ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2014Die sieben Todsünden: Zorn – Affektkontrolle

KUNST + PSYCHE

Die sieben Todsünden: Zorn – Affektkontrolle

PP 13, Ausgabe Mai 2014, Seite 194

Kraft, Hartmut

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Es wird scheppern im nächsten Moment und der Krug zu Bruch gehen. Mit großem Getöse wird der jetzt schon auf der Kippe stehende Tisch auf dem Boden aufschlagen. Der gut gekleidete Herr mit seinem Federhut ist vom Tisch aufgesprungen und im Begriff, sein Schwert zu ziehen. Die zu Fäusten geballten Hände umklammern Schwertgriff und Schwertscheide. Alle Muskeln sind gespannt, die Sinne hellwach. Die Lippen sind zusammengepresst, das ausgeprägte Kinn vorgeschoben, die Nasenlöcher geweitet und die Augen drohend aufgerissen. Indem der Hut die obere Gesichtshälfte im Schatten liegen lässt, konnte der Künstler das Weiß des Augapfels besonders gut herausarbeiten. Auch ohne Farbe, ohne die Zornesröte des Gesichts, verstehen wir, um welchen Affektausdruck es hier geht. Zum Verständnis ist der das Bild begleitende Text nicht notwendig. Der Gesichtsausdruck von Zorn ist angeboren und kann dementsprechend transkulturell dem zugrunde liegenden Affekt richtig zugeordnet werden.

Lucas Vorstermann der Jüngere: Ira (Zorn) (Mitte 17. Jahrhundert), Radierung, 19,2 × 14,1 cm. Blatt mit Textzeile aus einer Folge von sieben Radierungen nach Motiven zu den „Sieben Todsünden“ von Adriaen Brouwer. Foto: Eberhard Hahne
Lucas Vorstermann der Jüngere: Ira (Zorn) (Mitte 17. Jahrhundert), Radierung, 19,2 × 14,1 cm. Blatt mit Textzeile aus einer Folge von sieben Radierungen nach Motiven zu den „Sieben Todsünden“ von Adriaen Brouwer. Foto: Eberhard Hahne

Der Künstler Adriaen Brouwer hat eine in seiner Zeit, dem 17. Jahrhundert in den Niederlanden, alltägliche Szene dargestellt. Keine mythologische Überhöhung, keine Tiere oder Dämonen werden verwendet, wie es in den Bildern des vorangegangenen Jahrhunderts üblich war. Hier sehen wir einen Wirtshaushändel, einen Streit unter Zechkumpanen um Ehre, eine Frau oder um Geld, ohne dass die dem Geschehen zugrunde liegende Szene auch nur angedeutet wäre.

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Dem optisch vermittelten Gepolter und den schrägen, kippenden Linien des Bildes hat der Künstler eine Waagerechte und eine Senkrechte entgegengestellt. Der kampfbereite Mann befindet sich links der Bildmitte, ein senkrecht verlaufender Balken entpuppt sich als Wandvorsprung, vor dem ein dreibeiniger Stuhl mit seiner ebenfalls senkrechten Lehne steht. Während der größte Teil des Bildes einen Aufruhr schildert, herrscht am rechten Bildrand noch Ruhe, Statik. Vielleicht ist der Rubikon noch nicht überschritten, vielleicht kann der zornig erregte Mann seinen Affektsturm doch noch kontrollieren, es bei der Drohgeste, dem Drohstarren belassen. Die Szene ist auch jetzt schon so bedrohlich für den Betrachter, dass der Künstler uns optisch geschützt hat. Nur auf diesem einen Blatt der Darstellungen der sieben Todsünden trennt ein waagerechter Balken am unteren Bildrand den aufgebrachten Protagonisten von uns als Betrachtern. Selbst die vom Tisch herabstürzende Kanne wird auf der Seite des Aggressors bleiben. Der Künstler distanziert das Geschehen von uns und gibt einen zweiten Hinweis auf eine mögliche Eindämmung, auf eine Kontrolle des kurz vor dem Ausagieren stehenden Affekts. Da der Künstler in seinem kurzen Leben selbst in viele Auseinandersetzungen verstrickt war, hat er vielleicht gerade die Sekunde dargestellt, wo eine Eskalation des Zorns in tätliche Gewalt vermieden werden konnte. Noch steckt das Schwert in der Scheide, noch ist eine Affektkontrolle möglich.

Dr. med. Hartmut Kraft

Biografien Lucas Vorstermann und Adriaen Brouwer

Lucas Vorstermann, der Jüngere, geboren 1624 in Antwerpen, wo er 1651/52 Meister wurde, stach viele Reproduktionen nach Gemälden von P. P. Rubens, J. Jordaens, D. Tenier und A. Brouwer. Gestorben 1666 in Antwerpen.

Adriaen Brouwer, geboren 1605/06 in Oudenaarde/Flandern. Er gilt als der bedeutendste Bauernmaler der Zeit nach Peter Breughel dem Älteren. Sein ausschweifender Lebensstil mit hohem Alkoholkonsum gab Anlass zu biografischen Schilderungen. Gestorben 1638 in Antwerpen.

1.
Badura AB, Weber K (Hrsg.): Ira – Wut und Zorn in Kultur und Literatur. Gießen: Psychosozial-Verlag 2013.
2.
Laham SM: Der Sinn der Sünde. Die 7 Todsünden – und warum sie gut für uns sind. Primus Verlag 2013.
3.
Scholz H: Brouwer invenit. Druckgraphiken und Reproduktionen des 17.–19. Jahrhunderts nach Gemälden und Zeichnungen von Adriaen Brouwer. Marburg: Jonas Verlag 1985.
1. Badura AB, Weber K (Hrsg.): Ira – Wut und Zorn in Kultur und Literatur. Gießen: Psychosozial-Verlag 2013.
2.Laham SM: Der Sinn der Sünde. Die 7 Todsünden – und warum sie gut für uns sind. Primus Verlag 2013.
3.Scholz H: Brouwer invenit. Druckgraphiken und Reproduktionen des 17.–19. Jahrhunderts nach Gemälden und Zeichnungen von Adriaen Brouwer. Marburg: Jonas Verlag 1985.

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