ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2014Das Gespräch: Missverhältnis
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Da ist ein irrsinniges Missverhältnis: Die Krankenkassen geben circa elf Milliarden für die ambulante Zahnmedizin aus, nur 1,5 Milliarden für die ambulante Psychotherapie. Trotzdem: Nur mehr Therapeuten, das bringt es nicht. Das System der psychotherapeutischen Versorgung ist dringend reformbedürftig. Die Psychotherapierichtlinien sind über 40 Jahre alt. Damals hieß es: Psychotherapie nur dann, wenn „wirklich notwendig“. Dies spielt den „Befindlichkeitsstörungsphilosophen“ in die Hände. Wer würde „Behandlung erst bei handfesten Auswirkungen“ bei einem Diabetes oder bei einer Fettstoffwechselstörung propagieren?

Damals hieß es: Eine Zentrierung auf einen Konflikt muss möglich sein, sonst macht Psychotherapie keinen Sinn. Wer würde das sagen, wenn der Diabetiker auch Fettstoffwechselprobleme und Bluthochdruck hat? In den Psychotherapierichtlinien ist die Diskriminierung (keine Behandlung) „zu schwer Kranker“ vorgesehen. Das verstößt gegen das Antidiskriminierungsgesetz. Das Verschleppen der Reform der Psychotherapierichtlinien hat dazu geführt, dass in Deutschland die Behandlungsquote der „leichten“ Störungen gering ist und psychische Störungen erst dann eine hohe Behandlungsquote aufweisen, wenn sie chronifiziert sind. Gott sei Dank ist das zum Beispiel beim Diabetes nicht so. Der Bürokratismus des Gutachterverfahrens bindet sehr viel Arbeitszeit von Psychotherapeuten. Das Gutachterverfahren wird durch juristische Entwicklungen zunehmend brisant: Die Berichte an den Gutachter mit den Hypothesen der Therapeuten landen zunehmend vor Sozialgerichten. Das Gutachterverfahren ist nicht mehr notwendig. Bei Einführung der Psychotherapierichtlinien waren die Psychotherapeuten nicht besonders gut ausgebildet. Das hat sich spätestens nach dem Psychotherapeutengesetz von 1999 geändert. Das Gutachterverfahren gehört abgeschafft.

Allerdings bleibt es dabei: Die Wirksamkeit der Psychotherapie ist (nur) in der in den Psychotherapierichtlinien festgelegten „Dosis“ wissenschaftlich knallhart belegt. Jetzt sagen die Kassen: Halbieren wir doch die Dosis, damit mehr Menschen bei gleichem Geldeinsatz behandelt werden können. Wer würde das beim Diabetes sagen oder bei einer Chemotherapie? Notwendig bleibt eine Neudefinition der psychotherapeutischen Versorgung . . .

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Gerhard Leinz, 24103 Kiel

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