ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2014Drei Jahre AMNOG: Erfolge und ein großer Makel

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Drei Jahre AMNOG: Erfolge und ein großer Makel

Osterloh, Falk

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Vor drei Jahren noch hat sie für große Aufregung gesorgt. Heute ist die frühe Nutzenbewertung, die mit dem Arznei­mittel­markt­neuordnungs­gesetz (AMNOG) in das deutsche Gesundheitswesen eingeführt wurde, zu einem Routineverfahren geworden: Vor kurzem hat der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) den 70. neuen Wirkstoff bewertet. Zeit für eine Zwischenbilanz: 13 Wirkstoffen hat der G-BA einen beträchtlichen Zusatznutzen zugesprochen, 22 einen geringen und sechs weiteren einen nicht quantifizierbaren. Immerhin 26 Wirkstoffe hatten nach Einschätzung des G-BA dagegen keinen Zusatznutzen, und drei wurden direkt einem Festbetrag zugeordnet. Ein Ziel des AMNOG war es, bei neuen Arzneimitteln die Spreu vom Weizen zu trennen. Das ist gelungen – auch, wenn mancher pharmazeutische Hersteller das Urteil des G-BA nicht geteilt haben wird.

Falk Osterloh, Politischer Redakteur in Berlin
Falk Osterloh, Politischer Redakteur in Berlin

Ein anderes Ziel war es, die Herstellung echter Innovationen zu belohnen. Bei zehn der 13 neuen Medikamente mit beträchtlichem Zusatznutzen seien die Verordnungen nach dem Beschluss des G-BA rapide gestiegen, hatte dessen unparteiischer Vorsitzender, Josef Hecken, vor kurzem erklärt. Auch dieses Ziel wurde demnach erreicht. In der Summe hat das AMNOG in gut drei Jahren zu deutlichen strukturellen Verbesserungen im Arzneimittelbereich geführt.

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Der weitere Erfolg des AMNOG hängt allerdings wesentlich an zwei Aspekten. Zum einen reichen die Informationen, die zum Zeitpunkt der frühen Nutzenbewertung vorliegen, nicht aus, um Nutzen und Sicherheit eines neues Arzneimittels realistisch bewerten zu können. Bei dem im April 2011 auf den Markt gekommenen Wirkstoff Fingolimod beispielsweise, der zur Behandlung hochaktiver schubförmiger multipler Sklerose eingesetzt wird, mussten bis heute vier Rote-Hand-Briefe verschickt werden. Darauf haben die Autoren des von der Techniker-Krankenkasse in Auftrag gegebenen „Innovationsreport 2014“ hingewiesen. Zusätzlich zu einer frühen braucht man daher auch eine späte Nutzenbewertung. Für manche Wirkstoffe befristet der G-BA deshalb bereits heute seinen Beschluss und fordert von den Herstellern, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt weitere Daten für eine solche Spätbewertung vorzulegen. Auch durch die Versorgungsforschung, wie im „Innovationsreport“ geschehen, können solche Bewertungen vorgenommen werden. Sie sind extrem wichtig.

Zum anderen ist es unerlässlich, dass ebenso Arzneimittel aus dem Bestandsmarkt bewertet werden. Höchst problematisch ist es daher, dass der Gesetzgeber vor kurzem dem G-BA die Möglichkeit genommen hat, auch für diese Medikamente Nutzenbewertungen vorzunehmen. Dafür sei der administrative Aufwand zu hoch, befanden Union und SPD. Heute gibt es zahlreiche Hinweise darauf, dass die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung viel Geld für Arzneimittel aus dem Bestandsmarkt bezahlt, die keinen Zusatznutzen haben. Diese systematisch zu bewerten, hätte nicht nur die Arzneimittelversorgung in Deutschland verbessert, sondern ebenfalls die Ausgaben gesenkt. Da dies nun nicht geschehen wird, bleibt das AMNOG, trotz aller Verdienste, am Ende nur Stückwerk. Zum Glück sind Ärzte jedoch nicht auf den Gesetzgeber angewiesen, um den Nutzen von Arzneimitteln beurteilen zu können. Die Autoren unabhängiger Arzneimittelzeitschriften leisten diese wichtige Arbeit seit Jahren.

Falk Osterloh
Politischer Redakteur in Berlin

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Avatar #675503
Widerstand
am Freitag, 1. August 2014, 13:15

AMNOG ein Beispiel für Versager und Geldgier

Zusatznutzen bei Medikamenten?
Wenn also Arzneimittel neu auf dem Markt kommen, die dem Patienten als Nebenwirkung massive Blutungen in allen Körperregionen bis zum Tot versprechen, dann ist das wohl der Zusatznutzen (siehe Prasugrel als nur ein Bsp).
Und weil andere Medikamente diesen Zusatznutzen (erhöhte Todeszahlen) nicht aufweisen, werden sie erfolgreich vom Markt verdrängt und den Patienten verweigert, obwohl diese Medikamente nachweisbar jahrzehntelang das sterben verhindert haben.
AMNOG, daran glauben wohl nur Amöben, die überall durchglitschen.

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