THEMEN DER ZEIT

Rückgabe von Schädeln und Skeletten an Namibia: Überreste einer fragwürdigen „Rasseforschung“

Dtsch Arztebl 2014; 111(18): A-792 / B-680 / C-646

Winkelmann, Andreas; Stoecker, Holger

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Forscher suchten in afrikanischen Präparaten nach Zeichen von „Primitivität“. So wollten sie auch die koloniale Herrschaft rechtfertigen.

Auf einer Gedenkveranstaltung im Parlamentsgarten in Windhoek am 7. März dankt der Präsident Namibias, Hifikepunye Pohamba, der Leiterin des Nationalmuseums, Esther Moombola-/Goagoses, für die Rückführung der Gebeine aus Deutschland. Foto: Larissa Förster
Auf einer Gedenkveranstaltung im Parlamentsgarten in Windhoek am 7. März dankt der Präsident Namibias, Hifikepunye Pohamba, der Leiterin des Nationalmuseums, Esther Moombola-/Goagoses, für die Rückführung der Gebeine aus Deutschland. Foto: Larissa Förster

Am 7. Januar 1910 schrieb der Berliner Geograf Eduard Moritz aus der Kolonie Deutsch-Südwestafrika an Felix von Luschan, den Direktor der Afrika- und Ozeanien-Abteilung des Berliner Völkerkundemuseums, und machte ihn auf Gebrauchsgegenstände aufmerksam, die Herero auf der Flucht vor deutschen Truppen in der Nähe des Waterberg hinterlassen hatten. Moritz wollte diese offenbar gern nach Deutschland mitbringen und dem Museum anbieten. Der Anthropologe Luschan legte allerdings auf diese Ethnographica keinen Wert, bat Moritz aber stattdessen, „falls es etwa möglich sein sollte, ohne Erregung von Ärgernis Schädel und Skelette von Herero für die Wissenschaft zu retten“. Nach Rückkehr von einer weiteren Afrikareise schenkte Moritz dem Museum 1912 „ein Buschmannskelett und einen Schädel eines Nama“.

Die Kuratoren der damaligen Berliner anthropologischen Sammlungen, allen voran Luschan, der Pathologe Rudolf Virchow und der Anatom Wilhelm Waldeyer, bekamen auf solchen Wegen eine größere Anzahl sterblicher Überreste, vor allem Gebeine, aus dem heutigen Namibia zugesandt. In einem andauernden, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Prozess der Aufarbeitung solcher Sammlungsbestände übergab die Charité – nach einer ersten Rückgabe im September 2011 – am 5. März erneut Schädel oder Skelette von 21 Individuen an eine namibische Delegation.

Darunter sind auch fünf Fälle, in denen der Tod der betroffenen Individuen – wie bei allen 20 im Jahre 2011 zurückgegebenen Schädeln – mit dem Vernichtungskrieg der Deutschen gegen die Herero und Nama von 1904 bis 1908 in Verbindung gebracht werden kann. So sandte der Forschungsreisende und Journalist Franz Josef Seiner 1912 unter anderem „Schädel von verdursteten Herero aus der Kalahari“ an das Berliner Völkerkundemuseum. Seiners Reiserouten legen nahe, dass er diese Schädel in der Omaheke-Wüste fand, einem Ausläufer der westlichen Kalahari, in die die deutschen Schutztruppen nach der Schlacht am Waterberg 1904 Tausende Herero trieben, um sie dort verdursten zu lassen.

Anders als 2011 stammen die jetzt restituierten Gebeine aber auch aus diversen anderen Kontexten und wurden zwischen 1898 und 1913 von Deutschen in allen Regionen der Kolonie gesammelt. Daran waren vor allem Regierungsbeamte und Truppenangehörige beteiligt, aber auch Forschungsreisende wie Eduard Moritz. Nicht immer konnten die genauen Umstände der Aufsammlung aus den historischen Quellen erschlossen werden, aber für einige der 21 Gebeine ließ sich nachweisen, dass sie im freien Feld gefunden wurden, während mindestens sieben aus Gräbern entnommen wurden. In einem anderen Fall schickte ein Regierungsarzt aus Windhoek den ganzen Kopf eines an Lungenentzündung verstorbenen Ovambo, in Formalin eingelegt, an die Berliner Anatomie. Zwei Skelette von Farmarbeiterinnen, die 1906 von einem deutschen Farmer brutal ermordet worden waren, nachdem sie versucht hatten, von der Farm zu fliehen, gelangten als „Corpus delicti“ ans Obergericht in Windhoek und wurden nach dem Gerichtsprozess von der Kolonialverwaltung den Berliner Sammlern überlassen.

An der Charité wurden Schädel an eine namibische Delegation übergeben. Gleiches geschah einen Tag zuvor, am 4. März, an der Universität Freiburg. Foto: Charitè Human Remains Project
An der Charité wurden Schädel an eine namibische Delegation übergeben. Gleiches geschah einen Tag zuvor, am 4. März, an der Universität Freiburg. Foto: Charitè Human Remains Project

Diese unterschiedlichen Fälle zeigen, dass die Berliner Sammlungskuratoren sehr erfolgreich ein großes Netz von Kontakten geknüpft hatten und dass sehr viele in der Kolonie lebende Deutsche bereit waren, die deutsche Wissenschaft mit menschlichen Präparaten zu „unterstützen“. Sie taten dies teils gegen Bezahlung, teils – wie Moritz – als Schenkung, oder auch in der Hoffnung darauf, in wissenschaftlichen Publikationen lobend erwähnt zu werden. So berichtet der Schutztruppenarzt Dr. Friedrich Zöllner, nachdem er Schädel und Gehirne zweier 1905 gehängter Herero nach Berlin geschickt hatte, stolz: „Einige Monate später veröffentlicht Waldeyer seine Arbeit über seine Studienergebnisse an diesen Objekten und schickte jedem von uns als Dank und Anerkennung einen Sonderabdruck mit seiner Widmung zu.“ Diese vielen Helfer vor Ort scheuten auch nicht davor zurück, Gräber zu öffnen oder sogar Gebeine zu präparieren und auszukochen, um sie nach Berlin schicken zu können. Es war, wie Luschans Eingangszitat zeigt, den Protagonisten dabei durchaus bewusst, dass der Erwerb menschlicher Präparate nicht immer „ohne Erregung von Ärgernis“ möglich war.

Ein solcher Umgang mit sterblichen Überresten zu wissenschaftlichen Zwecken war allerdings auch in Berlin gängige Praxis. In die Berliner Anatomie wurden damals jede Woche etwa 20 Leichen gebracht und für Lehre und Forschung verwendet. Meist stammten sie von armen Berlinern, die sich eine Bestattung nicht leisten konnten. Im Institut für Pathologie entnahm Rudolf Virchow bei seinen täglichen Obduktionen regelmäßig Organe und konservierte sie für seine Präparate-Sammlung. Den Betroffenen oder ihren Angehörigen war dieses Schicksal ihrer sterblichen Überreste sicher nicht immer recht, aber sie wurden nie gefragt. Forscher, Obrigkeit und Verwaltung waren sich einig, dass der wissenschaftliche Fortschritt wichtiger war als die Bedenken Einzelner.

Das Besondere am Erwerb menschlicher Präparate aus den damaligen Kolonien war also nicht so sehr der objektivierende Umgang mit dem menschlichen Körper zu wissenschaftlichen Zwecken. Besonders war zunächst, dass damit eine heimische Praxis exzessiv auf die Kolonie übertragen wurde und dass viele Deutsche in der Kolonie in den Erwerb eingebunden werden konnten. Allerdings verstieß der in vielen Fällen belegte Grabraub nicht nur gegen die Vorstellungen der Einheimischen, sondern war auch im heimischen Deutschland nicht erlaubt. Schon allein deshalb muss den Forschern klar gewesen sein, dass sie Grenzen überschritten. Außerdem profitierte diese Praxis in vielen Fällen von der kolonialen Gewalt, selbst wenn aus dem damaligen Deutsch-Südwestafrika kein Fall bekannt ist, in dem die Sammler selbst physische Gewalt anwandten. Vor allem aber war das Ziel der Sammler eine fragwürdige Forschung, die die Menschheit objektiv anhand anatomischer Merkmale in „Rassen“ unterteilen und die Überlegenheit der Europäer gegenüber anderen Völkern wissenschaftlich belegen wollte. Die Sammelwut der damaligen europäischen Anthropologen erklärt sich auch dadurch, dass die Forscher der Auffassung waren, für ihr Sammeln nur noch wenig Zeit zu haben, um ihre Forschungsfragen „noch in letzter Stunde zur Lösung zu bringen, ehe weitgehende Vernichtung und der Einfluss der modernen Kultur den ursprünglichen Sachverhalt noch weiter verwischen“, wie Luschan 1912 schrieb. So wurde dann in den herbeigeschafften Präparaten nach Zeichen von „Primitivität“ gesucht, selbst Vergleiche mit Affen waren nicht unüblich. Die etwas kritischeren Forscher gaben immerhin zu bedenken, dass für endgültige Aussagen noch nicht genug „Material“ vorliege – die weniger kritischen fanden einfach, was sie suchten. Damit waren die Kolonien nicht nur ein großes Reservoir für den Erwerb „exotischer“ menschlicher Präparate geworden, die erworbenen Präparate lieferten wiederum die „wissenschaftliche“ Rechtfertigung für den Erhalt dieser Kolonien.

Mittellose Berliner, die um 1900 auch oft gegen ihren Willen auf den Tischen der Anatomen und Pathologen landeten, konnten zumindest davon ausgehen, dass die Erforschung ihrer Körper der Anatomie und Pathologie Erkenntnisgewinne brachte, zur Ausbildung künftiger Ärzte beitrug und damit potenziell auch ihresgleichen zugutekommen konnte. In den Kolonien war das Gegenteil der Fall: Sterbliche Überreste wurden aus Verstorbenen „gewonnen“, um sie letztlich gegen die Überlebenden einzusetzen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass bisher kein Berliner einen Schädel aus den großen Sammlungen „zurückgefordert“ hat, während die Namibier einen historischen Ausgleich für erlittenes Unrecht verlangen. Das heutige Zurückgeben von Schädeln bleibt eher eine symbolische Geste, die aber hoffentlich zu einer intensiveren Auseinandersetzung von Öffentlichkeit und Wissenschaft mit der kolonialen Vergangenheit beiträgt.

Priv.-Doz. Dr. med. Andreas Winkelmann
Dr. phil. Holger Stoecker
Charité Human Remains Project
(DFG-Förderung WI 3697/1–2
)

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    M. Malone
    am Mittwoch, 7. Mai 2014, 10:34

    Verlogene Moral !!

    Es wird übersehen, daß zu Kolonialzeiten einzelne Firmen und Personen an der kolonialen Herrschaft sehr gut verdient haben, und die Nachfolgerfamilien(wie die Familie Schütte, Windhoek/Hamburg als Nachfolger der Woermann Linie) ebenfalls noch heute sehr reich sind.
    Nicht unerwähnt bleiben sollte daß auch die Woermann Linie sich vor dem
    ersten Weltkrieg betrügerisch in Höhe von 6 Mio. Goldmark an Kolonialtransporten bereichert hat(aufgedeckt vom Zentrums/Reichstagsabgeordneten Matthias Erzberger)
    Bitte nicht immer die Gier u. Profit privatisieren und die Moral sozialisieren und zu Lasten der kleinen Leute. Die Schüttes leben noch heute sehr wohlhabend in Namiba, da sollte sich der Staat bedienen!

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