ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2014Erster Weltkrieg 1914–1918: Die deutsche Ärzteschaft im Furor teutonicus

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Erster Weltkrieg 1914–1918: Die deutsche Ärzteschaft im Furor teutonicus

Dtsch Arztebl 2014; 111(17): A-728 / B-630 / C-606

Eckart, Wolfgang U.

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„Schart Euch als Krieger um die Fahnen, als Helfer um das Rote Kreuz!“

Ärztliche Versorgung eines schwer verwundeten Beinamputierten – Lazarett an der Ostfront bei Tilsit im Juni 1915 Foto: ulstein bild/Haeckel
Ärztliche Versorgung eines schwer verwundeten Beinamputierten – Lazarett an der Ostfront bei Tilsit im Juni 1915 Foto: ulstein bild/Haeckel

Der große europäische Krieg der Jahre 1914 bis 1918 war von der ersten Stunde an ein „Krieg der Geister“ (1), ein Kampf der Gelehrten, unter ihnen zahlreiche Ärzte, ein Krieg der Kultur. Früh hatten sich die führenden Köpfe der deutschen Wissenschaft angesichts des gegen außen geführten Kampfes der „inneren Integration“ geöffnet, um die erzielte Geschlossenheit in Proklamationen und Aufrufen wiederum nach außen zu demonstrieren. Bedeutende Vertreter der deutschen medizinischen Wissenschaft standen hinter ihnen. So gehörten, neben Paul Ehrlich und dem Nobelpreisträger Emil von Behring, die Heidelberger Professoren Vincenz Czerny, Wilhelm Erb und Max Fürbringer, die Berliner Hochschullehrer August Bier, Hermann Oppenheim und Wilhelm Alexander Freund, aus Jena Ernst Haeckel, aus Breslau Albert Neisser sowie aus München Emil Kraepelin zu den Unterzeichnern der „Erklärung deutscher Universitätslehrer“ vom 7. September 1914. In ihr wurde der Verzicht auf alle englischen akademischen Auszeichnungen damit begründet, dass das „bluts- und stammverwandte England seit Jahren die Völker gegen uns aufgewiegelt“ und Deutschland nun schließlich den Krieg erklärt habe (2).

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Begonnen hatte der Krieg der Geister für die Ärzte des Reichs in ihren großen Fach- und Standeszeitschriften bereits unmittelbar nach den Kriegserklärungen Deutschlands an Russland (1. August) und Frankreich (3. August), sofern die Zeitschriften in diesen Tagen überhaupt ausgeliefert werden konnten, und noch 24 Stunden vor der britischen Kriegserklärung. Exemplarisch hierfür ist die „Münchener Medizinische Wochenschrift“ (MMW), die in ihren Tagesgeschichtlichen Mitteilungen vom
4. August viele deutsche Ärzte „zu den Fahnen geeilt“ sah. Man war sich klar darüber, dass der Bedarf an Ärzten in diesem neuen Krieg nach mehr als 40 europäischen Friedensjahren erheblich und opferreich sein würde:

„Wenn diese Blätter in die Hände unserer Leser kommen“, hieß es in der MMW, „werden viele Deutsche Aerzte dem Rufe des Vaterlandes bereits gefolgt und zu den Fahnen geeilt sein, vielen anderen steht es noch bevor, die friedliche Praxis mit der aufregenden Tätigkeit des Feldarztes zu vertauschen. Nächst dem militärischen wird kein anderer Beruf vom Kriege so nahe berührt wie der ärztliche. Der Bedarf der kämpfenden Heere an Aerzten ist enorm [. . .]. Unsere innigsten Segenswünsche begleiten unsere ausrückenden Söhne, unsere Kollegen. Mögen sie mit dem Bewusstsein treu erfüllter Pflicht in die Heimat zurückkehren.“ (3)

Es war damit auch ein neues Kapitel deutscher Medizingeschichte eröffnet, dessen ganze Tragweite allerdings am 4. August 1914 noch kaum ein Arzt erahnte. Immerhin entschloss sich die Redaktion der „Münchener Medizinischen Wochenschrift“ unmittelbar zur Mitherausgabe einer Feldärztlichen Beilage. Insgesamt habe man wegen der „lähmenden Wirkungen“ des Krieges für alle „bürgerlichen Betriebe“ mit Produktions- und Auslieferungsproblemen zu rechnen. Der volle Einstieg in den „Geist“ des Krieges erfolgte am 18. August mit dem Abdruck eines Aufrufs an die akademische Jugend, in dem alle Rektoren und Senate der königlich-bayerischen Hochschulen ihre männlichen Studierenden zu den Waffen oder unter das Rote Kreuz riefen:

„Kommilitonen! Die Musen schweigen. Es gilt den Kampf, den aufgezwungenen Kampf um deutsche Kultur, die Barbaren vom Osten bedrohen, um deutsche Erde, die der Feind im Westen uns neidet. Da entbrennt auf neue der furor teutonicus, die Begeisterung der Befreiungskämpfe lodert auf. Der heilige Krieg bricht an. [. . .] Schart Euch als Krieger um die Fahnen, als Helfer um das Rote Kreuz. Ein jeder an seinem Platz mit Kraft und Trotz, mit Faust und Herz. Gott segne die Waffen, Gott segne den Kampf, Gott gebe den Sieg! [. . .]“ (4)

Ähnlich meldete sich auch die „Deutsche Medizinische Wochenschrift“ in ihrer Ausgabe vom 6. August 1914, wenngleich deren Hinweis auf den Kriegsausbruch neben den üblichen patriotischen Stereotypen dieser Tage auch die Sorge über das zu erwartende „Unglück“ des Krieges zum Ausdruck brachte: „fluchwürdiger russischer Frevelmut und französischer Chauvinismus“ hätten „nach schnödem Bruch des Völkerrechts keine Wahl gelassen“ als zu den Waffen zu greifen. So sei nun ein „Krieg entfesselt, dessen furchtbare Verheerungen namenloses Unglück verbreiten werde“. Nun sei es die „hehre Aufgabe tausender ärztlicher Kollegen, [. . .] die körperlichen Leiden unserer Soldaten zu heilen und zu mildern“ (5). Hauptkriegsziele Englands, des „perfiden Albion“, seien es, „im Verein mit Zarismus und Moskowitertum“, die deutsche „Kultur zu vernichten“, vor allem aber den „längst gefürchteten wirtschaftlichen Konkurrenten auszuschalten“ (6).

Um wirtschaftliche Fragen, nämlich bereits um die Kriegsanleihen, ging es dem Münchener Konkurrenzblatt am 15. September. Den Ärzten, vor allem denen wohl, die weiterhin die heimische Praxis aufrechterhalten würden, schrieb die „Münchener Medizinische Wochenschrift“ mit Hinweis auf die erste Kriegsanleihe in ihr Stammbuch:

Auch im „Aerztlichen Vereinsblatt“, 1930 umbenannt in „Deutsches Ärzteblatt“, gab es Pathos pur zu Kriegsbeginn. Wenige Monate später findet man die Namenslisten der gefallenen Ärzte. Abbildungen: Archiv
Auch im „Aerztlichen Vereinsblatt“, 1930 umbenannt in „Deutsches Ärzteblatt“, gab es Pathos pur zu Kriegsbeginn. Wenige Monate später findet man die Namenslisten der gefallenen Ärzte. Abbildungen: Archiv

„Auch dieser Aufruf wird bei den Aerzten nicht ungehört verhallen. Wir sind kein reicher Stand, dennoch wird fast jeder von uns in der Lage und gewillt sein, mit grösseren oder kleineren Summen sich an der Kriegsanleihe zu beteiligen, um das Reich in die Lage zu versetzen, den Krieg zum glücklichen Ende zu führen.“ (7)

„Halbbarbarisches Gesindel und Ganzbarbaren“

Vollends entbrannte der Feuilletonkampf in der medizinischen Presse im Oktober 1914, als erstmals über „ganz ungewöhnliche Verluste“ insbesondere beim Sanitätspersonal berichtet werden musste, die einerseits auf die „Vervollkommnung der Feuerwaffen“ (Maschinengewehr und Artillerie), andererseits aber auch durch die – namentlich von der französischen und belgischen Presse geschürten – „Unmenschlichkeit der Bevölkerung“ bedingt seien. Die Genfer Konvention „breche in diesem Kriege zusammen wie manches andere“ auch: „Das ist die Kultur“, kommentierte Julius Schwalbe, der Schriftleiter der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift“, am 8. Oktober 1914, „für deren ‚Freiheit’ englische Regierung und Parlament als Vertreterin der Nation uns den Krieg erklärt hat!“ – Aber es werde bald schon der „Tag der Abrechnung den englischen Krämerpolitikern zeigen, daß die Weltgeschichte sich nicht stets in der doppelten Buchführung erschöpfen“ lasse (8). Ergänzt wurde der entbrannte Kulturkampf durch die ausführliche Paraphrase Schwalbes aus der deutschfreundlichen „Neuen Zürcher Zeitung“, in der unter der Schlagzeile „Ein Attentat“ über die Entfachung des Rassenkrieges auf europäischem Boden durch England berichtet worden war. Es sei als „Skrupellosigkeit“ zu brandmarken, dass England nun „gelbe, braune und schwarze Massen als seine Verbündeten gegen die weiße Rasse ins Feld“ führe. Nicht genug damit importiere man nun also „auch noch halbbarbarisches Gesindel und Ganzbarbaren, um sie auf das erste Volk Europas loszulassen“ (9).

Mit ähnlichem Tenor hatten bereits am 4. Oktober 1914 führende deutsche Wissenschaftler, unter ihnen die führenden medizinischen Ordinarien des Reichs, den berüchtigten Aufruf „An die Kulturwelt!“ unterzeichnet. Zu den Subskribenten dieses Aufrufs zählten unter anderen Emil von Behring und Paul Ehrlich; aber auch der Breslauer Albert Neisser und die Berliner Albert Plehn, Wilhelm von Waldeyer, August von Wassermann und Max Rubner setzten ihre Namenszüge darunter. Der Aufruf kehrte alle gegen den Kriegsgegner Deutschland durch die Entente-Mächte erhobenen Vorwürfe in ihr Gegenteil und widersprach allen durchaus belegbaren Zeugnissen der zweifellos brutalen Kriegsführung des Aggressors.

So wurde bestritten, „daß Deutschland diesen Krieg verschuldet“, dass es „freventlich“ die Neutralität Belgiens verletzt, dass es auch nur „eines einzigen belgischen Bürgers Leben und Eigentum“ angetastet habe. Es sei auch nicht wahr, so die Mediziner, dass kaiserliche „Truppen brutal gegen Löwen gewütet“ oder „die Gesetze des Völkerrechts mißachtet“ hätten. Der Kampf gegen den „sogenannten“ deutschen Militarismus sei in Wirklichkeit ein Kampf gegen die deutsche Kultur. Man werde kämpfen „als ein Kulturvolk, dem das Vermächtnis eines Goethe, eines Beethoven, eines Kant ebenso heilig“ sei „wie sein Herd und seine Scholle“. Die Liste der Unterzeichner des Aufrufs, der in feierlichen Tönen „dem deutschen Militarismus“ (10) huldigte, las sich wie ein Who is Who der deutschen Kunst- und Gelehrtenwelt (11) und signalisierte ein hohes Maß an geistiger Übereinstimmung der intellektuellen Führungsschicht des Reiches.

Dieser Eindruck war fatal, denn er zerstörte durchaus die bis dahin noch weit verbreitete Vorstellung auch führender Kreise der Kriegsgegner von einem zweigeteilten Deutschland, einem radikal militaristischen und einem gemäßigt liberal-intellektuellen. So kam der Schaden, den der Aufruf anrichtete, einer Katastrophe gleich. Kaum ein anderes Manifest vor der NS-Diktatur hat wohl dem Ansehen der deutschen Wissenschaft insgesamt im Ausland mehr geschadet (12). Deutscher Militarismus und deutsche Gelehrtenwelt waren zumindest in der Außenperspektive zu einer untrennbaren Einheit verschmolzen.

Einer der heftigsten Kriegesagitatoren in der deutschen Ärzteschaft: der Münchener Hygieniker Max von Gruber (1853–1927) Foto: dpa
Einer der heftigsten Kriegesagitatoren in der deutschen Ärzteschaft: der Münchener Hygieniker Max von Gruber (1853–1927) Foto: dpa

Exemplarisch: Max von Gruber

Es ist überraschend (13), dass einer der heftigsten Kriegsagitatoren (14) unter den Ärzten des Kaiserreichs, der angesehene Münchener Hygieniker Max von Gruber, die Aufrufe und Erklärungen des Herbstes 1914 nicht unterschrieben hatte, obwohl er in „Ein deutscher Brief“ im März 1915 die Staatsordnung und die Heeresverfassung als Grundpfeiler deutscher Kultur bezeichnete: „Unsere Erbmonarchie und unsere Heeresverfassung sind nicht allein unentbehrlich für unsere Verteidigung, sondern geradezu Grundpfeiler unserer Kultur.“ (15)

Neben seinem genuinen Interesse, „rassenhygienische“ Vorstellungen und Bevölkerungspolitik miteinander in Einklang zu bringen, traten bei Gruber während des Krieges rein politische Fragestellungen wie die Kriegsziele oder Sinn und Zweck des Krieges immer mehr in den Vordergrund, wobei außenpolitische Optionen und qualitative Bevölkerungspolitik im Inneren fließend ineinander übergingen. In der euphorischen Erwartung eines „Blitzsieges“ (16) forderte Gruber bereits im September 1914 in den „Süddeutschen Monatsheften“ eine „Pax Germania“ und „die unbedingte Vorherrschaft“ des Deutschen Reiches in Europa (17). Diese hegemonialen Vorstellungen standen nicht nur in der Tradition der imperialistischen Weltmachtpolitik Wilhelms II., die für Deutschland – verspätet – einen „Platz an der Sonne“ anstrebte, sondern sie korrespondierte auch mit dem Septemberprogramm des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg, das darüber hinaus ein zusammenhängendes mittelafrikanisches Kolonialreich unter deutscher Herrschaft forderte. Die Mitteleuropa-Idee mit einer hegemonialen Stellung Deutschlands entsprach zugleich der Forderung des Alldeutschen Verbandes und stand in Übereinstimmung mit dem Kriegszielprogramm der deutschen Industrie. Für Krupp und Thyssen war ein deutscher Diktatfriede die unabdingbare Voraussetzung für die politische wie wirtschaftliche Dominanz Deutschlands.

Im Frühjahr 1915 betrat Gruber als Siegfrieden-Agitator die politische Bühne und engagierte sich ambitioniert bis Kriegsende für ein hegemoniales Deutschland mit entsprechendem Kolonialreich. In der Kriegsvortragsreihe „Deutsche Reden in schwerer Zeit“ brachte der Hygieniker am 28. Mai 1915 erstmals in der wegweisenden Rede über „Krieg, Frieden und Biologie“ seine politischen Vorstellungen einer breiten Öffentlichkeit zur Kenntnis. Dabei wurde die für sein Denken konstitutive Korrelation zwischen „Rassenhygiene“, Volksvermehrung und Lebensraumfrage kondensiert. Auf den Krieg eingehend, erörterte der Hygieniker die Frage: „Warum also jetzt diese tödliche Feindschaft, warum dieses einmütige Verlangen, uns zu vernichten oder uns wenigstens unserer politischen und wirtschaftlichen Macht zu berauben, uns etwa wieder so schwach und klein zu machen, wie wir nur 1648 waren?“ (18) Die Antwort lag für ihn auf der Hand. Es sei dies die hasserfüllte Reaktion der Kriegsgegner auf Deutschlands fabelhaften Aufstieg zu wirtschaftlicher Macht, auf dessen wissenschaftlichen Fortschritt und den rasanten Anstieg der deutschen Bevölkerung.

Die Konkurrenzsituation der Völker werde zusätzlich durch die Tatsache forciert, dass der bewohnbare Raum der Erde beschränkt sei, die Rohstoffe ungleich verteilt und die vorhandenen Ressourcen einfach nicht für alle ausreichend seien (19). Auch ideelle Gegensätze zwischen Deutschland und seinen Gegnern gerieten nun offenkundig in einen scharfen Wettstreit. Deutsche Ideale wie „Gesetzlichkeit, Gehorsam, Gemeinsinn“ stünden der Weltherrschaft des Geldes im Wege: „Auch dies ist ein ,Ideal‘, um das in diesem Kriege gekämpft werde: Plutokratie gegen Monarchie; die Geldkönige gegen den letzten Heerkönig!“ (20). Hinsichtlich des Kriegsausgangs sei es unerlässlich, dass Deutschland die Bedingungen des Friedens diktieren müsse, denn es gelte „die Wiederkehr einer solchen Todesnot, wie wir sie jetzt erleben, auf Jahrhunderte unmöglich zu machen“ (21).

Nichts anderes als ein Siegfrieden war vorstellbar

Grubers Beitrag „Völkische Außenpolitik“ vom April 1917 in „Deutschlands Erneuerung“ ist eine präzise Analyse der politischen und militärischen Situation Deutschlands und ermöglicht einen tiefen Einblick in seine politische Agenda. Seine Erläuterungen sind in Bezug auf ihre Aussagekraft die wohl relevantesten Stellungnahmen des Hygienikers und dürften sicher als dessen politisches Vermächtnis gedacht gewesen sein. Seine Analyse wird getragen von einem ausgeprägten Sendungsbewusstsein. Schon 1915 lobte er deutsche Tugenden, wie strenge Wahrheitsliebe, Besonnenheit, logisches Denken, umfassendes Wissen und wachsende Wissenschaftlichkeit sowie die Unerschütterlichkeit und Unerbittlichkeit, für einmal als richtig Befundenes unbeirrt einzutreten (25). Die Analyse des politischen Hygienikers endete mit dem pathetischen Aufruf:

Behandlung eines verwundeten Soldaten an der Front Foto: ulstein bild/DRK
Behandlung eines verwundeten Soldaten an der Front Foto: ulstein bild/DRK

„Versäumen wir nicht die Gelegenheit, uns ein Haus zu bauen, in dem noch unsere fernsten Enkel glücklich werden wohnen können; [. . .] wir haben Pflichten heiligster Art gegen den Deutschen, der kommen soll. Ihm sind wir geweiht, ihm müssen wir dienen! Nur wenn wir ihm treu sind, werden wir leben; die ungetreuen trifft der verdiente Untergang.“ (27)

Ein Siegfrieden mit einer deutschen Hegemonie über ganz Europa war für Max von Gruber seit Kriegsbeginn an alternativlos. „Der volle Sieg! Ein deutscher Frieden“ (28) sollte und musste es sein. Der nach dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk doch überraschend schnell sich entwickelnde militärische Zusammenbruch verbunden mit einer bedingungslosen Kapitulation haben – wie kaum anders zu erwarten – auf Gruber zutiefst entmutigend gewirkt und alle Illusionen hinsichtlich eines größeren Deutschlands wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrechen lassen. Niederlage, Novemberrevolution, Ausrufung der Republik, Abdankung und Flucht des Kaisers nach Holland führten alle hochgesteckten politischen Vorstellungen Grubers ad absurdum und ließen ihn zunächst politisch ganz verstummen. Doch schon im Januar 1920 äußerte sich Gruber in seinem Artikel „Der Vernichtungsfriede“ in „Deutschlands Erneuerung“ kritisch zum Versailler Vertrag:

„Der sogenannte Friedensvertrag von Versailles ist ein weltgeschichtliches Dokument, das eine tausendjährige Kulturperiode zum Abschluß bringt. Der mit ebenso vollkommener Sachkenntnis als vollkommener Rücksichtslosigkeit ausgearbeitete und in Durchführung gesetzte Plan, ein Volk zu vernichten, das nicht nur seiner Zahl, sondern auch seinen Leistungen nach zu den größten gehört, die je gelebt haben, gräbt der Idee der ,Christenheit‘ das Grab.“ (29)

Deutschlands Niederlage bedeute folgerichtig, dass die Feinde Deutschlands nach dem mit gewaltigen Opfern errungenen Sieg all ihre Kriegsziele nun auch realisieren würden. Doch es seien von Anfang an auch innere Feinde zu beklagen gewesen. „Wir haben den Krieg verloren. Sozialdemokratie und Demokratie, liberale und klerikale Demokraten haben uns wehrlos ans Messer geliefert, der Versailler Gewaltakt ist der Stich, an dem wir verbluten sollen.“ (30) Damit reihte sich auch der Münchener Hygieniker Gruber früh in die Reihe derjenigen ein, die die Legende des inneren Dolchstoßes, des Meuchelmords an der Volksgemeinschaft, als Credo zur Grundlage künftiger revisionistischer Politik machen sollten.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    Dtsch Arztebl 2014; 111(17): A 728–32

Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Wolfgang U. Eckart
Institut für Geschichte und Ethik der Medizin
Im Neuenheimer Feld 327, 69120 Heidelberg
wolfgang.eckart@histmed.uni-heidelberg.de

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit1714

DÄ-Serie zum Weltkrieg

Anlässlich des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs vor
100 Jahren sind für dieses Jahr die folgenden Beiträge
im Deutschen Ärzteblatt vorgesehen:

  • Die deutsche Ärzteschaft im Furor teutonicus
  • Der ärztliche Pazifist Georg Friedrich Nicolai
  • Konzepte von Angst in der deutschen und französischen Kriegspsychiatrie
  • Die medizinische Versorgung von Kriegsversehrten
  • Probleme der Militärmedizin
  • Die Gesundheitssituation der Zivilbevölkerung
1.
Eckart WU: Medizin und Krieg – Deutschland 1914–1924. Paderborn 2014; Kellermann, Hermann (Hrsg.): Der Krieg der Geister. Eine Auslese deutscher und ausländischer Stimmen zum Weltkriege 1914. Weimar 1915. Vorwort: „Neben dem Kampfe [. . .] mit dem Schwerte [. . .] geht ein zweiter, aber nicht minder erbitterter Kampf einher: Der Krieg der Geister. Die begabtesten Köpfe aller Nationen haben die Sache ihres Volkes und Landes zu der ihren gemacht und verfechten sie mit der Feder, der Waffe des Geistes“; Jeschal, Godwin: Politik und Wissenschaft deutscher Ärzte im Ersten Weltkrieg – Eine Untersuchung anhand der Fach- und Standespresse und der Protokolle des Reichstags. Hannover: Würzburger medizinhistorische Forschungen, Bd. 13, 1978.
2.
Dtsch Med Wochenschr, Kleine Mitteilungen 1914; 38: 1768.
3.
Münch Med Wochenschr 1914; 31: 1767.
4.
Münch Med Wochenschr, Feldärztliche Beilage 1918, 2: 1832.
5.
Dtsch Med Wochenschr, Kleine Mitteilungen 1914; 32: 1623.
6.
Dtsch Med Wochenschr, Kleine Mitteilungen 1914; 33: 1662.
7.
Münch Med Wochenschr, Feldärztliche Beilage 1914; 6: 1959.
8.
Dtsch Med Wochenschr, Kleine Mitteilungen 1914; 41: 1847.
9.
Dtsch Med Wochenschr, Kleine Mitteilungen 1914; 42: 1871.
10.
So hieß es im Text unter anderem: „Ohne den deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur längst vom Erdboden getilgt. Zu ihrem Schutz ist er aus ihr hervorgegangen in einem Lande, das jahrhundertelang von Raubzügen heimgesucht wurde wie kein zweites. Deutsches Heer und deutsches Volk sind eins. Dieses Bewußtsein verbrüdert heute 70 Millionen Deutsche ohne Unterschied der Bildung, des Standes und der Partei.“ Brocke B vom: Wissenschaft und Militarismus – Der Aufruf der 93 „An die Kulturwelt!“ und der Zusammenbruch der internationalen Gelehrtenrepublik im Ersten Weltkrieg. In: Calder WM, Flashar H, Lindken T (Hrsg.): Wilamowitz nach 50 Jahren. Darmstadt 1985; 657.
11.
Ebenda.
12.
Ebd.; 665.
13.
Winter MC: Institutionalisierte Hygiene in Deutschland unter den Bedingungen des Krieges von 1914–1920 – Personen, Problemstellungen, Ideologien. Heidelberg: Diss med, Masch-Man 2012; 133–146. (Die Dissertation liegt inzwischen auch gedruckt, mit anderer Paginierung, vor: Winter MC: Erreger, Forscher, Ideologien. Freiburg 2013).
14.
In seiner Rede zum 70. Geburtstag von Max von Gruber am 6. Juli 1923 lobte der Verleger Karl Bernhard Lehmann den Jubilar nicht nur wegen seiner Verdienste als Hygieniker, sondern er betonte besonders auch das politische Engagement Grubers im Weltkrieg: „Im Weltkrieg wurde der Hygieniker Gruber [. . .] zum Politiker. In Zeitschriften und Zeitungen, vor allem aber auch brieflich und mündlich in Vorstellungen und Reden hat Gruber von Kriegsbeginn an auf die furchtbare Größe der Gefahr, auf den Vernichtungswillen der Feinde aufmerksam gemacht und an den Opferwillen, die Einigkeit und Vaterlandsliebe seiner Volksgenossen [. . .] sich gewendet.“. Lehmann KB: Max v. Gruber zum 70. Geburtstag. Münch Med Wochenschr 1923; 70: 879–81.
15.
Gruber M von: Ein deutscher Brief. Münch Med Wochenschr 1915; 62: 608.
16.
Fischer F: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18, 2. Auflage. Düsseldorf 1962; 101.
17.
Gruber M von: Die Mobilisierung des Ernährungswesen. Süddeutsche Monatshefte 1913/1914; 11: 858–60.
18.
Gruber M von: Krieg, Frieden und Biologie. Berlin: Deutsche Reden in schwerer Zeit 1915: 30: 8.
19.
Ebd.; 9–10.
20.
Ebd.; 18.
21.
Ebd.; 3.
22.
Gruber 1915; 15.
23.
Gruber M von: Rassenhygiene, die wichtigste Aufgabe völkischer Innenpolitik. Deutschlands Erneuerung 1918; 2: 17.
24.
Mommsen W (Hrsg.): Deutsche Parteiprogramme. München: Deutsches Handbuch der Politik 1 1964; 537.
25.
Gruber M von: Der Vernichtungsfriede. München 1920; 12.
26.
Ebd.; 10.
1.Eckart WU: Medizin und Krieg – Deutschland 1914–1924. Paderborn 2014; Kellermann, Hermann (Hrsg.): Der Krieg der Geister. Eine Auslese deutscher und ausländischer Stimmen zum Weltkriege 1914. Weimar 1915. Vorwort: „Neben dem Kampfe [. . .] mit dem Schwerte [. . .] geht ein zweiter, aber nicht minder erbitterter Kampf einher: Der Krieg der Geister. Die begabtesten Köpfe aller Nationen haben die Sache ihres Volkes und Landes zu der ihren gemacht und verfechten sie mit der Feder, der Waffe des Geistes“; Jeschal, Godwin: Politik und Wissenschaft deutscher Ärzte im Ersten Weltkrieg – Eine Untersuchung anhand der Fach- und Standespresse und der Protokolle des Reichstags. Hannover: Würzburger medizinhistorische Forschungen, Bd. 13, 1978.
2.Dtsch Med Wochenschr, Kleine Mitteilungen 1914; 38: 1768.
3.Münch Med Wochenschr 1914; 31: 1767.
4.Münch Med Wochenschr, Feldärztliche Beilage 1918, 2: 1832.
5.Dtsch Med Wochenschr, Kleine Mitteilungen 1914; 32: 1623.
6. Dtsch Med Wochenschr, Kleine Mitteilungen 1914; 33: 1662.
7. Münch Med Wochenschr, Feldärztliche Beilage 1914; 6: 1959.
8.Dtsch Med Wochenschr, Kleine Mitteilungen 1914; 41: 1847.
9.Dtsch Med Wochenschr, Kleine Mitteilungen 1914; 42: 1871.
10.So hieß es im Text unter anderem: „Ohne den deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur längst vom Erdboden getilgt. Zu ihrem Schutz ist er aus ihr hervorgegangen in einem Lande, das jahrhundertelang von Raubzügen heimgesucht wurde wie kein zweites. Deutsches Heer und deutsches Volk sind eins. Dieses Bewußtsein verbrüdert heute 70 Millionen Deutsche ohne Unterschied der Bildung, des Standes und der Partei.“ Brocke B vom: Wissenschaft und Militarismus – Der Aufruf der 93 „An die Kulturwelt!“ und der Zusammenbruch der internationalen Gelehrtenrepublik im Ersten Weltkrieg. In: Calder WM, Flashar H, Lindken T (Hrsg.): Wilamowitz nach 50 Jahren. Darmstadt 1985; 657.
11.Ebenda.
12.Ebd.; 665.
13.Winter MC: Institutionalisierte Hygiene in Deutschland unter den Bedingungen des Krieges von 1914–1920 – Personen, Problemstellungen, Ideologien. Heidelberg: Diss med, Masch-Man 2012; 133–146. (Die Dissertation liegt inzwischen auch gedruckt, mit anderer Paginierung, vor: Winter MC: Erreger, Forscher, Ideologien. Freiburg 2013).
14.In seiner Rede zum 70. Geburtstag von Max von Gruber am 6. Juli 1923 lobte der Verleger Karl Bernhard Lehmann den Jubilar nicht nur wegen seiner Verdienste als Hygieniker, sondern er betonte besonders auch das politische Engagement Grubers im Weltkrieg: „Im Weltkrieg wurde der Hygieniker Gruber [. . .] zum Politiker. In Zeitschriften und Zeitungen, vor allem aber auch brieflich und mündlich in Vorstellungen und Reden hat Gruber von Kriegsbeginn an auf die furchtbare Größe der Gefahr, auf den Vernichtungswillen der Feinde aufmerksam gemacht und an den Opferwillen, die Einigkeit und Vaterlandsliebe seiner Volksgenossen [. . .] sich gewendet.“. Lehmann KB: Max v. Gruber zum 70. Geburtstag. Münch Med Wochenschr 1923; 70: 879–81.
15.Gruber M von: Ein deutscher Brief. Münch Med Wochenschr 1915; 62: 608.
16.Fischer F: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18, 2. Auflage. Düsseldorf 1962; 101.
17.Gruber M von: Die Mobilisierung des Ernährungswesen. Süddeutsche Monatshefte 1913/1914; 11: 858–60.
18.Gruber M von: Krieg, Frieden und Biologie. Berlin: Deutsche Reden in schwerer Zeit 1915: 30: 8.
19.Ebd.; 9–10.
20.Ebd.; 18.
21.Ebd.; 3.
22.Gruber 1915; 15.
23.Gruber M von: Rassenhygiene, die wichtigste Aufgabe völkischer Innenpolitik. Deutschlands Erneuerung 1918; 2: 17.
24.Mommsen W (Hrsg.): Deutsche Parteiprogramme. München: Deutsches Handbuch der Politik 1 1964; 537.
25.Gruber M von: Der Vernichtungsfriede. München 1920; 12.
26.Ebd.; 10.

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