ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2014Krankenhäuser: Mortalität steigt bei hoher Auslastung

POLITIK

Krankenhäuser: Mortalität steigt bei hoher Auslastung

Dtsch Arztebl 2014; 111(19): A-817 / B-705 / C-669

Osterloh, Falk

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Gröhe hat erklärt, die Bettenzahl in deutschen Kliniken sei zu hoch. Einer aktuellen Studie zufolge ist eine zu hohe Auslastung der Krankenhausbetten jedoch riskant. Gefährlich werde es für die Patienten ab einer Auslastung von 90 Prozent.

Sind alle Betten in einer Abteilung belegt, steigt die Mortalitätsrate, heißt es in der Studie. Foto: your photo today
Sind alle Betten in einer Abteilung belegt, steigt die Mortalitätsrate, heißt es in der Studie. Foto: your photo today

Seit Jahren wird in Deutschland darüber diskutiert, ob Krankenhäuser zu viele Betten vorhalten. Vor kurzem hat Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) die Debatte neu befeuert. Trotz steigender Patientenzahlen seien im Jahresdurchschnitt nur 77 Prozent der Kapazitäten in den Kliniken ausgelastet, hatte der Minister erklärt. Man müsse fragen, ob die hohe Bettenzahl notwendig sei, um die Versorgung sicherzustellen.

Anzeige

Notfälle berücksichtigen

Ärzteschaft und Krankenhäuser finden: Ja, das ist sie. „Wer so den Statistik-Hammer schwingt, geht den falschen Weg“, hatte Dr. med. Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe dem Minister erwidert. Ohne die Einbeziehung der Samstage und Sonntage seien die Krankenhäuser in Westfalen-Lippe zu 85 Prozent belegt. Zudem müsse man bei den Kapazitätsplanungen berücksichtigen, dass es in Notfällen wie etwa bei Grippewellen oder Norovirus-Epidemien zu einer unvorhersehbaren Beanspruchung der Kliniken kommen könne.

Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Alfred Dänzer, hatte erklärt, dass Jahresdurchschnittszahlen mit der Wirklichkeit in den Kliniken nur wenig zu tun hätten, weil sie Ferienzeiten, Wochenenden und jahreszeitliche Schwankungen nicht berücksichtigten. Zudem hätten die Krankenhäuser in den letzten zehn Jahren bereits 600 000 Betten abgebaut.

Unterfüttert wird die Diskussion jetzt durch die Ergebnisse einer aktuellen Studie. Liegt die Bettenauslastung in einem Krankenhaus bei mehr als 92,5 Prozent, heißt es dar- in, steigt die Mortalitätsrate der Patienten. Die Autoren der Studie „Stress on the Ward: Evidence of Safety Tipping Points in Hospitals“, die zuerst in der Zeitschrift „Management Science“ veröffentlicht wurde, haben die Daten von 82 280 Patienten aus 256 Abteilungen von 83 deutschen Krankenhäusern untersucht. 14 321 dieser Patienten lagen an Tagen im Krankenhaus, an denen die Bettenauslastung 92,5 Prozent überschritten hat – 541 von ihnen starben. Der Studie zufolge wären 14,4 Prozent dieser Todesfälle bei einer niedrigeren Bettenauslastung vermeidbar gewesen.

„Das Personal eines Krankenhauses ist ausgelegt auf eine durchschnittliche Bettenauslastung von 85 bis 90 Prozent“, erklärte einer der Autoren der Studie, Prof. Dr. Ludwig Kuntz von der Universität zu Köln, dem Deutschen Ärzteblatt. „Es ist daher nicht verwunderlich, dass es bei einer Auslastung von 100 Prozent an einem bestimmten Tag nicht mehr die Zeit hat, alle Patienten auf hohem Niveau zu versorgen.“

Flexiblere Arbeitszeitmodelle

Bei einer sehr hohen Auslastung steige der Druck auf Ärzte und Pflegekräfte enorm und damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass ihnen Fehler unterliefen, so Kuntz. Oder sie seien dazu gezwungen, bestimmte Leistungen bewusst zu unterlassen. „Liegt die Bettenauslastung über 90 Prozent, wird es für alle Patienten gefährlich“, meint der Wirtschaftsmathematiker.

Lösen könne man das Problem „durch flexiblere Arbeitszeitmodelle. Auf diese Weise könnte man das Personal, das da ist, sinnvoller einsetzen“. Eine andere Möglichkeit sind der Studie zufolge Zusammenschlüsse von Krankenhäusern, die nah beieinander liegen und die einen gemeinsamen Mitarbeiterpool bilden. In Zeiten hoher Auslastung einzelner Krankenhäuser könnten diese dann auf Mitarbeiter der anderen Häuser zurückgreifen.

Falk Osterloh

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema