ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2014Pharmaindustrie: Bayer vertraut neuen Präparaten

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Pharmaindustrie: Bayer vertraut neuen Präparaten

Dtsch Arztebl 2014; 111(19): A-854 / B-732 / C-694

Stüwe, Heinz

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Keine angenehme Haupt­ver­samm­lung: Marijn Dekkers musste sich teils heftige Anschuldigungen anhören. Foto: dpa
Keine angenehme Haupt­ver­samm­lung: Marijn Dekkers musste sich teils heftige Anschuldigungen anhören. Foto: dpa

Der Pharma- und Chemiekonzern erfreut die Aktionäre. Aber die Diskussion auf der Haupt­ver­samm­lung bestimmten Pharmakritiker und Naturschützer.

Bayer bietet derzeit alles, was Aktionäre erfreut: gute Geschäftszahlen, eine Aktie, deren Kurs sich seit Jahren besser entwickelt als die Börse insgesamt, jetzt noch eine höhere Dividende und erfreuliche Zukunftsperspektiven. Dennoch musste sich der Vorstand auf der Haupt­ver­samm­lung Ende April in Köln einiges anhören: unverantwortliches, ja sogar menschenverachtendes Verhalten, warf man ihm vor. Das kam von Aktionären, denen der Sinn nicht nach Rendite und Wertsteigerung stand. Imker sehen in Bayer-Pflanzenschutzmitteln die Ursache für das große Bienensterben. Naturschützer und auch einige Ärzte befürchten unverantwortliche Gesundheitsrisiken durch den Bau einer Kohlenmonoxidpipeline zwischen den Bayer-Werken Dormagen und Krefeld-Uerdingen.

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Duogynon-Opfer fordern Schadensersatz

Auch alte Streitfälle bestimmten die teilweise emotionale Diskussion. Betroffene, die sich oder Familienangehörige als Opfer des in den Sechziger- und Siebzigerjahren von Schering als Schwangerschaftstest vertriebenen Hormonpräparats Duogynon betrachten, verlangten von Bayer als Rechtsnachfolger Scherings, sich nicht länger auf die Verjährung etwaiger Ansprüche zurückzuziehen, endlich die Archive mit den Studien zu öffnen und die Opfer individuell oder über einen Fonds zu entschädigen. „Responsible Care“ habe Bayer zur Leitlinie erhoben. „Wann handeln Sie danach?“, rief ein Redner. Dr. Marijn Dekkers, Vorstandsvorsitzender der Bayer AG, hielt dem fast stereotyp entgegen: Es gebe nach umfangreichen Untersuchungen keinen Nachweis, dass die Einnahme von Duogynon die embryonalen Fehlbildungen verursacht habe. Die Staatsanwaltschaft habe 1980 ihre Ermittlungen eingestellt. Zivilklagen im In- und Ausland seien abgewiesen oder zurückgezogen worden.

Auch in einem aktuellen Fall wandte sich Dekkers gegen die Pharmakritiker: Es geht um Essure, eine hysteroskopische Sterilisation ohne operativen Eingriff. Den Hersteller von Essure, Conceptus Inc. aus Kalifornien, hatte Bayer erst 2013 übernommen. Erin Brockovich, die prominente Verbraucherschützerin, unterstützt in den USA die gegen Essure und Bayer gerichtete Kampagne, in der schwere Nebenwirkungen und Organschäden geltend gemacht werden. Dekkers sagte dazu, das Nutzen-Risiko-Profil des Produkts, seit 2001 von 750 000 Frauen angewandt, sei in mehr als 400 wissenschaftlichen Publikationen gut dokumentiert.

Dekkers sieht eine gut gefüllte Pharmapipeline

In seiner Pharmasparte erwartet Bayer bis 2016 ein jährliches Wachstum von acht Prozent. Angetrieben werden soll es durch die neueren Arzneimittel, zu denen der Gerinnungshemmer Xarelto, Eylea zur Behandlung der altersbedingten Makuladegeneration, die Krebsmittel Stivarga und Xofigo sowie Adempas gegen Lungenhochdruck zählen. „Wir wollen die Anwendungsbereiche unserer neuen Produkte kontinuierlich erweitern“, kündigte Vorstandschef Dekkers an. Die Pharmapipeline sei mit vielversprechenden Projekten gefüllt. Fünf aussichtsreiche Entwicklungskandidaten aus Kardiologie, Onkologie und Gynäkologie sollen bis 2015 so weit vorangebracht werden, dass die Entscheidung für den Start von Phase-III-Studien zur klinischen Erprobung getroffen werden kann.

Auch das Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten will Bayer ausbauen. Dazu würden auch weitere Zukäufe geprüft, sagte Dekkers. Zuletzt hatte Bayer auf diesem Sektor in Deutschland die Steigerwald Arzneimittelwerk GmbH und in China das Unternehmen Dihon übernommen, das vor allem dermatologische Mittel herstellt. Der Bayer-Konzern mit knapp 115 000 Beschäftigten, zu dem neben verschreibungspflichtigen und rezeptfreien Medikamenten (Health Care) die Sparten Pflanzenschutz und Kunststoffe gehören, ist gut in das Jahr 2014 gestartet. Der Umsatz stieg im ersten Quartal 2014 um 8,4 Prozent auf 10,6 Milliarden Euro, das Konzernergebnis um 23 Prozent auf 1,4 Milliarden Euro. Für 2014 rechnet der Vorstand trotz negativer Währungseffekte aufgrund des starken Euro mit einer fünfprozentigen Umsatzerhöhung auf 41 bis 42 Milliarden Euro. Auch der Gewinn je Aktie soll steigen. Für 2013 beschloss die Haupt­ver­samm­lung eine Aufstockung der Dividende um 0,20 Euro auf 2,10 Euro je Aktie.

Heinz Stüwe

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