ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2014Psychotherapie: Irritiert
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. . . Diese auf eine breite Datenbasis gestützte Analyse ist gerade als Replik auf die inhaltlich abwegigen und auch als Eingriff in die psychotherapeutische Behandlungskompetenz nicht hinnehmbaren Konzepte der Krankenkassen zur Verkürzung der Wartezeiten (Stichwort: sechswöchige Behandlungspause) notwendig, fundiert und verdienstvoll. Freilich irritiert manch eine Betonung von Selbstverständlichkeiten: So belege die Datenanalyse, „wie dynamisch, individualisiert und indikationsbezogen das Therapiegeschehen in der ambulanten Versorgung ist“ – ja was denn sonst?! Gänzlich ungeteilte Zustimmung müssen die Überlegungen der Autoren zu einer längst überfälligen Reform des Gutachterverfahrens finden: Dieses seit über 45 Jahren nahezu unveränderte System ist spätestens seit Einführung des Facharztes 1993 und des Psychotherapeutengesetzes 1999 ein absurder Anachronismus. Kein somatischer Facharzt ließe es sich gefallen, jede seiner Behandlungen zuvor einer detaillierten Einzelfallprüfung durch einen von der Krankenkasse beauftragten Gutachter unterziehen zu müssen. So sinnvoll und überfällig die Vergrößerung der Behandlungskontingente zur Verkürzung der Wartezeiten auch ist, lehren die Erfahrungen im Versorgungssystem der gesetzlichen Krankenkassen jedoch ausgesprochenen Pessimismus hinsichtlich der Chancen dieser Vorschläge auf Umsetzung. Denn es geht im Gutachterverfahren doch nicht allein um Kostenbegrenzung. Um diesen immensen Aufwand allein hierdurch zu begründen, ist die Psychotherapie ein viel zu kleines Stück im Ausgaben-„Kuchen“ gesetzlicher Kassen. Außerdem belegt gerade die vorliegende Analyse eindrucksvoll, wie viel mehr Behandlungsstunden die Gutachter zur Kostenübernahme empfehlen, als Psychotherapeuten und ihre Patienten tatsächlich in Anspruch nehmen. Aber dieses Verfahren ist ein bewährter Weg, Macht und Kontrolle auszuüben, was sicher noch wesentlich hartnäckiger verteidigt werden dürfte als Geld allein. So scheint es seit Jahren die Hauptstoßrichtung der Krankenkassen-Politik zu sein, möglichst viel Behandlungssteuerung und Therapiekontrolle aus der Verantwortung der Behandler in den eigenen Entscheidungsbereich zu verlagern. Aber ohne Hoffnung auf ein trotz widriger Ausgangsbedingungen letztliches In-Gang-Kommen von Veränderungsprozessen können auch (psychotherapeutisch tätige) Kassenärzte nicht leben – und Leserbriefe schreiben.

Dr. med. univ. Peer Arndt, 84489 Burghausen

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