ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2014Pädiatrie: Lernen am „Patenkind“

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Pädiatrie: Lernen am „Patenkind“

Dtsch Arztebl 2014; 111(16): A-686 / B-594 / C-572

Hibbeler, Birgit

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Wann bekommt ein Kind die ersten Zähne? Ab wann kann es sitzen? Wann wird ein Säugling geimpft? An der Uni Münster begleiten Studierende Neugeborene im ersten Lebensjahr. Sie sind bei allen Vorsorgeuntersuchungen dabei und bekommen die frühkindliche Entwicklung hautnah mit.

Philipp ist heute Morgen gut gelaunt. Der drei Monate alte Säugling lässt ohne Protest alles mit sich machen. Das Messen, Wiegen und auch die körperliche Untersuchung scheinen ihn nicht zu stören. Doch dann kommt die Spritze – und der Pieks. Und die gute Laune ist verflogen. Philipp schreit mit voller Kraft, so dass aus dem neugierig schauenden Baby innerhalb weniger Sekunden ein rotes Knäuel wird, das die Arme von sich streckt. „Dann jetzt schnell zu Mama auf den Arm“, sagt Kinderarzt Dr. med. Gregor Sonntag mit beruhigender Stimme. „Das ist das Doofe am Impfen – der Pieks.“

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Philipp ist heute zur Vorsorgeuntersuchung „U4“ in die Praxis von Dr. Sonntag und seinem Kollegen in Greven bei Münster gekommen. Gemeinsam mit seiner Mutter Daniela Romswinkel (36). Auf ihrem Arm beruhigt er sich tatsächlich schnell, die Spritze ist vergessen. Mit dabei ist auch die Studentin Franziska Mackel (23). Sie kennt Philipp schon seit der „U2“ kurz nach seiner Geburt im Uniklinikum Münster. „Das ist echt Wahnsinn, wie schnell er wächst“, sagt sie.

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„Erste Schritte – frühkindliche Entwicklung erleben“ heißt der Kurs, an dem Franziska Mackel teilnimmt. Die Studentin wird „ihr Patenkind“ das ganze erste Lebensjahr begleiten und bei allen Vorsorgeuntersuchungen (bis zur U6) dabei sein. So lernt sie Philipp und seine Mutter gut kennen. „Das ist etwas ganz anderes als bei einer Famulatur“, berichtet die Studentin. „Da kriegt man nie den Verlauf mit, sondern sieht die Kinder nur einmal oder im Krankenhaus vielleicht wenige Tage.“ Franziska Mackel studiert im 9. Semester. Der Kurs „Erste Schritte“ ist ihr klinisches Wahlfach.

Alltag in der Kinderarztpraxis statt Theorie im Hörsaal

Dr. Sonntag erklärt ihr viel bei der körperlichen Untersuchung. Er schaut in den Mund: Wie sehen die Kieferbögen aus? Gibt es Zysten? Dann blickt er in die Ohren: Ist das Trommelfell sichtbar? Bei Neugeborenen gibt es in den ersten Wochen häufig eingetrocknete Fruchtwasserreste im Gehörgang. Der Kinderarzt nimmt Philipp bäuchlings auf seine Hand und den Unterarm. Das Baby richtet den Blick nach vorne. „Kopfkontrolle sollte beginnend vorhanden sein“, erläutert Sonntag. Das ist hier der Fall. Dann legt er Philipp auf den Rücken und lacht ihn an. Das Baby lächelt zurück. „Das nennt man auch soziales Lächeln“, sagt der Kinderarzt. „Das ist altersgerecht.“ Nachdem er das Kind abgehört hat, nimmt er dessen Hände und richtet es auf. Philipp setzt im Stehen ein Füßchen vor das andere. „Der Schreitreflex ist noch vorhanden“, erklärt der Kinderarzt. Bei der Mutter erkundigt er sich: Wie funktioniert das Trinken? Wie sind die Nächte? Wie ist der Stuhlgang? Klappt der Alltag? Er nimmt sich viel Zeit und geht auf alle Punkte ausführlich ein, die Daniela Romswinkel anspricht.

„Sie haben ein fittes, gesundes Kind“, sagt Dr. Sonntag. Die Mutter hatte sich nämlich etwas Sorgen gemacht, weil Philipp in der letzten Zeit wieder vermehrt gespuckt hatte. „Das wird meist besser, wenn man mit der Beikost beginnt“, beruhigt er sie. „Und oft ist die tatsächliche Menge, die das Kind spuckt, viel weniger als es aussieht.“

Außerdem geht es um die letzte Impfung. Da hatte Philipp eine Hautrötung und Schwellung an der Einstichstelle. Die Mutter gab ein Paracetamol-Zäpfchen. Das sei richtig gewesen, sagt der Arzt. Grundsätzlich sei das aber kein Grund zur Sorge, sondern eine lokale Reaktion. Heute bekommt Philipp die zweite Sechsfachimpfung gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Kinderlähmung, Hämophilus influenzae und Hepatitis B sowie gegen Pneumokokken. Außerdem erhält er die zweite Schluckimpfung gegen Rotaviren.

Dann geht es nach nebenan in den Ultraschallraum. Dr. Sonntag sonographiert Philipps Hüftgelenke und die Nieren, obwohl es eigentlich nicht Bestandteil der U4 ist. „Das machen wir mit. Und fischen so doch die eine oder andere Hydronephrose heraus“, erläutert er. Bei Philipp ist aber alles in Ordnung. Auch die Hüften sind ausgereift. Nun leuchtet der Kinderarzt noch in die Augen des Babys. „Das ist der Brückner-Test“, erklärt er Franziska Mackel. „Ein nebenwirkungs- und schmerzfreies Screening.“ Damit lässt sich zum Beispiel eine Linsentrübung erkennen. „Ich fasse zusammen: Der Philipp ist ein fittes Kind mit guter psychomotorischer Entwicklung“, sagt der Pädiater.

Mutter Daniela Romswinkel ist froh, das zu hören. Sie war im Übrigen sofort einverstanden, als man sie im Uniklinikum Münster fragte, ob sie an dem Kurs teilnehmen wolle. Als studierte Betriebswirtin weiß sie, dass Hochschulen mitunter dazu neigen, „Fachidioten“ zu produzieren. Sie findet es vor allem wichtig, dass die Studierenden mit praktischen Alltagsfragen konfrontiert werden. „Die Studenten lernen so die Sichtweise der Eltern kennen und ihre Sorgen und Ängste“, sagt sie. Den Austausch mit Franziska Mackel schätzt sie sehr.

Fachliche und menschliche Erfahrung: Mutter Daniela Romswinkel und Studentin Franziska Mackel mit ihrem „Patenkind“ Philipp (oben); Kinderarzt Gregor Sonntag prüft, ob das Baby den Kopf schon halten kann (unten). Fotos: Caroline Seidel für Deutsches Ärzteblatt
Fachliche und menschliche Erfahrung: Mutter Daniela Romswinkel und Studentin Franziska Mackel mit ihrem „Patenkind“ Philipp (oben); Kinderarzt Gregor Sonntag prüft, ob das Baby den Kopf schon halten kann (unten). Fotos: Caroline Seidel für Deutsches Ärzteblatt

Auch für Kinderarzt Dr. Sonntag war sofort klar, dass er sich an dem Projekt beteiligen würde, als Daniela Romswinkel ihn darauf ansprach. „Das Konzept ist gut“, meint er. Auch aus seiner Sicht ist es entscheidend, dass Studierende nicht nur theoretisch lernen, sondern schon früh mit der Praxis konfrontiert werden. Dabei gehe es auch um den Patientenkontakt über einen längeren Zeitraum und um die Erfahrung, dass vermeintlich banale Probleme für Eltern belastend sein könnten. Mit dem Kurs werde zudem die „schöne und zufriedenstellende Seite des Berufs“ vermittelt. „Gerade die Arbeit in der eigenen Praxis ist bei jungen Medizinern nicht wohlgelitten – auch weil sie zu wenig bekannt ist.“

Studenten erleben die rasante Entwicklung eines Säuglings

Dr. med. Lea Haisch, Assistenzärztin in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin – Allgemeine Pädiatrie am Uniklinikum Münster, hat das Projekt ins Leben gerufen. Sie hatte von einer ähnlichen Initiative in Bonn gehört. „Das Tolle ist, dass die Studierenden die Möglichkeit haben, die Entwicklung von gesunden Neugeborenen mitzuerleben“, betont Haisch. Es entsteht eine enge Bindung. Manche Studierende treffen sich mit ihrem „Patenkind“ und den Eltern sogar privat. Das ist aber freigestellt.

In Seminaren werden die Studierenden auf die U-Untersuchungen, an denen sie teilnehmen, vorbereitet. Zu Beginn des Seminars erfolgt eine Nachbesprechung der letzten Untersuchung. Was ist aufgefallen? Wie war die Arzt-Patienten- beziehungsweise Arzt-Eltern-Kommunikation? Die Studierenden sehen in dem Kurs die tagtägliche kinderärztliche Tätigkeit, die normale Entwicklung mit dem Blick auf Prävention. „Im Studium gibt es einen starken Fokus auf Erkrankungen, und es geht weniger um das gesunde Kind“, sagt Haisch. Gerade das sei aber auch das Schöne an der Arbeit von niedergelassenen Kinderärzten. Der Kurs habe einen starken Alltagsbezug. „Die Perspektive der Eltern kann man viel eher in einer solchen Situation einnehmen“, erläutert Haisch. Es gehe darum, das Gegenüber ernst zu nehmen. „Das ist eine gute Vorbereitung auf den Arztberuf, egal, in welcher Fachrichtung“, findet die Assistenzärztin.

Für Franziska Mackel steht schon jetzt fest, dass sie Kinderärztin werden will. Der Kurs „Erste Schritte“ hat sie darin bestärkt.

Dr. med. Birgit Hibbeler

@Eine Bildergalerie im Internet:
www.aerzteblatt.de/galerie/86

Erste Schritte

Das Projekt „Erste Schritte – frühkindliche Entwicklung erleben“ ist am Universitätsklinikum Münster zum Wintersemester 2013/14 gestartet. Es handelt sich um ein klinisches Wahlfach. Acht Studierende haben die Möglichkeit, einen Säugling durch das erste Lebensjahr zu begleiten. Sie gehen mit zu allen Vorsorgeuntersuchungen ab der U2. So sehen sie die Entwicklung eines gesunden Babys und lernen außerdem die Arbeit in einer Kinderarztpraxis kennen.

Vorbild für den Kurs in Münster war das Projekt „Studenten werden Paten“ an der Medizinischen Fakultät in Bonn. Ein ähnliches Modell wurde außerdem bereits 2004 in Heidelberg ins Leben gerufen, dort unter dem Namen „Pädiatrisches Patenschaftsprogramm Prävention“.

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