ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2014Beckenbodeninsuffizienz: Individuell angepasstes Muskeltraining ist effizient

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Beckenbodeninsuffizienz: Individuell angepasstes Muskeltraining ist effizient

Dtsch Arztebl 2014; 111(18): A-798 / B-685 / C-651

Leinmüller, Renate

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Ein individuell angepasstes Beckenbodentraining lindert die subjektiven Symptome einer Beckenbodeninsuffizienz signifikant, und bei entsprechender Compliance sind diese Effekte auch langfristig.

Dies ist das Ergebnis einer internationalen randomisierten, prospektiven Kontrollstudie, der zu dieser Fragestellung bisher umfangreichsten. Teilgenommen haben 447 therapienaive Frauen, die wegen Beschwerden aufgrund eines Descensus genitalis oder Prolapses ärztlichen Rat suchten (1). Die Interventionsgruppe wurde in fünf Einzelsitzungen individuell zum Beckenbodentraining angeleitet (Woche 0, 2, 6, 11, 16). Die Kontrollen erhielten eine schriftliche Aufklärung zu geeigneten Änderungen des Lebensstils.

Als primären Endpunkt der 12-monatigen Studie hatte das Forscherteam aus Großbritannien, Australien und Neuseeland die subjektive Besserung der Symptome gewählt. Erfasst wurden diese mit einem validierten Fragebogen (pelvic organ symptom score, POP-SS, maximal 28 Scorepunkte bei stärksten Beschwerden) zu Beginn, nach sechs und zwölf Monaten.

84 % der Teilnehmerinnen (n = 377) antworteten auf die erste, 66 % (n = 295) auf die zweite Abfrage. In der Interventionsgruppe war zum Ende der Studie der Symptomen-Score mit 3,77 versus 2,09 Punkten statistisch signifikant stärker gesunken als in der Kontrollgruppe. Diese Reduktion möge auf den ersten Blick nicht gerade bedeutend erscheinen, heißt es in einem begleitenden Kommentar (2). Da die Besserung der Symptome quantitativ jedoch höher ausfiel als das geforderte Minimum, müsse sie für die Frauen spürbar und wichtig sein. Darauf weise auch hin, dass im Interventionsarm nur halb so viele Patientinnen wie im Kontrollarm eine weitere Therapie suchten (24 versus 50 %).

Fazit: Mehr als die Hälfte der Patientinnen im Interventionsarm (57 %) gaben bei Studienende an, die Beschwerden hätten sich gebessert (Kontrollen: 45 %). Im Umkehrschluss heißt das aber: Bei den restlichen 43 % waren sie gleich geblieben oder schlimmer geworden. Es gebe demnach wohl Subgruppen von Respondern und Nonrespondern, meint die Kommentatorin (2).

Für den Beckenbodenexperten Prof. Dr. med. Thomas Dimpfl, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, ist für die Wahl der Therapie in erster Linie der Insuffizienzgrad bedeutend: Bei gering ausgeprägtem Deszensus habe die konservative Therapie einen festen Stellenwert, und das Beckenbodentraining werde in den deutschsprachigen Leitlinien als Therapie der Wahl im ersten Schritt etwa bei Belastungsinkontinenz empfohlen.

„Bei ausgeprägtem Deszensus oder aber Prolaps über den Hymenalsaum sind die Chancen für langfristige objektive Verbesserungen durch ein Muskeltraining dagegen sehr niedrig, und daran ändern auch die Ergebnisse dieser Studie nichts“, sagt Dimpfl. Dass betroffene Frauen bereits diskrete Veränderungen subjektiv als wichtige Verbesserungen im täglichen Leben empfänden, sei nachvollziehbar, das Beckenbodentraining einen Versuch wert – allerdings angepasst an die insuffiziente anatomische Situation. Dr. rer. nat. Renate Leinmüller

  1. Hagen S, et al.: Individualised pelvic floor muscle training in women with pelvic organ prolapse (POPPY): a multicentre randomized controlled trial. Lancet 2014; 383: 796–806.
  2. Burgio K: Pelvic floor muscle training for pelvic organ prolapse, Lancet 2014; 383: 760–2.

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