ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2014Psychodynamische Psychotherapie: Neugier auch zwischen den Zeilen

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Psychodynamische Psychotherapie: Neugier auch zwischen den Zeilen

PP 13, Ausgabe Mai 2014, Seite 234

Behrens, Stefan

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Auf dem Ausbildungsweg zum Psychotherapeuten ist die Wahl der Basisliteratur bei der Fülle an Standardwerken eine undurchsichtige und oftmals auch leidige Angelegenheit. Letztendlich ergeben sich lediglich eine Handvoll Bücher, die immer wieder genannt, immer wieder zitiert und immer wieder die Grundlage für Prüfungen bilden. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass diese Literatur auch praktikabel oder wegweisend sein muss. Häufig engt sich sogar der Nutzwert ausschließlich auf die Prüfungsvorbereitung ein; die Werke sind schlichtweg anstrengend zu lesen oder mühselig durchzuarbeiten. Nur wenige, und das Buch „Praxis der psychodynamischen Psychotherapie“ zählt dazu, schaffen es, einen tatsächlichen Mehrwert zu erbringen, auch wenn die Autoren an sich nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben, sondern explizit mehrfach darauf hinweisen, an den entsprechenden Stellen gegebenenfalls anderweitig fündig werden zu müssen.

Auf gut 450 Seiten werden in fünf Kapiteln integrativ psychodynamische Theorien, deren Entwicklungen sowie praktische Verwendbarkeit dargestellt, klarifiziert und die Bedeutsamkeit für das heutige Verständnis dieser verdeutlicht. Dabei gelingt es den Autoren, einen klar verständlichen Weg in dem Dickicht mitunter widersprüchlicher und gegensätzlicher Theorien aufzuzeigen. Sie heben sich von anderen Lehrbüchern dahingehend ab, als dass immer wieder auch zwischen den Zeilen eine Neugier vermittelt wird, innezuhalten und sich das Dickicht einmal genauer anzuschauen, ohne dass dies lediglich als Teil eines Weges oder als eine unliebsame Zwischenstation vorkommt.

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Nachdem in den ersten beiden Kapiteln vornehmlich das theoretische Grundgerüst geschaffen worden ist, werden in dem folgenden die Entwicklungen hin zu den heute gängigen und geforderten Diagnoseverfahren und -richtlinien herausgearbeitet. Dabei liegt ein Schwerpunkt auf der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik hinsichtlich Konflikt- und Strukturpathologie; weitere sind die Traumapathologie, reaktive Phänomene sowie psychosomatische Störungen. Schließlich werden anhand von Fallbeispielen Theorie und Praxis engmaschig, anhand der am häufigsten vorkommenden psychischen Störungen, Depressionen und Angststörungen sowie die Borderline- und auch narzisstischen Persönlichkeitsstörungen, zu einem Gesamtbild verwoben. Eine integrative Herangehensweise, diesmal auch in Bezug auf behaviorale Behandlungsmöglichkeiten, wird ferner beibehalten, wobei weiterhin die vier klassischen Psychologien der Psychoanalyse das Fundament bilden. Das abschließende Kapitel über Übertragung und Gegenübertragung ist für die Praktikabilität dieses Standardwerks eine fundamental wichtige Säule hinsichtlich der Zielsetzung der Autoren. Zusammenfassungen und Empfehlungen zum Weiterlesen nach jedem Abschnitt sowie die vielen Abbildungen bilden zusätzlich didaktische Stützpfeiler, die die Arbeit mit dem Buch noch weiter erleichtern.

Zum Auffrischen, Vertiefen und vor allem Wieder-neugierig-Machen auf die Hintergründe psychodynamisch fundierten therapeutischen Arbeitens sei jedem dieses Buch ans Herz gelegt. Stefan Behrens

Annegret Boll-Klatt, Mathias Kohrs: Praxis der psychodynamischen Psychotherapie. Grundlagen – Modelle – Konzepte. Schattauer, Stuttgart 2013, 512 Seiten, gebunden, 59,99 Euro

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