ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2014Ausbildung zum Psychotherapeuten: „Es geht nicht ohne die Institute“

POLITIK

Ausbildung zum Psychotherapeuten: „Es geht nicht ohne die Institute“

PP 13, Ausgabe Mai 2014, Seite 199

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Reform der Ausbildung steht in dieser Legislaturperiode auf der Agenda. Ideen zur inhaltlichen Konzeption eines Psychotherapiestudiums und zur Finanzierung der Weiterbildung wurden bei einer Fachtagung diskutiert.

Ein Studium der Psychotherapie mit anschließender Weiterbildung wird immer wahrscheinlicher. Foto: dpa
Ein Studium der Psychotherapie mit anschließender Weiterbildung wird immer wahrscheinlicher. Foto: dpa

Keine oder eine verzagte Reform der Ausbildung birgt mehr Risiken als eine Reform“, betonte Barbara Lubisch, Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung (DPtV) beim „Ideenwettbewerb II“, einer Veranstaltung Anfang April in Berlin, bei der Ideen zur Weiterbildung in der Psychotherapie entwickelt werden sollten. Eine Direktausbildung, also ein Vollstudium der Psychotherapie mit anschließender Weiterbildung, hält die DPtV für erforderlich. Nur so ließen sich die aus der jetzigen Organisation der Ausbildung und dem Bologna-Prozess resultierenden Probleme beheben: „Die Forderung nach Masterniveau für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten ist seit Jahren nicht gelungen“, sagte Lubisch, und auch die unangemessene oder gänzlich fehlende Vergütung in der praktischen Ausbildung von Psychotherapeuten an Kliniken könne nicht anders als mit einer großen Reform gelöst werden.

Anzeige

Der „Ideenwettbewerb I“ fand im Oktober vergangenen Jahres statt: Damals hatte sich der ehemalige Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Andreas Köhler, für eine Reform der Aus- und Weiterbildung in Anlehnung an das System der Ärzte ausgesprochen: Sechs Jahre Vollstudium der Psychotherapie mit anschließender Approbation und dann eine mindestens fünfjährige Weiterbildung, organisiert in einem Verbundweiterbildungssystem. Finanziert werden sollte die ambulante Weiterbildung der Psychotherapeuten nach Köhlers Ansicht aus dem Gesundheitsfonds, und auch eine Anpassung des Orientierungswertes hielt er für unabdingbar (siehe Editorial, PP 11/2013).

Genügend Geld für die Weiterbildung

Der Justiziar der DPtV, Dr. Markus Plantholz, hält einen Zuschlag auf die Weiterbildungsvergütung im ambulanten Bereich ebenfalls für notwendig: „Mit 83 Euro pro Stunde kann kein Niedergelassener einen Weiterbildungsassistenten finanzieren.“ Künftig könnte es drei Träger von Weiterbildung geben, sagte der Rechtsanwalt: niedergelassene Psychotherapeuten, psychiatrische oder psychosomatische Kliniken und Weiterbildungsinstitute. Letztere, also die heutigen Ausbildungsinstitute, seien auch in einer reformierten Ausbildungslandschaft unbedingt notwendig: „Wir brauchen die Strukturen der Institute, auch zur Refinanzierung der Weiterbildung – es geht nicht ohne“, sagte Plantholz auch im Hinblick auf die Befürchtungen der Institute, überflüssig zu werden, wenn sich die Ausbildung an die Universitäten verlagern würde. In jedem Fall müsse genügend Geld für die Weiterbildung zur Verfügung gestellt werden. „Bisher wird die Ausbildung an den Instituten mehr oder weniger in Selbstausbeutung finanziert, Stichworte: geerbte Gebäude oder unbezahlte Supervision“, warf Dieter Best, stellvertretender Bundesvorsitzender der DPtV, ein. Das dürfe nicht so weitergehen.

Dass es möglich ist, psychodynamische Inhalte in einem Universitätsstudium zu vermitteln, zeigen die Erfahrungen von Prof. Dr. Jürgen Körner, Gründungspräsident der International Psychoanalytic University in Berlin. Als Voraussetzung für eine Approbation nach einem fünf- bis sechsjährigen Psychotherapiestudium beschrieb Körner folgende Kompetenzen: Der Kandidat müsse verschiedene Settings ambulanter und stationärer Behandlung bei Patienten verschiedener Alters- und Entwicklungsstufen beherrschen. Er sollte eine breite Palette therapeutischer Interventionsmethoden kennen (klären, konfrontieren, deuten, durcharbeiten). In Bezug auf die Haltung sollte er implizite Theorien und das eigene Menschenbild in den Auswirkungen auf die therapeutische Arbeit reflektieren können. „Therapeutische Haltung erwirbt man durch Selbsterfahrung, durch selektive Identifikation mit verschiedenen Ausbildern, durch Supervision und in kasuistischen Seminaren“, sagte Körner. Infolgedessen müsse all dies in ein Psychotherapiestudium integriert werden. Die klinische Praxis sollte sehr früh im Studium erfolgen. Körner schlug weiter vor, dass Studierende mehrere Verfahren lernen, das heißt kein Richtlinienverfahren abwählen dürfen, dafür aber Schwerpunkte setzen können. Nach dem Studium und der Approbation sollte sich seiner Ansicht nach eine zwei- bis vierjährige Weiterbildung anschließen.

Entwicklungspsychologisches Wissen für alle

Die Besonderheiten der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie (KJP) in einem künftigen gemeinsamen Psychotherapiestudium beschrieb Dr. Helene Timmermann von der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. „Entwicklungspsychologisches Wissen ist für alle Therapeuten wichtig“, stellte sie voran. Kenntnisse über die Phasen der Adoleszenz und der Elternschaft als „normative Entwicklungskrise“ gehörten zu beiden Berufen und könnten gut in ein reformiertes Curriculum integriert werden. Herausfordernd sei es, die Sprachebene von Kindern in ihren verschiedenen Entwicklungsstufen zu finden: „Die Behandlungstechnik ist in der KJP ganz entscheidend“, sagte Timmermann. Und auch die Zusammenarbeit mit den Eltern, das heißt der Spagat zwischen der Wahrung des geschützten Raumes des Kindes und dem Recht auf Information der Eltern, stelle eine Herausforderung dar. Wichtig erscheint ihr außerdem, dass auch „Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in Lehre und Forschung gehen“.

„Aufsicht ist die Aufgabe, die Einhaltung der Gesetze und Verordnungen zu überwachen“, stellte Michael Krenz, Präsident der Psychotherapeutenkammer Berlin, klar. Die Aufgaben der Kammern seien die sachverständige Beratung staatlicher Stellen, die Interessenvertretung der Psychotherapeuten sowie hoheitliche Aufgaben wie die Entwicklung und Überwachung der Berufsordnung. „Daraus ergibt sich, dass die Kammern auch nach einer möglichen Einführung eines Direktstudiums mit anschließender Weiterbildung die Berufsaufsicht über die Weiterbildung übernehmen“, sagte Krenz.

Prof. Dr. Dietmar Schulte, Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Bochum, befand schließlich: „Es ist wichtig, dass wir die strukturellen Eckpunkte zur Weiterbildung jetzt entwickeln – daran hängt alles.“

Petra Bühring

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema