ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2014Sexueller Kindesmissbrauch: Opferzahlen unverändert hoch

EDITORIAL

Sexueller Kindesmissbrauch: Opferzahlen unverändert hoch

PP 13, Ausgabe Mai 2014, Seite 193

Bühring, Petra

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Erneut macht die Odenwaldschule negative Schlagzeilen, nachdem bekannt wurde, dass ein ehemaliger Lehrer im Besitz von Kinderpornografie war. Einer der größten Missbrauchsskandale wurde dort vor vier Jahren bekannt: Seit den 60er Jahren hatten Lehrer an der Schule mindestens 130 Schüler sexuell missbraucht. Auch die Edathy-Affäre geht weiter: Gegen den ehemaligen Politiker wird jetzt wegen Verdachts des Besitzes von kinderpornografischen Bildern ermittelt.

Beides zeigt, wie wichtig es ist, genau hinzuschauen und nichts zu verharmlosen. Es ist die Aufgabe des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung mit dem Finger auf solche Fälle zu zeigen. Das macht Johannes-Wilhelm Rörig, flankiert von vielfältigen Aktivitäten, seit Bekanntwerden der Missbrauchsskandale 2010. Und doch ist die Bilanz wenig ermutigend: Sexueller Kindesmissbrauch ist nicht rückläufig, und die Opferzahlen sind weiterhin hoch: Die polizeiliche Kriminalstatistik listet etwa 12 500 Strafverfahren auf; die Dunkelziffer wird von Experten viel höher geschätzt. Dar- auf wies der Missbrauchsbeauftragte bei der Vorstellung seiner Agenda für die nächsten fünf Jahre hin. Rörig forderte deshalb deutlich mehr gesellschaftliches und politisches Engagement.

Zudem gebe es immer noch keine ausreichende Infrastruktur für die Beratung von Betroffenen, kritisierte der Missbrauchsbeauftragte weiter. Insbesondere fehlten spezielle Beratungsstellen für von sexueller Gewalt betroffene Jungen, Migranten und Menschen mit Behinderungen. Das Beratungsnetz müsse auch dichter geknüpft werden. Hilfen und Beratung sollten noch leichter zugänglich werden. Ein großer Schritt in diese Richtung wurde im Juni 2013 mit dem Online-Portal www.hilfeportal-missbrauch.de gemacht, wo Betroffene, Angehörige und Fachkräfte gezielt Beratungsangebote, Therapieplätze und Rechtsberatung bekommen können. In die Adressdatenbank haben sich mehr als 630 Psychotherapeuten und Ärzte sowie 103 Klinikambulanzen, die über Erfahrung in der Therapie von Traumatisierten verfügen, eingetragen.

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Die Bundesländer forderte Rörig erneut auf, ihrer Verantwortung bezüglich des „Fonds sexueller Missbrauch“ nachzukommen. Die vom Runden Tisch beschlossenen 100 Millionen Euro seien bis heute nicht zustande gekommen. Zusätzlich zu den vom Bund eingezahlten 50 Millionen Euro habe einzig Mecklenburg-Vorpommern seinen Anteil eingezahlt und Bayern die Einzahlung zugesagt. Aus dem Fonds können Betroffene Sachleistungen für Hilfe und Beratung abrufen. Auf Rörigs Agenda steht auch die Einrichtung eines Betroffenenrates. Betroffene werden noch in 2014 ein Forum erhalten, durch das sie an der Arbeit des Beauftragten beteiligt werden.

Außerdem soll künftig die Prävention an Schulen einen festen Platz einnehmen. Geplant ist, Lehrer besser fortzubilden und Eltern besser zu informieren. Alle Kinder sollen eine altersangemessene Aufklärung über Missbrauch erhalten, eingebettet in Gewaltprävention und begleitet von moderner Sexualpädagogik. Dringend notwendig ist Rörig zufolge auch die Vermittlung von Medienkompetenz, gerade wegen des zunehmenden Cyber-Groomings, also des gezielten Ansprechens von Heranwachsenden im Internet mit dem Ziel der Anbahnung sexueller Kontakte.

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