ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2014Sexueller Kindesmissbrauch: Die Opferzahlen sind unverändert hoch

POLITIK

Sexueller Kindesmissbrauch: Die Opferzahlen sind unverändert hoch

Dtsch Arztebl 2014; 111(19): A-822 / B-712 / C-676

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Wer unbefugt Bilder von nackten Kinder macht und verbreitet, soll künftig bestraft werden. Die Verschärfung der Strafrechtsnormen zur Kinderpornografie ist ein zentraler Punkt in einem Gesetzentwurf des Bundesjustizministers zur Neuregelung des Sexualstrafrechts. Foto: dpa
Wer unbefugt Bilder von nackten Kinder macht und verbreitet, soll künftig bestraft werden. Die Ver­schärfung der Strafrechtsnormen zur Kinder­pornografie ist ein zentraler Punkt in einem Gesetzentwurf des Bundesjustizministers zur Neuregelung des Sexualstrafrechts. Foto: dpa

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung fordert deutlich mehr gesellschaftliches Engagement. Auf seiner Agenda stehen die Prävention an Schulen und die Einrichtung eines Betroffenenrates.

Erneut macht die Odenwaldschule negative Schlagzeilen, nachdem bekannt wurde, dass ein – inzwischen entlassener – Lehrer im Besitz von Kinderpornografie war. Einer der größten Missbrauchsskandale wurde dort vor vier Jahren bekannt: Seit den 60er Jahren hatten Lehrer an der Schule mindestens 130 Schüler sexuell missbraucht. Und auch der Fall Sebastian Edathys, dessen politische Karriere beendet scheint, weil er im Internet Fotos nackter Kinder gekauft hatte, zeigt, wie wichtig es ist, genau hinzuschauen und nichts zu verharmlosen.

Anzeige

Wenig ermutigende Bilanz

Es ist die Aufgabe des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung mit dem Finger auf solche Fälle zu zeigen. Das macht Johannes-Wilhelm Rörig, wie seine Vorgängerin Dr. Christine Bergmann, zusammen mit vielfältigen Aktivitäten seit Bekanntwerden der Missbrauchsskandale 2010. Und doch ist die Bilanz wenig ermutigend: Sexueller Kindesmissbrauch ist nicht rückläufig, und die Fallzahlen sind weiterhin hoch: Die polizeiliche Kriminalstatistik listet gegenwärtig etwa 12 500 entsprechende Strafverfahren auf; die Dunkelziffer wird von Experten viel höher geschätzt. Darauf wies der Missbrauchsbeauftragte bei der Vorstellung seiner Agenda für die nächsten fünf Jahre vor der Presse in Berlin hin. Rörig forderte deshalb: „Das gesellschaftliche und politische Engagement muss deutlich gesteigert werden.“

Zudem gebe es immer noch keine ausreichende Infrastruktur für die Beratung von Betroffenen, kritisierte der Missbrauchsbeauftragte weiter. Insbesondere fehlten spezielle Beratungsstellen für von sexueller Gewalt betroffene Jungen, Migranten und Menschen mit Behinderungen. Das Beratungsnetz müsse „dichter geknüpft“ werden. Rörig will noch 2014 eine Studie über die konkreten Beratungsangebote in den einzelnen Bundesländern in Auftrag geben.

„Hilfen und Beratung müssen noch leichter zugänglich werden“, forderte Rörig. Ein großer Schritt in diese Richtung wurde im Juni 2013 mit dem Online-Portal www.hilfeportal-missbrauch.de gemacht, wo Betroffene, Angehörige und Fachkräfte gezielt Beratungsangebote, Therapieplätze und Rechtsberatung bekommen können. In die Adressdatenbank haben sich mehr als 630 Ärzte und Psychotherapeuten sowie 103 Klinikambulanzen, die über Erfahrung in der Therapie von Traumatisierten verfügen, eingetragen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Bundes­psycho­therapeuten­kammer hatten mehrfach dazu aufgerufen. Ein Eintrag ist weiterhin möglich unter www.datenerfassung.hilfeportal-missbrauch.de. Die Bundesländer forderte Rörig erneut auf, ihrer Verantwortung bezüglich des „Fonds sexueller Missbrauch“ nachzukommen: „Die vom Runden Tisch beschlossenen 100 Millionen Euro sind bis heute nicht zustande gekommen.“ Zusätzlich zu den vom Bund eingezahlten 50 Millionen Euro habe einzig Mecklenburg-Vorpommern seinen Anteil eingezahlt und Bayern die Einzahlung zugesagt. „Die restlichen 14 Länder stehen in der Pflicht“, so Rörig. Aus dem Fonds können Betroffene Sachleistungen für Hilfe und Beratung abrufen.

Auf Rörigs Agenda steht auch die Einrichtung eines Betroffenenrates. „Betroffenen wurde lange kein Gehör geschenkt – das wollen wir ändern“, sagte er. Noch in 2014 sollen Betroffene ein Forum erhalten. Der Rat soll eigene Informations- und Mitwirkungsrechte haben.

Kompetenzbereich Schule

Außerdem soll künftig die Prävention an Schulen einen festen Platz einnehmen. „Schulen können Tatort sein, sollen aber Kompetenzbereiche werden“, sagte Rörig. In allen Schulen sollen Fachkräfte in den kommenden Jahren fortgebildet und Eltern besser informiert werden. Die Kinder sollen eine altersangemessene Aufklärung über Missbrauch erhalten, eingebettet in Gewaltprävention und begleitet von moderner Sexualpädagogik. Dringend notwendig ist Rörig zufolge auch die Vermittlung von Medienkompetenz, gerade wegen des zunehmenden Cyber-Groomings, also des gezielten Ansprechens von Heranwachsenden im Internet mit dem Ziel der Anbahnung sexueller Kontakte.

Petra Bühring

Das „Hilfetelefon Sexueller Missbrauch“ hat die kostenfreie Rufnummer: 0800 22 55 53 0

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #111441
borgmann4
am Freitag, 9. Mai 2014, 21:36

Verbesserungen rentieren sich für uns alle!


Die "Deutsche Traumafolgenstudie" ergab direkte Ausgaben von 11 Milliarden Euro pro Jahr. Sie bezieht sich zwar auf Traumatisierungen verschiedener Art, aber in der Praxis kommen ja meist verschiedene Misshandlungsmodalitäten zusammen. Außerdem haben die Autoren ihre Werte recht konservativ ermittelt. Es ist also eher von noch viel höheren Kosten auszugehen. Zumal die Zahl der tatsächliche Opfer schwer zu erfassen ist. Viele geben sich nicht als Betroffene zu erkennen, den meisten ist ihre Traumatisierung nicht bewusst bzw. sie bringen sie nicht mit gesundheitlichen oder biografischen Schäden in Zusammenhang. Prävention und Behandlung kostet also erstmal. Aber langfristig können wir sicherlich Geld einsparen.

Allerdings: der mögliche kollektive Gewinn an Lebensqualität ist doch die wichtigste Motivation etwas zu tun. Denn nichts ist schlimmer als von der Realität überrollt zu werden. Zum Beispiel wenn im eigenen Umfeld Kinder zu Schaden kommen oder man miterleben muss, wie ein erwachsenes Opfer, das Einem etwas bedeutet keine Hilfe findet.

Angelika Oetken, Ergotherapeutin, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema