ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2014NS-Zeit: Fachbezogenes Erinnern

MEDIEN

NS-Zeit: Fachbezogenes Erinnern

Dtsch Arztebl 2014; 111(17): A-753

Jachertz, Norbert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Das Buch mit dem komplizierten Titel enthält einen langen empirischen Teil, in dem ärztliche Gruppierungen daraufhin untersucht werden, wie sie sich ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit angenommen haben. Außerdem erörtert der Autor in zwei theoretischen Teilen, ob sich aus den realgeschichtlichen Befunden gewisse Muster abzeichnen, nach denen die Aufarbeitung abläuft, und ob es so etwas wie ein kollektives Gedächtnis gibt. Es handelt sich im Kern um eine Doktorarbeit an der Universität Gießen, die bis zur Druckfreigabe aktualisiert wurde.

Detailliert untersucht Topp die Aufarbeitungsprozesse am Beispiel der Lan­des­ärz­te­kam­mer (LÄK) Hessen, der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde (DGfK) und dem Max-Planck-Institut (MPG) für Hirnforschung. Untersucht wird ferner die Aufarbeitung in der Psychiatrie, allerdings nur anhand des (verdienstvollen) Arbeitskreises zur Erforschung der NS-Euthanasie und Zwangssterilisation und einiger Opferverbände. Die Aktivitäten der einschlägigen Fachgesellschaft werden lediglich in einer später hinzugefügten, einleitenden Übersicht über eine Vielzahl laufender, fachbezogener Projekte erwähnt.

Anzeige

Erkennbar sind tatsächlich einige Handlungsmuster: anfängliches Verschweigen (DGfK, MPG) oder dilatorisches Verhalten (LÄK Hessen), es folgen Anstöße von außen oder vom Rande der Gruppierung, dann nimmt die Aufarbeitung (meist unter Hinzuziehen externer Experten) langsam Fahrt auf, sie kann in die förmliche Entschuldigung bei den Opfern münden (DGfK). Das Schweigen hat mit personellen Kontinuitäten zu tun, bei den Kinderärzten namentlich mit Werner Catel, bei der MPG mit Julius Hallervorden, beide anerkannte Wissenschaftler, beide dem NS verhaftet, beide mit nahezu ungebrochener Karriere in der Bundesrepublik, beide langlebig, beide mit dankbaren Schülern. Die Anstöße, sich der verschwiegenen Geschichte zu stellen, kamen vor allem von linken Gruppierungen im Gefolge der 68er Jahre, aber auch von einzelnen, berufsethisch motivierten Ärzten. Topps Untersuchung lässt darauf schließen, dass der Gesinnungswandel nicht zuletzt auch auf den Generationenwechsel zurückzuführen ist. Die Frage nach dem kollektiven Gedächtnis beantwortet der Autor ausweichend, er möchte die individuellen Erinnerungen nicht missen. Norbert Jachertz

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema