ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2014Ärzteversorgung: Umlage versus Kapitaldeckung

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Ärzteversorgung: Umlage versus Kapitaldeckung

Clade, Harald

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Das offene Deckungsplanverfahren, das zahlreiche Versorgungswerke für die Altersvorsorge anwenden, hat sich bewährt. Es ist ein Mischverfahren aus Umlagefinanzierung und Kapitaldeckung. Denn: Auf die Finanzierungstechnik kommt es an.

Foto: Fotolia/vege
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Die berufsständischen Versorgungseinrichtungen der Heilberufe (zum Beispiel: Ärzteversorgungswerke) und die gesetzliche Rentenversicherung (GRV) ebenso wie die private Lebensversicherung wenden unterschiedliche Finanzierungssysteme an. Dabei setzt die auf gesetzlicher Pflichtmitgliedschaft beruhende Altersversorgung der freien Berufe häufig ein Finanzierungsverfahren ein, das eine Mittelstellung zwischen der Umlagefinanzierung und der Anwartschaftsdeckung einnimmt: das offene Deckungsplanverfahren, das zahlreiche Versorgungswerke anwenden.

Drei Herangehensweisen an die Altersvorsorge

Eine Finanzierungstechnik führt zu weitreichenden Konsequenzen für die Beitragszahler, die Anwartschaftsberechtigten und die Leistungsempfänger. Oftmals sind die Grundlagen der Finanzierungssystematik unbekannt, so dass wichtige Informationen zum Verständnis der Funktionsweise des eigenen Versorgungswerkes fehlen.

Das Umlagefinanzierungsverfahren ist das am leichtesten durchschaubare Verfahren, bei dem die Versorgungsaufwendungen eines Jahres durch die Beiträge gedeckt werden. Die vereinnahmten Beiträge werden in derselben Leistungsperiode zur Zahlung der Renten verwendet. Das Umlageverfahren ist eine Finanzierungsmethode, die hauptsächlich in der Sozialversicherung (gesetzliche Renten- und Krankenversicherung) angewandt wird. Bei diesem Prinzip gibt es Vor- und Nachteile.

Die Vorteile der Umlagefinanzierung sind:

  • eine einfache Durchführung mit relativ geringen Verwaltungskosten. Selbst bei komplizierten rentenrechtlichen Vorschriften in der GRV liegt der Verwaltungskostensatz seit vielen Jahren bei etwa 1,7 Prozent der Rentenausgaben.
  • Das Umlageverfahren ist von der Marktentwicklung relativ unabhängig. Es bietet allerdings nur im Beharrungszustand, das heißt, bei einem konstanten Verhältnis von Beitragszahlern und Leistungsempfängern, eine der Beitragsdynamik entsprechende Leistungsdynamik.
  • Ein weiterer Vorteil des Umlageverfahrens ist dessen Flexibilität. Bedarfsgerechte Renten können in der Regel aus dem Stand heraus gezahlt werden.

Es entstehen jedoch auch Nachteile durch die Umlagefinanzierung:

  • Sie ist von der demografischen Entwicklung abhängig. Wachsen weniger Beitragszahler nach, werden diese entweder höher belastet, oder das Leistungsniveau muss sinken. Dann steigt der Aufwand für die zusätzliche Altersvorsorge.
  • Das Umlageverfahren stützt sich auf den Produktionsfaktor Arbeit. Ein zu starrer, ineffizienter Arbeitsmarkt, der die Beschäftigungsreserven nicht ausschöpft, wirkt sich auf die Einnahmeseite aus. Das Gleiche gilt auch für globalwirtschaftliche Verwerfungen. Umgekehrt gilt aber auch: Fehlen heute Beiträge, muss die nächste Generation weniger Renten finanzieren.
  • Der Versicherungsschutz verbilligt sich nicht durch erwirtschaftete Zinserträge, insbesondere wegen der fehlenden Kapital- und Vermögensbildung. Allerdings bedeutet die Unabhängigkeit von den Kapitalmärkten auch, dass das Umlageverfahren von den Auswirkungen der finanziellen Repression durch eine Niedrigzinspolitik durch die Zentralbanken verschont bleibt.

Das Kapitaldeckungsprinzip, das für die Privatversicherung typisch ist, stellt die Antipode zum Umlagefinanzierungsverfahren dar. Jeder Versicherte erhält genau die Leistungen, die mit den gezahlten Beiträgen finanziert worden sind (individuelle Anwartschaftsdeckung). Mit den anderen beiden Alterssicherungssystemen hat dieses Prinzip gemeinsam, dass die Versicherung in einen reinen Sparvorgang und eine Risikoabdeckung aufgespalten wird.

Die Risikoabdeckung stellt die Finanzierung von vorzeitigen Versorgungsfällen sicher. Dafür werden Beitragsteile benötigt, die im Verhältnis zu den Spareranteilen in der Regel gering sind. Der Versicherte hat diese Risikoanteile zu tragen; sie sind die Kosten für das Versprechen, dass er auch im vorzeitigen Versorgungsfall die versicherte Leistung erhält, selbst wenn sein Sparkapital noch hinter dieser Leistung zurückbleibt. Die Finanzierungslücke wird durch die Risikoanteile der Mitversicherten seiner Risikogruppe finanziert.

Vorteile des Anwartschaftsdeckungsverfahrens:

  • Das Verfahren ist unabhängig von der demografischen Entwicklung, weil es auf den Produktionsfaktor Kapital abstellt. Erforderlich sind ein ausreichend großer Versichertenbestand und Neuzugang, die einen Risikoausgleich gewährleisten.
  • Durch die Kapitalbildung wird ein voraussehbarer Zinsertrag für die Refundierung sichergestellt, weil diese dann zu einer Verbilligung des Versicherungsschutzes führt. Voraussetzung sind funktionierende Kapitalmärkte.
  • Wegen der Abstimmung von Prämienzahlungen und Leistungen sind Rechtsansprüche eindeutig definierbar, die auch während der Beitragszahlungsdauer eine Zuordnung von Deckungsmitteln und Einzelversicherungen ermöglichen (Rückkaufwerte).

Nachteile des Anwartschaftsdeckungsverfahrens:

  • Eine Abstimmung von Beiträgen und Leistungen erfordert eine Vorauskalkulation des Versicherungsablaufs über mehrere Jahrzehnte hinweg. Es bedarf später einer Zuordnung der erzielten Gewinne zu den einzelnen Versicherungen, was exakte Gewinnanalysen voraussetzt.
  • Die Kapitalbildung führt tendenziell zu einer preiswerteren Gestaltung des Versicherungsschutzes infolge der zu erzielenden Zinserträge. Allerdings wirkt sich eine solche Verbesserung nur in statischen Wirtschaftssystemen aus. Bei dynamischen Entwicklungen geht die Bedeutung der Zinserträge in dem Umfang zurück, wie die Zinserträge durch die Dynamisierungsraten der Aktivbezüge und Renten neutralisiert werden.

Das offene Deckungsplanverfahren, das zahlreiche Versorgungswerke anwenden, ist ein Mischverfahren aus Kapitaldeckung und dem Umlagefinanzierungsverfahren. Die Leistungsanhebung bei dynamischen Entwicklungen erfolgt zum Teil durch eine reduzierte Kapitalbildung und eine unmittelbare Verwendung von Beitragsanteilen für die Gewährung der Zusatzleistungen. Dadurch ist es möglich, insbesondere den Rentenempfängern dynamische Leistungen zu bieten, die diese nicht mehr selbst finanzieren. Durch die Verbindung der beiden Finanzierungsverfahren ist es krisenfester und weniger abhängig von demografischen Veränderungen und Kapitalmarktschwankungen.

Weitere Vorteile des offenen Deckungsplanverfahrens:

  • Das Gruppenäquivalenzprinzip vereinfacht den Verwaltungskostenaufwand gegenüber dem individuellen Äquivalenzprinzip entsprechend. Bei größeren Versorgungswerken liegt der Verwaltungskostensatz unter zwei Prozent.
  • Die Rendite der Kapitalanlagen trägt zur Finanzierung der Versorgungszahlungen bei. Dass dies in geringerem Umfang geschieht als beim Anwartschaftsdeckungsverfahren, ist nicht entscheidend, weil dieser Faktor bei dynamischer Entwicklung weniger wirkt. Kapitalanlagen können sogar belastend sein, wenn die staatliche Niedrigzinspolitik der Zentralbanken die Schuldner entlastet.

Nachteile des offenen Deckungsplanverfahrens:

  • Das offene Deckungsplanverfahren erfordert einen stetigen Zugang von möglichst jungen Versicherten. Es lässt sich nur durchführen, wenn der künftige Zugang zur Teilnahme verpflichtend bleibt. Dadurch resultieren Kollisionen mit der GRV. Pflichtmitglieder von Versorgungswerken werden von der Angestelltenversicherungspflicht auf Antrag befreit, wenn das Versorgungswerk normierten Qualitätsanforderungen genügt. Es muss dynamische Leistungen gewähren, eine Forderung, die sich nur dann erfüllt, wenn das Finanzierungsverfahren auch Elemente der Umlagefinanzierung enthält.
  • Finanzierungsverfahren, die auf der reinen Kapitaldeckung basieren, werden oftmals kritisiert. Bei sich verschlechternden Rahmenbedingungen auf dem Kapitalmarkt zeige sich, dass kapitalgedeckte Finanzierungsverfahren zum Teil ungünstiger als die Umlagefinanzierung seien. Beim Verfahren der Versorgungswerke besteht jedoch keine Gefahr: Die Versorgungswerke haben im Jahr 2012 eine durchschnittliche Rendite beziehungsweise Nettoverzinsung von vier Prozent erzielt (Ärzteversorgung Nordrhein: Nettoverzinsung im Jahr 2012: 4,11 Prozent). Die Versorgungswerke haben sich als krisenresistent bewährt.
  • Das offene Deckungsplanverfahren enthält auch Elemente des Umlageverfahrens. Es ist in der Lage, bei einer dynamischen Beitragsentwicklung dynamisierte Leistungen zu gewährleisten. Dabei ist die Leistungsdynamik aber etwas geringer als die Beitragsdynamik. Doch sind die Anfälligkeiten der Umlagefinanzierung, etwa infolge einer sich verschlechternden demografischen Entwicklung (Stichwort: Überalterung des Rentenbestandes), beim offenen Deckungsplanverfahren ausgeschlossen, weil Schwankungen im Leistungsplan durch eine ausreichende Kapitalbildung ausgeglichen werden.

Dr. rer. pol. Harald Clade

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