ÄRZTESTELLEN

Patientenorientierung: Empathie – Die Fähigkeit des Mitleidens

Dtsch Arztebl 2014; 111(17): [2]

Kutscher, Patric P.

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Foto: mauritius images
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So gelingt es dem Arzt, sich in andere Menschen hineinzuversetzen.

Sich in die Vorstellungswelt anderer Menschen zu versetzen, gilt als Schlüsselkompetenz aller, die mit Menschen zu tun haben. Beim Arzt ist diese Fähigkeit zur Empathie sowohl im Patientengespräch als auch bei der Mitarbeiterführung wichtig. Wie aber gelingt der Perspektivenwechsel in die Vorstellungswelt anderer Menschen?

Empathie ist eine Haltung. Prof. Dr. Werner Heppt, Direktor der HNO-Klinik am Städtischen Klinikum in Karlsruhe, bringt es auf den Punkt. So mancher glaubt, damit sei lediglich die Fähigkeit des Mitfühlens, gar des Mitleidens gemeint. Dies jedoch ist zu kurz gegriffen: Es geht nicht um gefühlsseliges Mitfühlen, sondern um das einfühlende Verstehen oder verständnisvolle Sich-Einfühlen. Entscheidend ist das Spannungsfeld zwischen dem rationalen Verständnis dessen, was den anderen Menschen bewegt, und der emotionalen Versenkung in die Vorstellungs- und Gefühlswelt des Patienten.

Andere Menschen wertschätzen

Wer den Patienten empathisch begegnend, also sich einfühlend verstehen will, sollte die Fähigkeit zur Wertschätzung mitbringen oder diese entwickeln. Dies konkretisiert sich zum Beispiel darin, dass der Patient sich vom Arzt ernst genommen fühlt: Hört der Arzt dem Patienten genau zu? Stellt er Fragen? Fragt er nach, oder verfestigt sich auf Patientenseite der Eindruck, der Arzt hake Frage um Frage ab, um diese lediglich gestellt zu haben – ohne auf die Patientenantworten konkret einzugehen?

Spätestens wenn der Mitarbeiter mit einer „ganz wichtigen und eiligen Frage“ in den Behandlungsraum stürmt oder der Arzt ans Telefon geht und ein eher nebensächliches Gespräch führt, liegt der Verdacht nahe, dass er ernsthafte Probleme mit der Patientenwertschätzung hat und kaum in der Lage ist, mit dem Patienten ein Gespräch auf Augenhöhe zu führen.

Wahrnehmungsweisen erkennen

Ein empathischer Arzt legt Wert darauf, dass sich der Patient ein eigenes Urteil bilden kann. Natürlich – er ist der Experte. Heppt führt aus: „Gerade darum jedoch sollte er Diagnose und Therapie in allgemein verständlichen Worten erläutern und den Patienten durch umfassende Information befähigen, sich eine eigene Meinung bilden zu können oder die des Arztes zumin- dest nachzuvollziehen.“

Jenes Expertentum ist mithin Teil des Problems: Auf der einen Seite befindet sich der medizinische Laie, auf der anderen der Fachexperte. Dieser ist gesund, jener krank. Durch diese einfache Ausgangskonstellation ergeben sich bei den beteiligten Menschen zwei völlig unterschiedliche Wahrnehmungsweisen.

Ein Arzt, der dies begreift, hätte schon viel gewonnen, weil er nun einfühlend verstehen könnte, in welcher spezifischen Situation sich der Patient befindet. Dann wäre ein Gespräch zwischen zwei Ärzten über das, was man bei der „gestrigen OP auch hätte anders und besser machen können“ am Bett des Patienten nicht möglich, weil die Ärzte nachfühlen und verstehen könnten – also emotional, aber auch rational –, welche Gedanken und Gefühle den Patienten belasten, wenn er dieses Gespräch mit anhört.

Heppt drückt es so aus: „Der Arzt sollte zum Perspektivenwechsel bereit und fähig sein, er muss sich die Patientenbrille aufsetzen und die Sichtweise, die Ängste, Befürchtungen und Hoffnungen des Patienten am eigenen Leib erspüren und nachvollziehen können.“ Mit einiger Wahrscheinlichkeit würde ihm dann nicht mehr der fundamentale Fehler unterlaufen, den Patienten als ein Objekt wahrzunehmen, sondern stets als eigenständiges Individuum.

Den Perspektivenwechsel trainieren

Selbst empathische Ärzte, die über eine wertschätzende Einstellung zum Patienten verfügen, haben zuweilen mit dem Problem zu kämpfen, diese Fähigkeit im hektischen Praxis- und Klinikalltag zu aktualisieren. In stressigen Belastungssituationen fällt es schwer, sich die Zeit zum empathischen Zugang zum Patienten zu nehmen. Darum: Welche Möglichkeiten gibt es, den Perspektivenwechsel und das einfühlende Verstehen zu trainieren und im Verhaltensrepertoire fest zu verankern?

Ein Beispiel ist die Beschäftigung mit Kunst und Kunstwerken. Denn diese sind nie eindeutig – ein Gedicht oder Roman, vor allem jedoch ein Gemälde kann angesichts seiner Mehrdimensionalität und Mehrdeutigkeit vom Betrachter auf völlig verschiedene Weise betrachtet und beschrieben werden. Im Seminar etwa beschreiben die Teilnehmer ein und dasselbe Bild – und gelangen zu höchst unterschiedlichen Bewertungen. Das schärft das Verständnis für die Mehrdimensionalität der Kunstwerke im Besonderen und der menschlichen Ansichten im Allgemeinen. Heppt erläutert: „Indem der Arzt diese Einsicht auf das Patienten-Arzt-Verhältnis überträgt, lernt er es zu akzeptieren, dass der Patient in einer gänzlich anderen Vorstellungswelt lebt.“

Eine vom Arzt rasch umsetzbare Variante besteht darin, sich vorzunehmen, auf der nächsten Party allen Menschen nur Fragen zu stellen und zuzuhören. Das heißt, er äußert bewusst keine eigene Meinung und erzählt nichts von sich selbst. Wahrscheinlich werden die anderen Gäste über ihn sagen, dass man sich mit ihm „so richtig gut unterhalten“ könne. Und es gilt: Patienten lieben nichts mehr als einen Arzt, der ihnen wahrhaftig zuhört.

Dem Mitarbeiter empathisch begegnen

Die Fähigkeit zur Empathie ist selbstverständlich auch bei der Mitarbeiterführung hilfreich. Wenn es etwa in einer Konfliktsituation darauf ankommt, die Sichtweise eines Pflegers oder gleich mehrerer Konfliktparteien nachzuvollziehen und einzunehmen, kann sich der Arzt mit Hilfe seines empathischen Einfühlungsvermögens eher eine eigene Meinung bilden.

Hinzu kommt: Die meisten Ärzte arbeiten zugleich mit einer Führungskraft zusammen und sehen sich Tag für Tag mit der Situation konfrontiert, von einem VOR-Gesetzten Anweisungen entgegennehmen zu müssen. Wenn der Stationsarzt vom Oberarzt ungerechtfertigter Weise zusammengestaucht wird, sollte er nachvollziehen können, wie sich der Assistenzarzt fühlt, wenn er, der Stationsarzt, bei seinem „Untergebenen“ ebenso agiert – und diese Vorgehensweise als kontraproduktiv ablehnen.

So fällt dem Arzt der Seiten- oder Perspektivenwechsel im Verhältnis zum Patienten leichter: „Wie würde ich mich fühlen, wenn ich im Patientenbett liegen würde und mich der Arzt wie ein Objekt oder als ,nicht anwesende Person‘ behandeln würde?“

Patric P. Kutscher
MasterClass Education, Zellertal

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