ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2014Psychoanalyse: Zentrale Theorien werden infrage gestellt

BÜCHER

Psychoanalyse: Zentrale Theorien werden infrage gestellt

PP 13, Ausgabe Mai 2014, Seite 237

Mackenthun, Gerald

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die neueren Forschungsergebnisse von Hirnforschung und Neurobiologie scheinen die psychodynamischen Theorien infrage zu stellen. Besonders Psychoanalytiker sahen sich in den vergangenen Jahren herausgefordert, Sigmund Freuds Erbe zu verteidigen. In meist apologetischem Bemühen wurde betont, dass Freud viele der neueren Erkenntnisse „vorweggenommen“ habe und er weitgehend „bestätigt“ sei. Der Autor, Friedrich-Wilhelm Deneke, emeritierter Professor für Psychosomatik und Psychotherapie am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf, zählt sich auch zu den Psychoanalytikern, kommt jedoch zu anderen Ergebnissen. In seinem neuesten Werk begründet er ausführlich, warum zentrale Aussagen der klassischen Psychoanalyse zu den Akten gelegt werden müssen.

Der Autor rekapituliert zunächst ausführlich das aktuelle Wissen über die Funktionsweise des Gehirns. Schon hier zeigt sich, dass Freuds Modell vom Ich, Es und Über-Ich als teilautonome psychische Instanzen überholt ist. Das Gehirn kennt kein Zentrum und arbeitet weitgehend autonom. Seine Hauptfunktionsweise ist die Assoziation: Neues wird mit altem Gespeichertem verglichen. Erleben, Erinnern, Vergessen und Gedächtnis laufen weitgehend unbewusst ab und nur mit Mühe bewusstseinsfähig. Weitere wesentliche Teile der klassischen Psychoanalyse müssen laut Deneke aufgegeben werden: Ein Dynamisches Unbewusstes als relativ eigenständiges System gibt es offensichtlich nicht; es gibt kein Unbewusstes, dass ständig ins Bewusstsein drängt; es gibt keine psychische Energie im Sinne einer physikalischen Kraft; die Freud’sche Traumtheorie darf als weitgehend obsolet gelten; das Triebmodell findet keine Bestätigung in der Neurobiologie und wird auch der Vielfalt menschlicher Strebungen, Motive und Wünsche nicht gerecht. Ferner muss die Bedeutung von Konflikten im Rahmen der psychoanalytischen Krankheitslehre relativiert werden.

Anzeige

So interessant, erhellend und beeindruckend dieses Werk ist, es wird Mühe haben, seine Leser zu finden. Es fehlt eine Darstellung dessen, was Freud „wirklich meinte“ (sofern das bei seinen häufigen Umarbeitungen überhaupt darstellbar ist), um einen direkten Vergleich mit der modernen Hirnforschung zu ermöglichen. Stattdessen gibt es ein langes Kapitel über die Welt des Erlebens aus psychisch-phänomenologischer Sicht und ein ebenfalls umfangreiches mit einer Rekapitulation der hauptsächlichen Störungsbilder – beide ohne erkennbaren Zusammenhang zur Neurobiologie. Ganz sicher aber gilt Denekes Urteil, dass die Psychoanalyse nicht mehr beanspruchen und begründen kann, sie würde über spezifische, exklusive und damit privilegierte Kenntnisse des Unbewussten verfügen. Gerald Mackenthun

Friedrich-Wilhelm Deneke: Psychodynamik und Neurobiologie. Schattauer, Stuttgart 2013, 488 Seiten, gebunden, 49,99 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema