ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2014Arznei­mittel­therapie­sicherheit: Projekt gewinnt Konturen

POLITIK

Arznei­mittel­therapie­sicherheit: Projekt gewinnt Konturen

Dtsch Arztebl 2014; 111(19): A-826 / B-715 / C-677

Krüger-Brand, Heike E.

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Die elektronische Gesundheitskarte soll künftig auch die Nutzung von Daten zur Prüfung der Arznei­mittel­therapie­sicherheit unterstützen.

Heute ist nahezu vergessen, dass der Skandal um den Cholesterinsenker Lipobay Anfang der Jahrtausendwende der wesentliche Anlass für die damalige Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt war, die elektronische Gesundheitskarte (eGK) zu initiieren. Der Pharmakonzern Bayer musste das Medikament 2001 vom Markt nehmen, nachdem es zu Todesfällen wegen unerwünschter Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten gekommen war. Eine wesentliche Ursache hierfür war Experten zufolge die fehlende Dokumentation über die verordneten Medikamente. Mit der eGK, auf der wichtige Patientendaten und die eingenommenen Arzneimittel verzeichnet werden sollten, wollte man ein solches fatales Informationsdefizit künftig ausschließen.

Mehr als zehn Jahre später sind wir von einem verbesserten Management der Arznei­mittel­therapie­sicherheit (AMTS) immer noch weit entfernt – anders als etwa Österreich (Kasten). Immerhin ist die AMTS als eine freiwillige Fachanwendung der Gesundheitskarte im § 291 a Sozialgesetzbuch V verankert. Ziel ist es, unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) zu vermeiden beziehungsweise zu verringern, indem Ärzte und Apotheker mittels eGK und mit Zustimmung des Patienten mehr und genauere Informationen für die Auswahl und Abgabe von geeigneten Arzneimitteln erhalten. Zu UAW zählen etwa Schäden aufgrund von Wechselwirkungen, Kontraindikationen oder Dosierungsfehlern.

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Lastenheft für die Fachanwendung steht

Mit der Durchführung des Projekts hat die Gesellschafterversammlung der gematik den Deutschen Apothekerverband beauftragt. „AMTS ist eine große Chance, denn das Thema bringt alle an der Gesundheitsversorgung Beteiligten zum Wohle des Patienten zusammen“, betonte Till Moysies, AMTS-Projektleiter für den Deutschen Apothekerverband, beim 2. Bayerischen Tag der Telemedizin in München. Inzwischen sei das Lastenheft mit allen Anforderungen an die Anwendung fertiggestellt und zur Freigabe vorgelegt. Im Juli soll die Erstellung des Pflichtenheftes starten, auf dessen Basis das System dann an die Industrie zur Ausschreibung gehen kann, berichtete Moysies. Wenn alles klappt, könnten ab 2016 erste Feldversuche starten. Dabei wird zunächst eine Speicherung der Daten auf der eGK selbst getestet, in der zweiten Stufe in beschränktem Umfang auch die Online-Speicherung in einem Fachdienst.

Die Lösung soll vor allem im ambulanten Bereich, im Krankenhaus bei der Aufnahme und der Entlassung sowie bei der Arzneimittelabgabe in der Präsenzapotheke oder durch eine Versandapotheke eingesetzt werden. „Es geht um eine Kommunikationsstruktur, die zwischen den Akteuren einen Datentransport ermöglicht“, erläuterte Moysies, und nicht etwa um eine in Prüfsysteme der Arzt- oder Kliniksoftware integrierte Lösung. Das heißt, die Daten werden über ein einheitliches Format zu jedem Leistungserbringer transportiert. Dieser kann sie für Prüfzwecke verwenden und mit seinen lokal vorhandenen Daten zusammenführen.

Im AMTS-Datenspeicher des Versicherten sind die apothekenpflichtigen Arzneimittel, verordnete Rezepturen und Individualparameter wie etwa Allergien gespeichert. „Je Fachgruppe und Sektor gibt es andere Anforderungen, was an Informationen benötigt wird“, meinte Moysies. Daher habe man von einer zentralen AMTS-Prüfung abgesehen. Erfolgsfaktoren für die Nutzung des AMTS-Datenmanagements seien die Bereitschaft zur intersektoralen Zusammenarbeit, die Berücksichtigung der fachgruppenspezifischen Besonderheiten sowie tragfähige und rechtlich abgesicherte Verfahren. Zudem müsse eine leistungsgerechte Honorierung geschaffen werden.

Heike E. Krüger-Brand

E-Medikation in Österreich

In Österreich wird derzeit die nationale Elektronische Gesundheitsakte (ELGA) schrittweise eingeführt. Eine wesentliche Komponente ist die „e-Medikation“, die bei Zustimmung des Patienten eine Übersicht der verschriebenen und dispensierten Medikamente für behandelnde Ärzte und Apotheker zur Verfügung stellen soll.

Im Jahr 2011 wurde die e-Medikation in drei österreichischen Pilotregionen erprobt. Die Evaluation ergab unter anderem, dass 70 Prozent der an dem Test teilnehmenden Ärzte und 90 Prozent der Apotheker eine durch die e-Medikation ermöglichte vollständige und aktuelle Medikationsliste als positiv für die Patientensicherheit bewerteten. Das berichtete der Projektleiter Prof. Dr. Wolfgang Dorda, Medizinische Universität Wien. Auffällig war ebenfalls, dass zwar nur 1,6 Prozent aller Abgaben OTC-Präparate waren, der Anteil an dokumentierten Wechselwirkungen hierbei jedoch bei 3,5 Prozent und damit überproportional hoch lag (www.elga.gv.at; siehe dort FAQ, Evaluation).

Laut Dorda soll das gründlich überarbeitete Informationssystem bis Ende 2014 vom Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger fertiggestellt werden. Geplant ist, im Jahr 2015 die e-Medikation in einer Testregion und 2016 dann generell in Österreich einzusetzen. Die Prüfung der Wechselwirkungen ist allerdings nicht Teil der e-Medikation, sondern sie liegt in der Eigenverantwortung der Gesundheitsdiensteanbieter.

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