Schweiz,
Teil 4: Großbritannien, Teil 5: Österreich, Teil 6: Thailand,
Teil 7: Spanien, Teil 8: Indien, Teil 9: Frankreich
www.aerzteblatt.de/studieren/ausland

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