ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2014Patientenverfügung: Aktueller Lebenswille entscheidend
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. . . In der Krankenversorgung würde die Forderung der Autoren Patientenbehandlung in solchen Fällen erschweren, in denen Patienten den früher geäußerten Wunsch, im Falle einer Demenzerkrankung keine Behandlung zu erhalten, im Krankheitsverlauf revidiert haben. Ein besonders prominenter Patient, der während seiner Demenzerkrankung von seiner früher vehement verfochtenen aktiven Sterbehilfehaltung Abstand nahm, war in jüngster Zeit der Philologe Walter Jens, der im fortgeschrittenen Demenzstadium eindringlich darum bat, weiterleben zu dürfen. Der zuvor formulierte Wille ist in vielen Fällen eben nicht kongruent mit dem mutmaßlichen Patientenwillen während der späteren Erkrankung.

In der klinischen Praxis setzt die Beurteilung des Patientenwillens ausführliche, oft zeitintensive Gespräche mit den Angehörigen voraus, in denen Zukunftsperspektiven und Wertegefüge mit in die Willensfindung einfließen. Nicht in jedem Fall ist es möglich, ethische Konflikte im Gespräch aufzulösen . . . In Zweifelsfällen sollte der nach Erkrankung beobachtete Lebenswunsch des Patienten Vorrang gegenüber früheren ablehnenden Willensäußerungen haben. Der aktuelle Patientenwille sollte respektiert werden . . . Empirische Studien belegen, dass existenzielles Leid die Wahrnehmung körperlicher und geistiger Integrität und das subjektive Wohlbefinden bei lebensbedrohlichen Erkrankungen in fundamentaler Weise verändert, wobei die Suche nach einer letztgültigen Lebenserklärung beziehungsweise einem Lebenssinn im Denken der Patienten tragende Bedeutung gewinnt. ( Mount BM, Boston PH, Cohen SR: Healing connections: on moving from suffering to a sense of well-being. J. Pain Symptom Manage. 2007; 33: 372–8). Patienten mit Demenzerkrankungen sind hiervon keineswegs ausgeschlossen. Angeleitet von dem Wunsch, den in gesunden Lebensphasen schriftlich fixierten Willen unserer Patienten ernst zu nehmen, dürfen wir den aktuellen Lebenswillen unserer Patienten, sofern dieser nicht verbal geäußert werden kann, nicht negieren.

Literatur bei den Verfassern

Prof. Dr. med. Dirk M. Hermann, Lehrstuhl für vaskuläre Neurologie und Demenz, Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Essen, 45122 Essen

Prof. Dr. med. Hans-Georg Nehen, Geriatrie-Zentrum
Haus Berge, Elisabeth-Krankenhaus Essen, 45356 Essen

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