ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2014Psychosomatische Medizin und Psychotherapie: Frühzeitig psychosomatisch denken

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Psychosomatische Medizin und Psychotherapie: Frühzeitig psychosomatisch denken

PP 13, Ausgabe Mai 2014, Seite 203

Bühring, Petra

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Bei ihrem Jahreskongress in Berlin wies die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie auf die Wechselwirkungen zwischen körperlichen und psychischen Erkrankungen hin.

Psychische und körperliche Erkrankungen verstärken sich wechselseitig. „Psychische Störungen gehen in Verbindung mit chronischen körperlichen Erkrankungen mit einer deutlich verkürzten Lebenserwartung einher“, erklärte Prof. Dr. med. Johannes Kruse, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) beim Jahreskongress der Fachgesellschaft Ende März in Berlin.

Dass Depressionen bei Menschen mit Typ-2-Diabetes doppelt so häufig auftreten wie bei jenen, die nicht unter der Stoffwechselerkrankung leiden, ist bekannt. Kruse, Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie, Universitätsklinikum Gießen und Marburg, stellte eine neue Metaanalyse vor, die zudem zeigt, dass sich Depressionen negativ auf den Krankheitsverlauf auswirken und die Betroffenen im Durchschnitt schneller sterben. Denn häufig führten Diabeteserkrankte mit Depressionen die anspruchsvolle Therapie nicht richtig durch und schafften es nicht, einen gesunden Lebensstil zu pflegen, der der Diabeteserkrankung entgegenwirkt. „Eine frühzeitige psychosomatische Mitbetreuung kann die negativen Auswirkungen auf den Blutzuckerstoffwechsel mildern“, betonte Kruse.

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Depressionen gelten auch als eigenständiger Risikofaktor für die Entstehung und den Verlauf von koronaren Herzkrankheiten. Darauf wies Prof. Dr. med. Christoph Herrmann-Lingen, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universität Göttingen, hin: „Bereits leichte depressive Symptome erhöhen das Komplikations- und Sterblichkeitsrisiko.“ In einer deutschlandweiten Studie untersuchten Herrmann-Lingen und Kollegen daher den Effekt von gruppenpsychotherapeutischen Angeboten bei depressiven Herzpatienten im Vergleich zu konventioneller kardiologischer Behandlung. Signifikant überlegen zeigte sich die Psychotherapie vor allem bei den Patienten mit sogenannter Risiko-Persönlichkeit (Typ-D). Deren depressive Symptome konnten deutlich verringert werden. Hinsichtlich des Verlaufs der Herzerkrankung fand man keine bedeutsamen Unterschiede zwischen den Studiengruppen.

Auf den präventiven Nutzen von psychosomatischen Sprechstunden in Betrieben wies Prof. Dr. med. Harald Gündel, Direktor der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Ulm, hin. „Das ist ein neues Versorgungsmodell, das erfolgreich zu sein scheint“, sagte Gündel. Die Zahl der Betriebsärzte, die in psychosomatischer Grundversorgung geschult sind, habe deutlich zugenommen. Der hohe Anstieg an Fehltagen und Frühverrentungen aufgrund psychischer Erkrankungen hat dazu beigetragen, dass die Politik 2013 auch mit einer Änderung im Arbeitsschutzgesetz reagierte: Auch psychische Belastungen wurden als verpflichtend bei der Gefährdungsbeurteilung aufgenommen. „Wenig Kontrolle über die Tätigkeit bei gleichzeitig hohen Anforderungen gilt als höchstes Risiko für psychische Belastungen“, erklärte Gündel.

Petra Bühring

3 Fragen an . . .

Prof. Dr. med. Johannes Kruse, Vorsitzender der DGPM

Prof. Dr. med. Johannes Kruse
Prof. Dr. med. Johannes Kruse

Werden die falschen Patienten behandelt, die mit den „leichten“ Störungen?

Kruse: Das ist ein Vorurteil. Die Versorgungsforschung zeigt, dass Menschen, die sich in psychotherapeutischer/psychosomatischer Behandlung befinden, eine gleichhohe Krankheitslast haben, wie Patienten in der psychiatrischen Versorgung. Hinter dieser Polemik einiger Psychiater steckt die Sorge, dass die psychiatrische Versorgung zu schlecht bezahlt wird. Das stößt eine Rationierungsdebatte an. Ich kann diese Stimmungsmache – leichte versus schwere Störungen – nicht nachvollziehen und halte sie für falsch. Wir sollten gemeinsam für eine bessere Versorgung von psychisch und psychosomatisch Kranken sorgen.

Werden Patienten mit psychosomatischen Störungen ausreichend versorgt?

Kruse: Patienten mit somatoformen Störungen, Schmerzstörungen oder mit körperlichen Erkrankungen und psychischer Komorbidität erreichen wir nicht richtig. Die Schnittstellen sind nicht gut. Häufig werden sie von Ärzten nicht ausreichend erkannt, auch weil viele Patienten nur ihre Körpersymptome wahrnehmen und keinen Zugang haben zum inneren Erleben und ihre Symptome entsprechend schildern. Eine frühzeitige psychosomatische Abklärung wäre sinnvoll.

Die psychotherapeutische Versorgung wird reformiert werden. Was fordern Sie?

Kruse: Wir brauchen eine Akutversorgung und eine psychosomatische Sprechstunde. Es muss möglich sein, ein 50-Minuten-Gespräch in einer Sprechstunde mit ausreichender Honorierung zu führen. Die Patienten brauchen ein initiales Gespräch und eine gute Diagnostik. Dann muss abgeklärt werden, ob der Patient eine stationäre Behandlung, eine Reha, ambulante Psychotherapie oder Medikamente braucht. Für den Patienten ist das schon eine deutliche Entlastung, und er kann dann auch drei Monate auf einen Therapieplatz warten.

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