ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPRAXiS 2/2014Lebensversicherung: Die jährlichen Zinsgutschriften sinken

Supplement: PRAXiS

Lebensversicherung: Die jährlichen Zinsgutschriften sinken

Dtsch Arztebl 2014; 111(17): [30]

Fischer, Leo

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Die Kunden der Lebensversicherungen zahlen die Zeche für die Euro-Rettungspolitik.

Foto: dpa
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Der Präsident der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, warnt vor den Gefahren der Niedrigzinspolitik für die Volkswirtschaften. Er weist aber darauf hin, dass die niedrigen Zinsen eine Folge der Euro-Rettungspolitik sind. Die Leidtragenden sind vor allem die Sparer, die sich mit niedrigen Zinsen begnügen müssen, die nicht einmal die Inflation ausgleichen.

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Die Zeche zahlen aber auch die Kunden der Lebensversicherungen, die seit Jahren sehen müssen, wie ihre jährlichen Zinsgutschriften sinken. Weil langlaufende Anleihen, in die die Versicherer vor allem investieren, nur sehr niedrige Renditen abwerfen, sinkt seit Jahren die Überschussbeteiligung. Derzeit vergüten die Versicherer im Durchschnitt nur noch 3,43 Prozent, 2012 waren es noch fast 0,5 Prozent mehr. Die werden jedoch nur auf den Sparanteil der Prämien gezahlt, nach Abzug der Verwaltungskosten und der Vertriebsprovisionen. Der jährliche Preisanstieg wird damit kaum kompensiert.

Jetzt geht es erst recht ans Eingemachte für die Versicherten. Diesen Eindruck jedenfalls erwecken die Reaktionen auf die Pläne der Bundesregierung, die erst 2008 eingeführte verbesserte Beteiligung der Versicherten an den stillen Reserven zu streichen. Kunden, deren Verträge noch länger laufen, erleiden keine Nachteile, wohl aber die Versicherten, die ihre Verträge nicht weiterführen wollen oder können, weil das Laufzeitende heranrückt.

Die Streichung der Beteiligung an den Bewertungsreserven ist ein Teil des am 11. März veröffentlichten Maßnahmenpakets, mit dem die Regierung den Versicherungen unter die Arme greifen will, um die negativen Folgen der niedrigen Zinsen zu reduzieren. Weiter im Gespräch ist eine Reduzierung des Mindestzinssatzes (Garantiezinses). Dieser soll für neue Verträge von derzeit 1,75 Prozent auf 1,25 Prozent gesenkt werden. Zudem ist eine Deckelung der Provisionen für Lebensversicherungen auf drei beziehungsweise 3,5 Prozent geplant, um auf der Kostenseite einen Ausgleich zu schaffen. Gegen diese Absicht laufen die Versicherungsvermittler Sturm, unter anderem mit der Begründung, dass sich die Beratungsqualität so nicht aufrecht erhalten lasse.

In der Öffentlichkeit und unter den Versicherten am meisten umstritten ist indes die Streichung der Beteiligung an den Bewertungsreserven. Seit 2008 müssen die Versicherten an der Bewertungsreserve zur Hälfte beteiligt werden. Bei den Bewertungsreserven handelt es sich um stille Reserven in den Bilanzen der Assekuranz, die sich aus der Differenz des Marktwertes von Kapitalanlagen gegenüber den nach dem Niederstwertprinzip in den Bilanzen von Versicherungsunternehmen ausgewiesenen sogenannten Buchwerten (Anschaffungswert minus Abschreibungen) ergeben. Eingeführt wurde diese 2007 in das Versicherungsvertragsgesetz, das zum 1. Januar 2008 in Kraft trat. Bereits im Jahr 2012 hatte der Bundestag angesichts der schwierigen Lage mancher Versicherung beschlossen, die Beteiligung an den Bewertungsreserven zu streichen, die Gesetzesänderung scheiterte am Widerstand der Bundesrats. Es bestehen kaum Zweifel, dass die Pläne der Bundesregierung dieses Mal auch die Zustimmung des Bundesrats finden.

Wie sollen sich die Versicherungsnehmer verhalten? Wer vor dem Stichtag kündigt, wird also noch voll an den Bewertungsreserven beteiligt. Aber nur aus diesem Grund vorzeitig zu kündigen, wäre ein schlechter Ratschlag. Denn dann erhält der Versicherte nur den Rückkaufswert ausgezahlt, der vergleichsweise niedrig ist. Noch haben die Versicherungsnehmer bis zum Stichtag Zeit, zu überlegen; der Stichtag dürfte mit dem Datum der Verabschiedung des Gesetzes im Kabinett zusammenfallen, das steht aber noch nicht fest.

Von der Streichung der Bewertungsreserve profitieren Versicherte, die lang laufende Verträge haben und diese auch zu Ende führen wollen. Denn bis zum Laufzeitende ihrer Versicherung scheiden andere Versicherte aus, die nicht mehr an den Töpfen partizipieren, die für die Versicherten zur Verfügung stehen. Die verbleibenden Versicherten können also mehr aus den jährlichen Gutschriften und der Schlussüberschussbeteiligung am Ende der Laufzeit erwarten. Dieser Topf füllt sich auch, wenn Versicherte früher sterben als erwartet und damit Rentenzahlungen entfallen. Insgesamt scheiden nach Angaben des Versicherungsverbands jährlich fünf Prozent der Kunden aus. Aber grundsätzlich gilt: Wer seine Lebensversicherung vorzeitig kündigt, steht sich schlecht. Oftmals erhält er nicht mal die Hälfte der eingezahlten Beiträge zurück.

Ob die Regelung für die Versicherten mit Verträgen kurzfristiger Laufzeit ungerecht ist, darüber lässt sich streiten. Aber jeder, der eine Versicherung abschließt, ist sich bewusst, dass er sich langfristig engagiert; auch wenn nach Schätzungen der Verbraucherschützer vier Fünftel der Versicherungen vor Erreichen der Ablaufleistung gekündigt werden.

Rückendeckung gibt es für die Versicherer und den Befürwortern des von der Politik geschnürten Hilfspakets mit der Streichung der Beteiligung an den Bewertungsreserven von Elke König, der Chefin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, die sich Sorgen um die Stabilität der Versicherer macht. In einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wies sie darauf hin, dass das Paket notwendig sei, um die Lebensversicherung zukunftsfähig zu machen. Zudem trifft die Streichung der Bewertungsreserven nur sieben Millionen in absehbarer Zeit ausscheidende Versicherte bei insgesamt 88 Millionen Versicherten, die von der Maßnahme profitieren.

Zur Ausschüttung der Bewertungsreserven müssten zudem diejenigen Wertpapiere verkauft werden, die die höchsten Erträge abwerfen. Die Veräußerung der ertragsstärksten Titel kann in der jetzigen Niedrigzinslandschaft nicht sinnvoll sein, so das Argument der Versicherungsbranche. Denn jede Ausschüttung der Bewertungsreserven verschlechtert die Ertragskraft der Kapitalanlagen und wird sich auf die Überschussbeteiligung der Versicherten negativ auswirken.

Insgesamt befinden sich im Topf der Bewertungsreserven derzeit rund 76 Milliarden Euro. Aber wie viel davon auf den einzelnen Versicherungsvertrag entfällt, bleibt – wie vieles in der Lebensversicherung – geheim. Auch der Schlussüberschuss, der nach der Streichung der Beteiligung an der Bewertungsreserve steigen sollte, ist unbekannt, kann gekürzt und gestrichen werden. Aber sicher kalkulieren kann auch ein Versicherter, der kündigen will, nicht. Wie hoch der Rückkaufswert ist, kann zwar bei der Versicherung eruiert werden, aber dafür gibt es keine Garantie. Dr. Leo Fischer

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