ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2014William Shakespeare (1564–1616): Mit dem medizinischen Wissen seiner Zeit vertraut

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William Shakespeare (1564–1616): Mit dem medizinischen Wissen seiner Zeit vertraut

Dtsch Arztebl 2014; 111(16): A-688 / B-596 / C-574

Krämer, Sandra

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Mit Ausnahme einiger komischer Nebenfiguren lässt Shakespeare stets würdige und engagierte Vertreter des Ärztestandes auftreten.

Zum 450. Geburtstag William Shakespeares, der traditionell auf den 23. April 1564 datiert wird, ist sein Werk auf der Bühne, im Film sowie in Forschung und Lehre nach wie vor präsent. Die Faszination seiner umfangreichen Dramatik und Lyrik liegt neben der Zeitlosigkeit der Themen und Motive vor allem in der Vielschichtigkeit der Gattungen (Historien- und Königsdramen, Romanzen, Komödien, Tragödien, Sonette) und der psychologisch ausgefeilten Zeichnung seiner Figuren. Das Markenzeichen seiner Dramatik: „Kopftheater“ – kein Vorhang, keine Dekoration; die Schauplätze werden durch Poesie in der Fantasie des Zuschauers beschworen.

Shakespeare gilt als einer der bedeutendsten englischen Dramatiker. Sein genaues Geburtsdatum ist nicht überliefert. Getauft wurde er am 26. April 1564.
Shakespeare gilt als einer der bedeutendsten englischen Dramatiker. Sein genaues Geburtsdatum ist nicht überliefert. Getauft wurde er am 26. April 1564.
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Shakespeares Werk entstand in einer Zeit, die gemeinhin als die Epoche der Entdeckung der Welt und des Menschen bezeichnet wird, und kann vor diesem Hintergrund auch als literarische Historienquelle und Konzeption verstanden werden. Die von Italien ausgehende Renaissance führte zu neuen Denkansetzen, umwälzenden Entdeckungen und Erfindungen in allen Wissenschaftsbereichen. Als Teil der „studia humaniora“ setzte sich die Medizin ebenfalls mit ihren antiken Grundlagen kritisch auseinander und beförderte die Entstehung moderner Konzepte sowie das Nebeneinander alter und neuer Autoritäten. So beschwören auch die Protagonisten der Shakespearschen Dramen gleichzeitig Äskulap, Galen, Hippokrates und Paracelsus.

Die Kunst des Zergliederns

Für die Medizin waren die neue Sicht auf den menschlichen Körper und eine naturgetreue Darstellung des Wahrnehmbaren von entscheidender Bedeutung. Die Anatomie mit ihren systematischen Sektionen avancierte vor allem durch das Wirken von Andrea Vesalius zur neuen Leitwissenschaft. Seit 1540 wurden in England öffentliche anatomische Demonstrationen in der Surgeon’s Hall durchgeführt, und seit 1565 waren Autopsien Verstorbener gestattet. Präzise führt auch Lord Warwick in Heinrich VI. eine solche durch. Die Indizien – das „Gesicht ist schwarz und voller Blut“, im Gegensatz zu einem, „der natürlich starb, aschfarb von Ansehn, mager, bleich und blutlos“, die „Augen entsetzlich starrend, [. . .] Hände ausgespreizt, wie wer nach Leben noch zuckt“ (Teil 2, III,2)* – führt er zu einem schlüssigen Nachweis eines Todes durch Ersticken zusammen. Die Leichenschau des ermordeten Herzogs von Gloucester kommt somit einer rechtsgelehrten Obduktion gleich. Metaphorisch ist hingegen der Wunsch König Lears zu verstehen, dass man seine kaltblütige Tochter „Regan seziere“, um die „Ursache“ ihres „harten Herzen(s)“ (III,6) zu erkennen.

Die Kunst des Zergliederns, die Innenschau des Menschen, ist bei Shakespeare Programm. Seine Dramatik zeugt dabei von einer ungeheuerlichen Begabung, in die Tiefe der menschlichen Seele zu schauen und mittels sprachlicher Wucht das gesamte Spektrum menschlicher Gefühle, Konflikte und Leidenschaften bühnenwirksam in Szene zu setzen und die Triebkräfte seiner Protagonisten sicht-, fühl- und durchschaubar zu machen.

Leib und Seele

„[. . .] und lebt erst das Gemüt auf, so erstehn auch die zuvor erstorbenen Organe aus dumpfem Grab und regen sich auf’s neu [. . .]“, formuliert König Heinrich V. die seit der Antike wiederholt diskutierte Erkenntnis über die gegenseitige Beeinflussung und Abhängigkeit von Körper und Geist (IV,1). Während Hamlet in Horatio den „Mann, der keiner Leidenschaft Sklave ist“ (III,2) erkennt und Brutus Julius Cäsar rühmt, weil die „Triebe“ ihn niemals mehr beherrschen als der „Verstand“ (II,1), „raubt“ hingegen „der Sturm im Geist“ König Lear jegliches Gefühl der Sinne (I,5), und auch bei Othello siegt die „Wildheit ungezähmten Blutes“ über die Herrschaft der Vernunft (II,2). ►

Mit psychologisch analytischem Gespür zeichnet Shakespeare durch Einbeziehung der Vorgeschichte sowie endogener und exogener Bedingungen außerordentlich facettenreiche und komplexe Charaktere, deren Denken, von Ideen und Vorstellungen beherrscht, in bestimmte Richtungen gelenkt wird und sich bald zu Wahn und Besessenheit entwickelt.

Seine Konzeption zeugt dabei von einem profunden medizinischen Wissen – die Alpträume und Hysterie der schlafwandelnden Lady Macbeth, die selbstmörderische Verwirrung der blumenbekränzten Ophelia, die Ausbrüche des delirierenden König Leontes im Wintermärchen, der Eifersuchtswahn Othellos unter dem Einfluss Jagos und Posthumus’ in Cymbeline, die Besessenheit Macbeths, geschürt durch die Hexen und seine Lady, der Wahn von Brutus in Richard III., der sich aus dem Minderwertigkeitsgefühl des äußerlich Missgebildeten kompensatorisch entwickelt.

„Wahnsinn verdient Zwangsjacke und Dunkelhaft“ (III,2), meint Rosalinde, die Tochter des verbannten Herzogs in Wie es euch gefällt, und auch der König in Hamlet plädiert dafür, dass der „Wahnsinn bei Großen nicht unbewacht bleibt“ (III,2) und „die Gefahr in Fesseln (zu) schlagen, die allzu frei bis jetzt sich noch bewegte“ (III,3). Hierin spiegeln sich nicht nur zeitgemäße Meinungen wider, sondern auch die gängigen Praktiken der Einsperrung und Fesselung von Geisteskranken am damals bekanntestem Krankenhaus St. Mary of Bethlehem, das seit 1547 als Irrenanstalt fungierte.

Säfte und Temperamente

„Dickdarmkrämpfe, Leistenbrüche, tropfende Katarrhe, Nierensteine kieselgroß, Schlagflüsse, steife Lähmungen, entzündete Triefaugen, verfaulende Leber, kurzpfeifende Lungen, Bladdern prall voller Eiter, Ischiasreißen, Schuppenflechte, [. . .]“ (V,1) Einen ganzen Katalog der im 17. Jahrhundert gängigen Krankheiten enthalten die Hasstiraden des lästermauligen Griechen Thersites in Troilus und Cressida. Neben der häufig metaphorischen Verwendung von Krankheiten wimmelt Shakespeares Werk aber auch von plastisch klinischen Beschreibungen: Falstaffs Diabetes und Podagra, Gicht und Demenz bei Polixenes Vater, Cäsars Epilepsie, der Apoplex Heinrich’ IV., die Zitterlähmung Lord Says und der Fieberanfall König Johanns, außerdem Koliken, Eingeweidebrüche, Steinbeschwerden, Hüftweh und Lungenerkrankungen.

Krankheit bedeutete zur Zeit Shakespeares eine Störung im Säftehaushalt (Schleim, Blut, gelbe und schwarze Galle). Die Körperfunktionen des kranken Königs
Lear sind „untun’d and jarring“, nicht aufeinander abgestimmt; „temperance“ (IV,7), ein Gleichgewicht muss demnach wiederhergestellt werden. Aufbauend auf der Theorie von den vier Körpersäften entwickelte sich die Temperamentenlehre, deren individuelles Mischungsverhältnis den menschlichen Charakter bestimmt. Ein Übergewicht einer dieser Säfte lässt einen Mensch entsprechend zum Phlegmatiker, Sanguiniker, Choleriker und Melancholiker avancieren.

Zu den wichtigsten medizinischen Entdeckungen der Renaissance gehört die Erkenntnis, dass es sich bei chronischem Zustand von Verzweiflung mit Suizidneigung um eine pathologische Störung handelt. Ursachen und Symptome werden erstmalig in Timothy Brights Schrift A Treatise of Melancholy (1586) beschrieben und in der Figur des Hamlet, gemäß heutiger Terminologie als manisch depressiv einzustufen, von Shakespeare dramaturgisch in Szene gesetzt. Von Todeswunsch, Furcht und Sinnlosigkeit beherrschte Phasen wechseln mit denen großer Aktivität, Redseligkeit und Euphorie. Im elisabethanischen Zeitalter entwickelte sich die Melancholie zu einer wahren Modekrankheit, deren Bedeutsamkeit sich auch in dem häufigen Auftreten melancholischer Charaktere in der Literatur, zum Beispiel Antonio im Kaufmann von Venedig, Valentine in den Zwei Herren aus Verona, aber auch Don John in Viel Lärm um nichts, zeigt.

Pest, Pocken, Syphilis

„Die Pest ihm!“ (V,1) flucht Posthumus in Cymbeline. Und auch Thersites in Troilus und Cressida versieht seinen General Agamemnon in Gedanken mit „Eierbeulen, prall überall, vorne, hinten, oben, unten“ (II,1). Die Pest wünschen sich nicht nur viele Protagonisten Shakespeares gegenseitig an den Hals, sondern sie wütete unerbittlich in ganz Europa. Daneben verunsicherten weitere noch nicht von den antiken Autoritäten beschriebene Infektionskrankheiten (Englischer Schweiß, Pocken, Malaria) die Bevölkerung, allen voran eine neue Geschlechtskrankheit. Der italienische Arzt Girolamo Fracastoro (1478–1559) beschrieb ihre Symptome, ihren Verlauf und mögliche Therapien. Mit beeindruckender Sachkenntnis schildert auch der von tiefem Hass erfüllte Timon von Athen die Lues im dritten Stadium, als er zwei Dirnen losschickt, um Vernichtung auszusäen: „Die Syph und Tripper sät ins Knochenmark der Männer; Pusteln ihren Schenkeln. Ihrn Sporn macht schlapp. Vereitert’s Maul [. . .]. Hurt Aussatzflecken [. . .] Ab, ab die Nase, glatt ab, faul ab, die Knorpel vom Gesicht [. . .].“ (IV,3)

Entsprechend immer wieder neuer Mutmaßungen zu Herkunftsort und Ursache trat die Syphilis auch bei Shakespeare unter verschiedenen Bezeichnungen, als „Neapolitan bone-ache“, „american great pocks“, „Mal de Naples“, und mit zahlreichen sprachlichen Anspielungen auf. Im Lustspiel Maß für Maß weiß man um die Gefahr von Bordellen, „unter deren Dach man sich so viele Krankheiten eingehandelt hat“, deren Kosten sich auf „eine französische Krone“ (I,2) belaufen. Fracastoro entwickelte erste Überlegungen hinsichtlich eines kontagionistischen Krankheitskonzepts. Er vermutete die Ansteckung durch spezifisch antipathische abströmende Partikel, die von Person zu Person direkt oder über größere Entfernungen durch die Luft übertragen werden. Neben der humoralpathologisch orientierten Bekämpfung der Überträgerkeime regte er außerdem prophylaktische Maßnahmen an. In Shakespeares bekanntestem Liebesdrama Romeo und Julia agiert die Seuchenquarantäne als tragisches Movens, vereitelt sie doch das rechtzeitige Eintreffen des von Bruder Lorenzo geschickten Boten und verschuldet dadurch den Tod der Liebenden.

Ärzte und Heilkundige

„Die weise Frau muss ihm das Wasser beschauen“ rät Fabio Malvolie in Was ihr wollt (III,4), und Macbeth konsultiert in Sorge um sein Reich seinen Arzt sogar mit der Bitte „[. . .] könntest du meinem Land beschaun das Wasser“ (V,3). Abgesehen von komischen Nebenfiguren, wie Doktor Cassidus in den Lustigen Weibern von Windsor und der Äbtissin Emilia in der Komödie der Irrungen, lässt Shakespeare ausschließlich würdige und engagierte Vertreter des Ärztestandes auftreten. Der weise Cerimon in Pericles hat sich nicht nur durch Studium, Forschung und eigene Übung „all die segenreichen Kräfte [. . .] vertraut und dienstbar“ gemacht, sondern sieht seine Aufgabe in der „Heilung“, die ihm „größre Lust in wahrer Freude“ bereitet, „als nach ungewisser Ehre (zu) dürsten“ (III,3).

Shakespeare scheint aus einem profunden medizinischen Wissen zu schöpfen – beispielsweise bei der Darstellung der selbstmörderischen Verwirrung der blumenbekränzten Ophelia in Hamlet. Fotos: picture alliance
Shakespeare scheint aus einem profunden medizinischen Wissen zu schöpfen – beispielsweise bei der Darstellung der selbstmörderischen Verwirrung der blumenbekränzten Ophelia in Hamlet. Fotos: picture alliance

Der jungen Helena, Tochter eines berühmten Arztes, gelingt es in Ende gut alles gut, das Leiden des verzweifelten Königs, der „aufgegeben [. . .] von allen Fachgelehrten“ (II,3), zu heilen. Sie schöpft diese Begabung weniger aus den „Rezepten“, die ihr der Vater „auf dem Totenbett gab“ (II,1), als vielmehr aus dem Glauben an ihre Berufung. Darüber hinaus entpuppen sich Shakespeares Ärzte immer wieder als Menschenkenner und schauen wie ihr dramatischer Schöpfer in deren Inneres. So trifft der Arzt der Lady Macbeth nicht nur umsichtige Anordnungen, um zu verhindern, dass sich die Kranke in ihrem Wahn verletzt, sondern erkennt das Schlafwandeln als „eine große Zerrüttung der Natur“, und dass die Lady den „Priester mehr (bedarf) als den Arzt“ (V,2). Cornelius in Cymbeline warnt die Gattin des Königs, die Tierversuche mit Giften durchführt, deren verbrecherische Absichten er durchschaut: „Hoheit, Sie erkälten sich Ihr Herz mit solchen Treiben.“ (I,6) Der Leibarzt Lears, von Tochter Cordelia ans Krankenbett ihres Vaters geholt, diagnostiziert dessen „disease“ als einen Aspekt des „breach in his abused nature“ (IV,7), da Lear Schuld auf sich geladen und mit seinem Verstoß der eigenen Tochter die natürliche Ordnung infrage gestellt habe. Das Leiden seines Patienten ist demnach als ein Gesundungs-, Lern- und Läuterungsprozess zu verstehen.

Sandra Krämer
Sandra.Kraemer@studium.uni-hamburg.de

*Die Zahlen in Klammern nennen den Akt und Aufzug des jeweiligen Schauspiels, aus dem das Zitat stammt.

1.
Deubner R: Shakespeare und die Medizin. Medizinische Hinweise in seinen Dramen und Sonetten in heutiger Sicht. Berlin 1972.
2.
Kuhlmann T: William Shakespeare – Eine Einführung. Berlin 2005.
3.
Mackay H: Shakespeare and Renaissance Drama. London 2010.
4.
Porter R: Die Kunst des Heilens : eine medizinische Geschichte der Menschheit von der Antike bis heute. Erftstadt 2007.
5.
Wollenberg R: Shakespeare – Persönliches aus Welt und Werk. Eine psychologische Studie. Abhandlungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. Berlin 1939.
1.Deubner R: Shakespeare und die Medizin. Medizinische Hinweise in seinen Dramen und Sonetten in heutiger Sicht. Berlin 1972.
2.Kuhlmann T: William Shakespeare – Eine Einführung. Berlin 2005.
3.Mackay H: Shakespeare and Renaissance Drama. London 2010.
4.Porter R: Die Kunst des Heilens : eine medizinische Geschichte der Menschheit von der Antike bis heute. Erftstadt 2007.
5.Wollenberg R: Shakespeare – Persönliches aus Welt und Werk. Eine psychologische Studie. Abhandlungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. Berlin 1939.

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