ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2014Verliebtheit in der Psychotherapie: Adäquate Beantwortung von Sehnsuchtszeichen

THEMEN DER ZEIT

Verliebtheit in der Psychotherapie: Adäquate Beantwortung von Sehnsuchtszeichen

PP 13, Ausgabe Mai 2014, Seite 220

Moser, Tilmann

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Verliebtheit in der Psychotherapie kann einen Widerstand darstellen gegen das Aufkommen unangenehmerer Gefühle und Konflikte. Sie kann aber auch eine hochwertige Motivationsquelle sein, um innere Mutlosigkeit, Angst oder Scham vor Gefühlen zu überwinden.

Foto: picture alliance
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Auch wenn sich Verliebtheit bei einer Patientin nicht zu einem Liebeswahn steigert, der oft nicht zu kurieren ist, macht intensive Verliebtheit manchen männlichen Psychotherapeuten oder Psychoanalytikern in der Behandlung erhebliche Mühe. Sie kann nur atmosphärisch fühlbar sein, sich in gelegentlich auch aufdringlichen Komplimenten äußern, zu wiederholten Geschenken, Liebesblicken oder längerem Händedruck beim Beginn oder beim Abschied führen. Sie kann dem Therapeuten eine Weile schmeicheln oder ihn zu einem zu liebenswürdigen oder gar gegenverliebten Verhalten verleiten oder ihn ratlos oder verlegen machen. Vielleicht erinnert er sich an Freuds Warnung, die Gefühle der Patientin nicht seinem Verdienst, sondern der Übertragung zuzuschreiben, selbst wenn es durchaus realen Anlass geben kann für die Patienten, auch die reale Person zu lieben. Denn viele Patienten erleben in ihrer höchst undeutlich und schwer unterscheidbaren Realität Gründe, den Begleiter zu lieben, ist er doch oft die erste Person, die sich ihnen aufmerksam und wohlwollend zuwendet.

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Behandlung kann wegen der Verliebtheit stagnieren

Wir wissen, wie sehr Verliebtheit einen Widerstand darstellen kann gegen das Aufkommen unangenehmerer Gefühle und Konflikte, und dass sie der Verzögerung oder Vermeidung der schwierigen Arbeit dienen mag. Aber es ist auch klar, dass sie eine hochwertige Motivationsquelle sein kann, um eine innere Mutlosigkeit, Angst und Scham vor Gefühlen und Geständnissen zu überwinden. Man muss also immer abschätzen, um welche Art von Verliebtheit es sich handelt, auch in welcher Phase der Behandlung sie auftritt, sich verdichtet oder sogar penetrant wird oder zu künstlichem oder verschleierndem Verhalten führt.

Manche Patientinnen kommen mit dem festen Vorsatz, sich nicht zu verlieben, entweder weil sie dem Vorurteil verfallen sind, das müsse vielleicht sogar zwangsläufig geschehen. Oder sie haben von einer Freundin oder einem tendenziell eifersüchtigen Partner gehört, so etwas drohe bei einer solchen Veranstaltung fast immer. Oder sie verdächtigen sich selbst, dass ihnen das geschehen könne, fürchten dann Zurückweisung oder Beschämung oder in der Wiederholung eines biografischen Ereignisses eine analoge Verstrickung. Nun gibt es aber Fälle, wo die Behandlung aus eben diesen Gründen zu stagnieren scheint. Unerfahrene Kollegen trauen sich oft nicht, das Thema beherzt anzusprechen, weil sie selbst befangen sind, sich des Narzissmus verdächtigen oder eine Beschämung bei der Patientin befürchten. Ein freies und unbefangenes Erwähnen der Vermutung oder auch nur der vorsichtigen Nachfrage nach früheren Zuständen der Verliebtheit wird dadurch erschwert. Es kommt unter Umständen zu einem Eiertanz um das Thema herum, der Therapeut gerät in Verlegenheit, und die Patientin fängt an, an seiner Einfühlung oder sogar seiner Kompetenz zu zweifeln und ist doch gleichzeitig so dankbar wie therapeutisch unzufrieden, dass das gefährliche Ansprechen nicht geschieht. Manche ziehen nach jeder Stunde von dannen, erleichtert, dass die Entdeckung wieder einmal ausgeblieben oder siegreich verhindert wurde.

Ganz anders, mit Varianten, liegt der Fall, wenn der Analytiker ahnen oder wissen darf, dass eine heimliche oder verheimlichte Verliebtheit vorliegt, ja sogar, dass sie teilweise sogar still gelebt wurde und infolge einer unvorsichtigen Bemerkung wieder in den Untergrund gedrängt oder verdrängt wurde. Dann ist viel Takt notwendig, um die Hintergründe der neuen Tarnung oder Scham anzusprechen, vor allem aber dann, wenn man in der Verliebtheit ein Wiederaufleben auch früh verdrängter oder aufgegebener sehr früher Gefühle annehmen darf. Dann ist Ermutigung am Platz zu etwas Kostbarem, das sich wieder zeigen und wieder gelebt werden möchte, ohne mit erwachsener Verliebtheit verwechselt zu werden, und das sogar als ein Anzeichnen scheuer Bereitschaft gedeutet werden kann, wieder kräftige Lebensspuren zuzulassen. Drastisch ausgedrückt: Es ist sogar ein Glückwunsch angebracht für den Lebensmut, bedrohliche Gefühle noch einmal im Ansatz zuzulassen und auch deren Aufflammen zu riskieren, weil ein früher Frost oder eine späte Entwertung stattgefunden hat, die einen wertvollen Bestandteil des Lebens auszulöschen drohte, der sich wieder regen will. Es ist aber wichtig und vielleicht wiederholt zu erkennen zu geben, dass die neu erwachenden oder verborgenen Gefühle als eine kostbare Leihgabe betrachtet werden, die riskiert werden dürfen, weil sie nicht auf der gleichen Ebene beantwortet werden, erst recht nicht durch eine Vereinnahmung auf einer missbräuchlichen oder auf einer emotionalen oder gar körperlichen Ebene.

Therapeutische Beziehung als höchster Wert

Jede allzu neutrale Verweisung auf frühe Gefühle oder eine dahinter liegende Übertragung kann kränkend wirken wie eine Zurückweisung auf einen unechten oder irrealen Inhalt. Es muss klar sein, dass die therapeutische Beziehung der höchste Wert in dem Geschehen ist, und dass eine Verwechslung oder gar eine Antwort auf erwachsener Ebene oder gar deren Ausleben eine Katastrophe nach sich ziehen und die Chance der Behandlung zerstören würde. Auf dieser Basis kann die Verliebtheit willkommen geheißen und begrüßt und als ein Zeichen des neu erwachenden Lebensmutes gewürdigt werden. Die Seele, so kann man fast poetisch sagen, habe die Fähigkeit bewahrt, diese verborgenen, aber nicht zu phasengerechtem Ziel gelangten Gefühle zu bewahren, zu würdigen und zu ehren, bis sie einen würdigen Partner im Therapeuten fanden. Dieser bewahrt, würdigt und ehrt sie seinerseits, damit sie nachreifen können und im späteren und wirklichen Leben einen angemessenen neuen Partner finden.

Es gibt eine ganz elementare Behinderung eines freien Umgangs mit dem vermuteten oder schon sichtbaren Thema: den Übertragungswiderstand des Analytikers oder Therapeuten. Oft reicht bereits die schon erwähnte Befangenheit des Therapeuten vor dem Thema, aber auch eine mangelnde Kenntnis über die seelischen und körperlichen Anzeichen früher und inniger Verliebtheit des kleinen Kindes, sogar des Säuglings in die Mutter. Ein fast untrüglicher Hinweis sind die kleinen und meist unbewussten Kussbewegungen sozusagen in die Luft, aber gemeint ist natürlich die Mutter. Darauf angesprochen herrschen Erstaunen, Belustigung oder Scham. Scham über die Unbewusstheit der Vorgänge oder das Ertapptwerden bei „verräterischen“ Bewegungen. Es können aber auch Baby- oder Kleinkindlaute, die auf intime Nähewünsche hindeuten, geäußert werden. Hilfreich und schammindernd sind Erklärungen über die nicht willentlich steuerbaren Gesten, die, so unbewusst sie sein mögen, von sensiblen Müttern wahrgenommen und durch „passende“ Gesten und Laute beantwortet und damit auch willkommen geheißen und in die noch wortlose Beziehung eingefügt werden. Dem nicht berührenden Analytiker reichen oft die mitgeteilte Beobachtung und die Würdigung der Regressionsebene.

Der analytisch-körpertherapeutisch geschulte Analytiker hat es leichter mit einer adäquaten Beantwortung von Sehnsuchtszeichen mit einer erneuten Erklärung. Diese Zeichen suchen dringlich nach einer leiblichen Inszenierung: Ich biete Ihnen meinen Unterarm an für einen Versuch einer zuerst winzigen Lippenberührung, später folgt die Ermutigung zu kaum merklichen Küsschen. Wenn der Intimitätsbrücke zugestimmt ist, kann die Aufforderung des Patienten kommen: „Sie dürfen aber nicht gucken, ich bin zu befangen oder beschämt.“ Das kann man leicht zusagen. Man staunt dann über die wachsende Lust, den frühen Vorgang mehrfach auszuprobieren, bis hin zu einer minutenlangen Dauer, die den Jahrzehnte alten Stau dieser lang entbehrten Begegnung anzeigt. Es handelt sich beileibe nicht um plumpes Wiedergutmachen, sondern einerseits um eine Bekräftigung und Bestätigung der endlich entdeckten Regressionsstufe, andererseits um eine Entlastung der permanenten unbewussten Anstrengung der Gegenbesetzung, weil es dafür im späteren Leben außer im Zustand höchst regressiver und von Scham befreiter Verliebtheit keine Entsprechung gibt. Im normalen Leben muss dieses Stadium meist weiterhin abgewehrt werden oder kann zu unerklärbarem suchtartigem Verhalten führen. Auf jeden Fall wird der Therapeut belohnt durch eine erstaunte Dankbarkeit und die Festigung der Überzeugung, dass er nicht missbräuchlich verführbar ist.

Bilder und Theorie: Omnipotente Liebe

Zwei Konstellationen zwischen Mutter und Kind können zu einem Phänomen führen, zu einer „omnipotenten Liebe“, die zunächst noch massiver abgewehrt wird: Entweder überschüttet eine narzisstische Mutter das kleine Kind, vermutlich schon im ersten Jahr, mit überschwänglichen, vielleicht auch überschwemmenden Zärtlichkeiten, die das Kind kaum bewältigen kann. Vor allem kann es seine eigene große Liebe nicht zurückgeben, es bleibt buchstäblich auf ihr sitzen. Mehrere Psychoanalytiker, erstmals Rosenberg, haben darauf hingewiesen, dass eine nicht zum Ziel oder zum „Objekt“ kommende, also im Grunde erfolglose kindliche Liebe, zu einer Neurose der Verwirrung führen kann. Es kommt ein Stau des natürlichen und für eine glückliche Beziehung notwendigen Gesten-Potenzials zustande, gegen den das Kind ebenso viel Gegenbesetzung braucht und verbraucht wie gegen einen Stau von Aggressionen. Es fühlt sich gehemmt, unerwünscht und auch abgewiesen.

Die andere Konstellation ist für das Kind und den späteren Erwachsenen noch bedrohlicher: Die Mutter ist depressiv, uneinfühlsam, zurückweisend, überfordert. Dann fühlt sich das Kind unbewusst abgelehnt, emotional unverstanden, in seinen zärtlichen Gesten verschmäht und abgewiesen. Es bildet sich ein ähnlicher Stau, verbunden mit einem massiven Unwertgefühl, man könnte sogar sagen in seiner Vitalität der Liebe vernichtet, verbunden mit einem Gefühl innerer Fäulnis und Verworfenheit, und die nicht gebrauchte Liebe kann sich in Lähmung oder tiefen abgründigen Hass verwandeln.

Macht man einen Patienten darauf aufmerksam, so fühlt er sich eventuell ertappt und geniert sich, später aber kann er dankbar anerkennen, dass man ihn auf einer tiefen und verborgenen Ebene aufgefunden und verstanden hat. In der berührenden Körperpsychotherapie spürt man an der Hand oder dem Handgelenk feinste Streichelbewegungen, mit denen das Kind der geliebten Mutter seine eigene Zärtlichkeit zurückschenken möchte. In der Gegenübertragung antwortet der Analytiker wieder mit einem innigen Gefühl des Berührtseins. Man nimmt Teil an einer Vorform der sich bildenden Symbiose, am Übergang von der Verschmelzung zu einen Ansatz von Grenzfindung und zaghaft sich bildender Intersubjektivität.

Alle Gefühle, soweit sie nicht durch Antwort, formende Erwiderung, später Benennung Gestalt gewinnen und „abgeführt“ oder ausgetauscht werden konnten, neigen dazu, omnipotent zu werden und als unbewusste Gefahrenquelle zu wirken. Eine notwendige und förderliche Haltung darf oder muss auch die formende Gegenwehr einbeziehen gegen chaotische und noch unkontrollierte Gefühle, und ein wichtiger Bestandteil der Einübung ist dabei die Eingrenzung von allzu stürmischen Liebesgefühlen. Das zutreffendste deutsche Wort lautet: Begrenzung, „limitation“, ein Begriff, der in der analytisch fundierten Körpertherapie des amerikanischen Gruppentherapeuten Albert Pesso eine zentrale Rolle spielt.

Körpertherapeutische Oberstufe

Manche Patientinnen mit diesen frühen Erfahrungen sind überzeugt, dass niemand dem Ansturm ihrer Zuneigung gewachsen ist. Mit einiger Erfahrung kann man folgendes „Verfahren“ anbieten, das schon bei der vorbereitenden Beschreibung einen milden oder stärkeren Schrecken auslösen kann: Als unbewusster Wunsch wird angenommen, dass das Kind innig heftigst mit der Mutter verschmelzen will, um ihre frühere, destruktiv abweisende Schale zu durchstoßen oder deren libidinöse und erstickende Überschwemmung endlich aktiv zu durchdringen. Ich nenne den aktiven Zustand eine früh missglückte „liebevolle Gewaltsamkeit“. Wenn das verstanden ist, biete ich der Liegenden an, mit allen verfügbaren Kräften meine den Schultern entgegengehaltenen Hände so zurückzudrängen, dass sie meinen Bauch mit dem Kopf erreicht und sich in ihn einzubohren versucht. Meistens beginnt und endet der Annäherungskampf bereits mit der Eingrenzung der kämpferischen Sehnsucht schon beim Halt durch die Hände. Die intensivere Variante, die mehr belohnte Nähe erlaubt, ist die: den Kopf gleich über die schützende Kissenbrücke zwischen meinem Sessel und der Couch direkt auf meinen Bauch zu lenken und ihn zu ermuntern, sich in den Bauch hineinzudrängen.

Bei beiden Varianten ist der entwickelte Ehrgeiz ungeheuer und stellt die omnipotente Gier und gestaute Zuneigung unverhüllt und im angemessenen frühen Aggregatzustand der Gefühle dar, kann aber leicht aufgefangen und „limitiert“ werden, weil die herankriechend Liegende, auch wenn sie schiebend die Beine zu Hilfe nimmt, keine wirklich bedrohliche Schubkraft zustande bringt. Meine Hände liegen beruhigend und bestätigend auf dem Kopf, mit der stillen Botschaft: „Es ist ein guter Kampf, und ich kann Sie gut und wohlwollend halten.“ Das schafft Erleichterung und erlaubt, bis zur Erschöpfung und heftigstem Atmen zu kämpfen, bis dann Sätze kommen wie: „Ich war überzeugt, Sie halten meine Liebe nicht aus!“ oder „Ich liebe Sie gegen die Wand, und Sie kriegen Angst“. Und: „Sie überleben ja ganz freundlich, auch wenn Sie selbst schwer atmen, das gefällt mir. Aber ich bin nicht mehr übermächtig.“ Die Arbeitsbeziehung wird nach dem überstandenen Abenteuer tragfähiger, vertrauensvoller und verlässlicher.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    PP 2014; 12(5): 220–2

Anschrift des Verfassers
Dr. phil. Tilmann Moser
Aumattenweg 3, 79117 Freiburg
tilmann.moser@gmx.de, www.tilmannmoser.de

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