ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2014Körperbilder: Pietro Lorenzetti (um 1280–1348) – Der Schmerzensmann

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Pietro Lorenzetti (um 1280–1348) – Der Schmerzensmann

Dtsch Arztebl 2014; 111(19): [56]

Schuchart, Sabine

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Pietro Lorenzetti: „Christus als Schmerzensmann“, um 1340, Tempera auf Holz, 35,3 × 26 cm: Der tote Christus erscheint als Halbfigur in einer gemalten Rahmennische – den Kopf seitwärts gesenkt, Augen und Mund leicht geöffnet, die herabhängenden Hände vor dem Leib verschränkt. Blut fließt aus den Wundmalen auf den Handrücken und zwischen den rechten Rippen. © Lindenau-Museum Altenburg; Foto: Bernd Sinterhauf
Pietro Lorenzetti: „Christus als Schmerzensmann“, um 1340, Tempera auf Holz, 35,3 × 26 cm: Der tote Christus erscheint als Halbfigur in einer gemalten Rahmennische – den Kopf seitwärts gesenkt, Augen und Mund leicht geöffnet, die herabhängenden Hände vor dem Leib verschränkt. Blut fließt aus den Wundmalen auf den Handrücken und zwischen den rechten Rippen. © Lindenau-Museum Altenburg; Foto: Bernd Sinterhauf

Wie müssen Bilder von erlittener physischer Gewalt aussehen, um gleichzeitig realistisch zu sein und anzurühren? Dies sei eine Frage, die in der abendländischen Kunst erst durch das Christentum bildwürdig geworden sei, erklärt der katholische Theologe Prof. Dr. Reinhard Hoeps. So habe zuvor die griechische Antike der Integrität des Körpers größten Wert beigemessen. Da seit Anfang des 14. Jahrhunderts im religiösen Leben die Meditation über die Marter Christi eine zunehmend wichtige Rolle spielte, gewann auch deren Darstellung an Bedeutung. Dabei entwickelte sich ein neuer Bildtypus, die Imago pietatis. Ein besonders beeindruckendes Beispiel ist „Christus als Schmerzensmann“ des Sieneser Malers der italienischen Frührenaissance, Pietro Lorenzetti. Für Hoeps „ein Andachtsbild, das den Betrachter unmittelbar in das grausame Geschehen hineinziehen soll. Die Wunde selbst wird auf einmal zum Bildprinzip.“

Zu diesem Thema hat der Münsteraner Theologe gemeinsam mit dem Bochumer Kunsthistoriker Prof. Dr. Richard Hoppe-Sailer eine faszinierende Ausstellung realisiert: Darin stehen spätmittelalterliche Leidensimaginationen in einem überraschend geistesverwandten Dialog mit Kunstwerken der Moderne und Gegenwart zu Verletzung und Gewalt. Eines der ältesten Exponate ist der Schmerzensmann, ursprünglich die rechte Tafel eines Dyptichons, eines zweiteiligen Hausaltärchens. Mit seinem Bruder Ambrogio gehörte Pietro Lorenzetti in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts zu den Meistern der Malschule von Siena, die unter dem Einfluss Giottos und Duccios europäischen Rang erlangt hatte.

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In den Bildern und Fresken Pietro Lorenzettis verbindet sich die religiöse Thematik mit einer menschlichen Dimension. In bis dahin nicht üblicher Natürlichkeit malte er den Gesichtsausdruck seines Jesus, der den Betrachter unmittelbar berührt. Diese Wirkung verstärkte der Künstler durch einen Trompe-l’Œil-Effekt: Die plastisch anmutende Einfassung des dunklen Hintergrunds sorgt für Bildtiefe, weckt Assoziationen an einen Sarkophag. „Dadurch wird visuelle Präsenz erzeugt“, so Hoeps. „Schmerz und Körperlichkeit sind in höchster Intensität gegenwärtig.“ Sabine Schuchart

Ausstellung
„Deine Wunden“

Situation Kunst (für Max Imdahl), Kunstsammlungen der Ruhr-Universität Bochum, Nevelstraße 29 c, Bochum; www.ruhrkunst-museen.com;

Mi./Do./Fr. 14–18, Sa./So. 12–18 Uhr;

bis 31. August

„Deine Wunden: Passionsimaginationen in christlicher Bildtradition und Bildkonzepte in der Kunst der Moderne“, Ausstellungskatalog, 280 Seiten, Kerber 2014; 38 Euro (Museumsshop: 28,50 Euro)

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