ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2014Philosophie: Plädoyer für eine neue Weltanschauung

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Philosophie: Plädoyer für eine neue Weltanschauung

PP 13, Ausgabe Mai 2014, Seite 235

Koch, Joachim

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Der Untertitel des Buches heißt: „Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist“ und kann als furioser Generalangriff auf die herrschende Lehre gesehen werden. Nach der sind es lediglich die einfachen physikalischen Gesetzmäßigkeiten, die die Entstehung des Lebens aus toter Materie und dessen Evolution bis zu den gegenwärtigen Lebensformen durch zufällige Mutation und natürliche Auslese ermöglicht haben. Gegen diese Sichtweise des reduktiven Materialismus und für eine neue Weltanschauung plädiert der Autor in seinem Buch.

Thomas Nagel erkennt die Leistungen der Naturwissenschaften zur Erforschung des Lebens an, sieht aber die Grenzen der Erklärungsmöglichkeiten von Biologie, Chemie und Physik. Er stellt fest, dass die Erkenntnisse der Naturwissenschaften vollständig ohne Einbezug des Geistes gemacht wurden. Er postuliert, dass der Geist nicht lediglich als ein nachträglicher Einfall der Natur oder ein Zufallsprodukt gesehen werden darf, sondern einen grundlegenden Aspekt der Natur darstellt. Ausführlich beschäftigt sich der Autor mit dem Thema Bewusstsein und stellt fest, dass die Existenz von Bewusstsein zu den vertrautesten und den erstaunlichsten Dingen auf der Welt gehört. Die physikalische Wissenschaft kann bis heute das Bewusstsein nicht in ihre Theorie integrieren, was bedeutet, dass hier kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden kann.

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Als umfassende Weltanschauungen sind nach Ansicht des Autors sowohl der Materialismus als auch der Theismus fragwürdig. Am Kreationismus hält er lediglich wenige Aspekte für interessant. Nagel fordert von der Wissenschaftlergemeinde die Anerkennung seiner in dem Buch aufgeworfenen Problematik; eine Lösung kann er derzeit aber auch nicht bieten, die Dinge scheinen wesentlich komplexer zu sein, als sie heute gesehen werden. Er bringt zum Ausdruck, dass er sich vorstellen kann, dass in einer teleologischen Perspektive die Welt der Natur einen Hang hat, Wesen von der Art entstehen zu lassen, die ein Wohl haben – Wesen, für welche die Dinge gut oder schlecht sein können, wie er in seinem Kapitel über Werte ausführt. Für die Schaffung von Leben muss noch etwas anderes notwendig gewesen sein, was der Autor als eine kosmische Prädisposition bezeichnet. Er führt Francis Crick an, der angesichts der Tatsache, was alles durch chemische Evolution aus einer toten Umwelt hervorgegangen sein soll, von einem Wunder gesprochen hat – oder könnte die Erde von Außerirdischen mit einzelligem Leben befruchtet worden sein?

Thomas Nagel stellt im Schlusskapitel fest, dass, wenn das Universum grundsätzlich dazu neigt, Leben und Geist zu erzeugen, wohl eine sehr viel radikalere Abkehr von den vertrauten Formen naturalistischer Erklärung notwendig sein wird, als er sie sich gegenwärtig vorzustellen vermag. Für Hobby-Philosophen ist das Buch keine leichte Kost. Joachim Koch

Thomas Nagel: Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist. Suhrkamp, Berlin 2013, 256 Seiten, gebunden, 29,95 Euro

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Avatar #678536
G. Mackenthun
am Donnerstag, 15. Mai 2014, 14:08

Unkritische Rezension

Leider hat Rezensent Joachim Koch die Hypothesen von Thomas Nagel zu unkritisch rezensiert. Diese sind keineswegs neu, sondern wurden im wesentlichen vor 100 Jahren von Vertretern des sogenannten Vitalismus geprägt. Ihr Hauptvertreter ist der heute weitgehend vergessene Henri Bergson. Nagels Angriff gegen den Materialismus ist nicht furios, sondern ein Schuss in den Ofen. Es geht um die Entstehung biologischen Lebens auf der Erde: Einen a priori anwesenden Geist in lebloser Materie anzunehmen, muss als Eselei angesehen werden. Natürlich hat naturwissenschaftliches Denken Grenzen, das gilt aber für jegliches Denken, also auch für Nagel. Wie will er seine Hypothese begründen, wonach Materie ("Natur") einen Hang hat, Wesen mit Geist hervorzubringen? Angenommen es stimmt: Auch Nagel müsste begründen, wie aus Materie Geist wird. Die Tatsache dieses evolutionären Sprungs ist unbestritten. Doch warum hat sich die Natur so lange Zeit damit gelassen? Und gibt es noch ein zweites Beispiel für eine solche Entwicklung, außer auf der Erde? Ein Blick in den Kosmos zeigt uns, dass dieser im Wesentlichen aus toter Materie besteht und nur auf einem unbedeutenden Stern am Rande einer unbedeutenden Galaxie vor ganz kurzer Zeit eine sich ihrer selbst bewussten Spezies hervorgebracht hat. Im nächsten kosmischen Wimpernschlag wird diese Spezies wieder verschwunden sein und nichts wird auf ihre Existenz mehr hinweisen. Es bleibt die Frage, was Nagel treibt, eine unsinnige Kritik der Naturwissenschaften mit abseitigen Hypothesen zu betreiben.

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