ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2014Umfrage: Delegation – Chance und Risiko

POLITIK

Umfrage: Delegation – Chance und Risiko

Dtsch Arztebl 2014; 111(19): A-818 / B-706 / C-670

Protschka, Johanna

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Der Hartmannbund hat seine Mitglieder zu den Themen Delegation, Substitution und Telemedizin befragt. Besonders junge Ärztinnen und Ärzte stehen unter bestimmten Voraussetzungen der Delegation ärztlicher Leistungen positiv gegenüber.

Es steht im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD: Der Einsatz von qualifizierten, nicht-ärztlichen Gesundheitsberufen soll gestärkt werden. Der Gestaltungswille in der Politik scheint somit da zu sein. Unweigerlich damit verbunden sind jedoch Fragen nach der Delegation und/oder Substitution ärztlicher Leistungen.

Dass es insbesondere diese Themen sind, die den Berufsalltag der Ärztinnen und Ärzte in Zukunft verändern werden, davon geht auch der Hartmannbund aus. Er hat deshalb zu den Themenkomplexen Delegation, Substitution und Telemedizin eine Mitgliederbefragung durchgeführt, deren Ergebnisse nun vorliegen. Einen knappen Monat lang hat der Verband seine Mitglieder per E-Mail befragt. An der Befragung nahmen 1 063 Ärztinnen und Ärzte teil, darunter 45,1 Prozent Niedergelassene in eigener Praxis, 21 Prozent Krankenhausärzte, 26,3 Prozent Ärzte in Weiterbildung und 7,6 Prozent Angestellte einer Praxis oder eines Medizinischen Versorgungszentrums. 28,1 Prozent der Teilnehmer gehören der Altersgruppe 25 bis 35 Jahre an, die Altersgruppe 36 bis 45 Jahre ist mit 23,5 Prozent vertreten. 24,2 Prozent der Befragten sind 46 bis 55 Jahre alt und 24,3 Prozent über 55. 39 Prozent der Teilnehmer sind weiblich, 61 Prozent männlich.

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Grundsätzlich sehen die Ärztinnen und Ärzte einige positive Effekte in der Delegation von ärztlichen Leistungen (Grafik 1). Die Mehrheit der Befragten – 71,5 Prozent – erwartet, sich dadurch stärker auf originär ärztliche Tätigkeiten konzentrieren zu können. Damit ist auch der Wunsch verbunden, einer chronischen Überbelastung im Arbeitsalltag entgegenzuwirken, was 61,4 Prozent der Befragten angeben. Eine Verbesserung der Betriebsabläufe erwarten in diesem Zusammenhang nur 44 Prozent. Eine Minderheit der Ärztinnen und Ärzte verspricht sich mit 32,2 Prozent von der Delegation kürzere Wartezeiten, und nur 26,6 Prozent gehen von Einsparungen im Gesundheitswesen aus. Vor allem die jungen Ärzte zwischen 25 und 35 Jahren sind mit 71 Prozent grundsätzlich für eine Delegation von Leistungen. 82 Prozent dieser Altersgruppe können sich unter bestimmten Umständen auch die Abgabe von klar definierten und bisher dem Arzt vorbehaltenen Tätigkeiten vorstellen. In der Altersgruppe über 55 Jahre können sich dies nur 60 Prozent vorstellen. Prinzipiell befürworten die Befragten eine verstärkte Delegation von Tätigkeiten wie Blutentnahmen, Verabreichen von Infusionen, Injizieren und Durchführen von Tests. Verbandswechsel, Wundkontrollen, das Aufnahme- und Entlassungsmanagement und die Nachsorge (managed care) gehören ebenfalls dazu. Dokumentation und Kodieren sind ebenfalls Tätigkeiten, die die Ärzte für gut delegierbar halten.

Positive Effekte der Delegation ärztlicher Leistungen
Positive Effekte der Delegation ärztlicher Leistungen
Grafik 1
Positive Effekte der Delegation ärztlicher Leistungen

Grenzen der Delegierbarkeit von ärztlichen Leistungen

Auf eine klare Ablehnung trifft das Beauftragen von Aufgaben in den Bereichen körperliche Untersuchungen, Anamnese, Arzt-/Entlassungsbriefe, Medikamentenmanagement und Folgerezepte. Auch das Delegieren von kleineren Eingriffen und Biopsien lehnen die Befragten eindeutig ab. Nicht ganz so eindeutig sieht es in den Bereichen Sonographie, EKG und Röntgen aus. Etwa die Hälfte der Befragten befürwortet eine mögliche Delegation dieser Bereiche, die andere Hälfte lehnt dies jedoch ab.

Dass das Beauftragen von nichtärztlichem Gesundheitspersonal auch Risiken birgt, sehen viele der Befragten. Rund ein Drittel erwartet durch eine Ausweitung der Delegierbarkeit ärztlicher Leistungen das Heranwachsen einer Konkurrenz nichtärztlicher Heilberufe. 52,2 Prozent der Befragten befürchten das Abließen von Mitteln aus der ärztlichen Vergütung (Grafik 2).

Bedenken gegenüber Delegation von ärztlichen Leistungen
Bedenken gegenüber Delegation von ärztlichen Leistungen
Grafik 2
Bedenken gegenüber Delegation von ärztlichen Leistungen

Auch Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), sieht die Gefahr, dass die Delegation ärztlicher Leistungen an andere Berufsgruppen zulasten der ärztlichen Vergütung gehen könnte. Dies lehnt der KBV-Chef vehement ab: „Die finanziellen Mittel, die die Krankenkassen für die ambulante Versorgung zur Verfügung stellen, reichen nicht aus, um den aktuellen Bedarf nach medizinischen Leistungen zu decken. Von daher darf eine Delegation von Leistungen nicht dazu führen, dass die ohnehin zu dünne Finanzausstattung weiter geschwächt wird“, so der KBV-Vorsitzende. Grundsätzlich hält Gassen eine sinnvolle Delegation im Sinne der Arbeitsentlastung für absolut richtig: „Doch dies darf nicht dazu führen, dass die Krankenkassen versuchen, medizinische Leistungen zu Dumpingpreisen einzuführen.“

59,4 Prozent sehen in der Unsicherheit über die Kompetenz des nichtärztlichen Personals ein Risiko. 40,4 Prozent der Befragten haben Bedenken bezüglich einer Verschlechterung der Behandlungsqualität. Vorbehalte gegenüber einer Delegation von Leistungen beziehen sich bei den meisten Befragten – 78,2 Prozent – auf das Haftungsrisiko des Arztes, dem letztlich die Verantwortung obliegt.

Die juristische Verantwortung muss geklärt sein

Dass die Haftungsfrage in jedem Fall geklärt sein müsse, meint auch Dr. med. Theodor Windhorst, Vorstandsmitglied der Bundes­ärzte­kammer. Grundsätzlich hält er die Delegation von Aufgaben an die Vertreter der Gesundheitsfachberufe für notwendig: „Wir brauchen sie für die Zukunftsaufgaben in der Versorgung, ambulant und stationär. Wir brauchen solche Arztentlastung auf vielen Gebieten.“ Windhorst legt dabei besonderen Wert auf die Aspekte Patientensicherheit und Versorgungsqualität. Deshalb solle die Gesamtverantwortung von Diagnostik und Therapie in einer Hand bleiben – der fachärztlichen Hand. „Haftpflichtregelungen müssen eventuell durch das Berufsgesetz geklärt werden“, so der Präsident der Kammer Westfalen-Lippe.

Dass die Delegation einen Einstieg in die Substitution ärztlicher Leistungen bedeutet, vermuten 42,9 Prozent der Befragten. 39,7 Prozent sehen das jedoch nicht so, und 17,1 Prozent gaben an, dass dies für sie selbst keine relevante Frage sei. Trotzdem kann sich eine Mehrheit (69 Prozent) unter bestimmten Bedingungen auch eine Substitution von bisher den Ärzten vorbehaltenen Leistungen vorstellen. 40,3 Prozent sind der Meinung, dass dazu aber finanzielle Mittel für neue Berufsgruppen bereitgestellt werden müssten, und 55,3 Prozent der Befragten legen Wert darauf, dass die juristische Verantwortung geklärt ist. Eine Mehrheit der Ärzte rechnet mit einer Bedeutungszunahme der Telemedizin. 53 Prozent gehen in diesem Zusammenhang von einer Erleichterung fachübergreifender Kooperationen aus, nur 24 Prozent erwarten, dass durch die Telemedizin eine flächendeckende Versorgung aufrechterhalten werden kann.

Johanna Protschka

3 Fragen an . . .

Dr. med. Klaus Reinhardt, Vorsitzender des Hartmannbundes

Welche Risiken sehen Sie beim Einsatz von qualifizierten, nichtärztlichen Gesundheitsberufen, die delegierte ärztliche Leistungen erbringen?

Klaus Reinhardt: Ich würde die Frage ungern ausschließlich unter dem Gesichtspunkt möglicher Risiken betrachten. Ich denke, die Ärzteschaft ist gut beraten, sich dem Thema offensiv zu stellen und es mitzugestalten. Wir dürfen das nicht denen überlassen, die vor allem Einsparungen im Gesundheitswesen im Auge haben. Ich sehe klare Grenzen dort, wo klare ärztliche Kompetenz im Sinne medizinischer Aus- und Weiterbildung und der damit unteilbaren Verantwortung tangiert ist. In der Delegation von administrativen Aufgaben, aber auch bei der Beobachtung und Begleitung von Behandlungsprozessen sehe ich die Chance, einen Teil des Drucks von den Kolleginnen und Kollegen zu nehmen, dem sie durch den sich immer mehr verschärfenden Ärztemangel ausgesetzt sind.

Junge Ärzte (zwischen 25–35 Jahren) stehen den Themen Substitution und Delegation grundsätzlich positiver gegenüber als die älteren Kollegen. Überrascht Sie das?

Reinhardt: Natürlich nicht. Das wird ganz offensichtlich, wenn man mit den zahlreichen jungen Ärztinnen und Ärzten und den vielen Studierenden in unserem Verband spricht. Da wächst eine Ärztegeneration heran, die sich dem Thema viel pragmatischer und ohne Verlustängste nähert – dabei aber ausdrücklich die medizinisch verantwortbaren Grenzen von Delegation und Subsitution im Auge behält.

Die meisten Ärztinnen und Ärzte erwarten eine Zunahme der Bedeutung der Telemedizin. Erwarten Sie das ebenso und in welchem Ausmaß?

Reinhardt: Ganz sicher. Telemedizin wird nicht nur unter dem Gesichtspunkt von Ärztemangel sehr schnell enorm an Bedeutung gewinnen. Was im Übrigen nicht bedeutet, dass wir alles unreflektiert aufgreifen sollten, was die Industrie da so entwickelt. Der Nutzen für Arzt und Patienten muss klar erkennbar sein. Grundsätzlich aber gilt: Ohne eine sinnvolle Vernetzung zwischen Kolleginnen und Kollegen aller Fachgruppen oder zwischen Kliniken und ambulanten Strukturen wird künftig hochspezialisierte Versorgung nicht mehr funktionieren.

Positive Effekte der Delegation ärztlicher Leistungen
Positive Effekte der Delegation ärztlicher Leistungen
Grafik 1
Positive Effekte der Delegation ärztlicher Leistungen
Bedenken gegenüber Delegation von ärztlichen Leistungen
Bedenken gegenüber Delegation von ärztlichen Leistungen
Grafik 2
Bedenken gegenüber Delegation von ärztlichen Leistungen

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