ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2014Von schräg unten: 20 Euro

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: 20 Euro

Dtsch Arztebl 2014; 111(16): [60]

Böhmeke, Thomas

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Irgendjemand muss es machen. Ja, liebe Kolleginnen und Kollegen, auch wenn ich nur der Letzte im Deutschen Ärzteblatt bin, so fühle ich mich doch aufgerufen, Ihnen ein Chapeau zuzurufen. Ein großes und herzliches Dankeschön an alle Kolleginnen und Kollegen im Krankenhaus, die ebenso unzählige wie unbezahlte Überstunden leisten, um unsere Schutzbefohlenen so fachkundig wie liebevoll zu versorgen. Genauso gilt mein ehrlicher und bewundernder Respekt allen Niedergelassenen, die sich Tag für Tag, Nacht für Nacht für ihre Patienten aufreiben, auch wenn ihre Leistungen in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) immer schlechter oder gar nicht mehr vergütet werden. Wir setzen uns nach allen Kräften ein, arbeiten bis zum Umfallen, aber keiner unserer Patienten regt sich darüber auf, dass die Krankenkassen uns immer miserabler bezahlen. Oder doch?

„Arzt müsste man sein! Man sitzt nur ’rum, fertigt die Leute im Minutentakt ab und kassiert Millionen!“ Ach, wirklich? „Ja klar, ich will nicht wissen, was meine Krankenkasse an Sie abdrücken muss, so häufig, wie Sie mich einbestellen!“ Dass ich ihn so häufig in die Praxis bitte, ist in der Tat so. Denn er leidet an einer dilatativen Kardiomyopathie, und die Dosierungen der kardial entlastenden Therapien lassen sich mit der notwendigen Präzision nur über regelmäßige echokardiographische Kontrollen steuern. „Ja, is’ klar, an dem Ultraschallgerät ist vorne das Bild, und hinten kommen die Geldscheine ’raus!“ Ach, ja? Nur zu seiner Information, ich bekomme lediglich einen bestimmten Betrag von der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung im Quartal, ganz gleich, ob ich ihn nur einmal sehe oder zehnmal. „Ich will nicht wissen, wie viel das ist. Ihr Ärzte tut immer so, als würdet ihr Not leiden, als wärt ihr alle Notärzte, haha!“

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Soso. Ich krame in meiner Brieftasche und lege einen 20-Euro-Schein auf den Sprechzimmertisch. „Was ist das?“ Das ist mein Honorar, dass ich für die Behandlung in diesem Quartal von seiner Kran­ken­ver­siche­rung bekomme. „Das da?!“ Jawohl. Präziser gesagt, mein Erlös. Das bleibt mir übrig, wenn ich die Gehälter meiner Angestellten, die Miete der Praxisräume, die Beiträge für die Versicherungen, die Rücklagen für Investitionen einrechne. „Das ist nicht wahr!“ Doch. Dafür habe ich ihn in diesem Quartal schon viermal echokardiographiert, seine Medikation und die Blutdruckwerte überprüft, Labor- und EKG-Analysen durchgeführt. „Sie wollen mich verschaukeln!“ Niemals würde ich so etwas tun. Halt, ich habe vergessen, dass ich die 20 Euro noch versteuern muss.

„Also, jetzt machen Sie mal einen Punkt!“ Punkte habe ich früher gemacht, für die gab es immer weniger; heute heißt es Fallpauschale, aber der Wert der Fallpauschale fällt wie der Punkt, wahrscheinlich heißt sie deswegen so. „Sie sind ja krank im Kopf!“ Kränkeln tut in der Tat die Honorierung meiner Leistung, die hier und heute in Form dieses 20-Euro-Scheins vor ihm liegt. Bitte. „Wie, bitte?“ Hier, die 20 Euro. Bitte schön. „Was soll ich damit?!“ Ich schenke Sie Ihnen. „WAS?!“ Ja. Ich schenke Ihnen die 20 Euro, die ich pro Quartal von Ihrer Krankenkasse für die umfangreiche Diagnostik und Therapie Ihres Krankheitsbildes bekomme. Dafür, dass ich teure stationäre Aufenthalte vermeide; dafür, dass ich Sie vor lebensbedrohlichen Rhythmusstörungen schütze; dafür, dass ich Ihnen wieder eine gute Prognose gebe. Nehmen Sie doch die 20 Euro, ich bitte darum. Er läuft puterrot an. „Das ist eine bodenlose Frechheit! Eine Unverschämtheit! So etwas ist mir ja im Leben noch nicht untergekommen!“ Schreit’s und knallt die Sprechzimmertür hinter sich zu.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, es gibt sie doch: Patienten, die sich über die karge Entlohnung in der GKV lautstark beklagen.

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