ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2014Private Pflegezusatzversicherung: Erste Erfahrungen mit dem „Pflege-Bahr“

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Private Pflegezusatzversicherung: Erste Erfahrungen mit dem „Pflege-Bahr“

Dtsch Arztebl 2014; 111(16): A-703 / B-607 / C-585

Clade, Harald

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Die private Kran­ken­ver­siche­rung spricht von regem Zuspruch.

Nach Lesart des Verbandes der privaten Kran­ken­ver­siche­rung (PKV) ist die zum 1. Januar 2013 neu eingeführte staatlich geförderte Pflegezusatzversicherung ein „durchschlagender Erfolg“. Bis April 2014 hätten mehr als 350 000 Personen eine private Pflegezusatzversicherung, den „Pflege-Bahr“, bei einem Unternehmen der PKV abgeschlossen. Täglich kämen etwa 1 900 Anträge hinzu.

Aus den Vertragsabschlüssen geht hervor, dass insbesondere auch die Generation zwischen 25 und 35 Jahren steuerlich geförderte Policen abgeschlossen hat. Diese Altersgruppe macht fast 40 Prozent aller Anträge aus, so der PKV-Verband. Bei Versicherten, die 50 Jahre und älter sind, sind es 56 Prozent. Auch Angehörige der freien Berufe und der Selbstständigen, darunter viele Ärzte, Zahnärzte und andere Heilberufe, werden vom Angebot der geförderten Zusatzversicherung angelockt. Nach Interpretation des Verbandes ist die steuerlich geförderte und kapitalgedeckte Pflegezusatzversicherung eine „praktizierte Generationensolidarität“, die dazu beiträgt, dem demografischen Wandel Rechnung zu tragen und bestehende Versicherungslücken bei der gesetzlichen Versicherung zu schließen. Diese ist seit Einführung Anfang 1995 lediglich eine Teilkaskoversicherung, die ergänzende Versicherungen ermöglichen soll.

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Verbraucherschützer und Versicherungsmakler raten, vor Abschluss eines geförderten Pflegeversicherungsvertrages sowohl die Leistungen als auch die Finanzierung und die Rentabilität solcher Policen zu prüfen. Alternative Absicherungsmöglichkeiten, etwa über eine „normale“ kapitalgedeckte Zusatzversicherung, müssten ebenso gecheckt werden, um die Vor- und Nachteile gegenüber der geförderten Versicherung abzuwägen.

Es gibt private Pflegetagegeldversicherungen, die das finanzielle Risiko in allen Pflegestufen absichern. Sie werden für 45-jährige Neukunden ab 55 Euro Monatsprämie und für 55-Jährige ab 85 Euro Monatsprämie offeriert und sind für Höherverdienende mit einem Alter von mehr als 40 Jahren nach Einschätzungen von Verbraucherschützern empfehlenswert. Die Stiftung Warentest kritisiert, dass die steuerlich geförderten Policen relativ niedrige Leistungen vorsehen, die die Finanzierungslücke bei weitem nicht schließen und zumeist keine Möglichkeit bieten, die Geldleistungen durch höhere Beiträge zu steigern. Die Leistungen in den Pflegestufen I und II sowie bei Demenz seien oftmals schlechter als in den ungeförderten Tarifen. Zudem müssten die Versicherten im Pflegefall weiter zahlen.

Einen „Pflege-Bahr“ kann jeder abschließen, der 18 Jahre und älter ist und noch keine Pflegeleistungen bezieht. Es werden bei der staatlich geförderten Variante keine Gesundheitsatteste gefordert. Für den Versicherer besteht Kontrahierungszwang, also eine Aufnahmepflicht durch die Versicherung. Die Anbieter müssen sich von ihren üblichen Aufnahme- und Kalkulationsprinzipien verabschieden. Weil sie jeden erwachsenen Interessenten versichern müssen, dürfen weder Risikozuschläge noch Leistungsausschlüsse vereinbart werden. Die Höhe der Prämien ist allein altersabhängig. Allerdings muss der Neuversicherte eine mindestens fünfjährige Wartezeit abwarten, um Leistungen zu beziehen. Ist der Risikofall bereits eingetreten, besteht kein Leistungsanspruch. Während der Wartezeit haben die Versicherten zwar Prämie zu zahlen, aber keinen Anspruch auf Leistungen. Experten gehen davon aus, dass steuerlich geförderte Policen vor allem für jene interessant sind, die aufgrund von Vorerkrankungen keine oder keine bezahlbaren „normalen“ PKV-Pflegepolicen erhalten oder bezahlen können.

Bei der etablierten „klassischen“ Zusatzversicherung gibt es keine Altersgrenzen für die Aufnahme. Dagegen ist ein Gesundheitsattest bei der Antragstellung verpflichtend. Erforderlich ist keine Gesundheitsuntersuchung beim Arzt, sondern nur eine wahrheitsgemäße Erklärung des Antragstellers.

Damit ein „Pflege-Bahr“-Vertrag förderungsfähig ist, müssen Zahlungen für die Pflegestufen null bis III vereinbart werden. In Pflegestufe III muss die Versicherungssumme mindestens 600 Euro je Monat betragen. Die geförderte Versicherung kann bereits bei einem monatlichen Eigenbetrag in Höhe von zehn Euro abgeschlossen werden; dazu legt der Staat fünf Euro darauf. Damit kann eine monatliche Leistung von fast 2 000 Euro in Pflegestufe III abgesichert werden – also mehr als das Dreifache der gesetzlichen definierten Mindestleistung in Höhe von 600 Euro. In den Policen sind als Auszahlungsminimum zehn Prozent der Versicherungssumme in Stufe null wegen eingeschränkter Alltagskompetenz, 20 Prozent in Stufe I und 30 Prozent in Stufe II vorgesehen. Allerdings können die Versicherer höhere Prozentsätze anbieten.

Den Zuschuss muss man nicht selbst beantragen – das übernimmt die Versicherung im Auftrag des Versicherten. Die Versicherung bestätigt der Zentralen Zulagenstelle, dass der Vertrag die gesetzlichen Auflagen erfüllt und somit förderungsfähig ist.

Dr. rer. pol. Harald Clade

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