ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2014Psychotherapie und Religion: Grundlegende Überlegungen fehlen

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Psychotherapie und Religion: Grundlegende Überlegungen fehlen

PP 13, Ausgabe Mai 2014, Seite 234

Moser, Tilmann

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Ein reichhaltiges Buch, geeignet für alle möglichen einschlägigen Berufe, Gläubige und Ungläubige, Spirituelle und Atheisten: ein ungeheures Spektrum an oft sich wiederholender Information, vor allem aus der US-amerikanischen Szene und der dortigen Forschungsliteratur, mit einer riesigen Zahl kleiner Fallvignetten, denen aber meist ein psychodynamischer Hintergrund fehlt.

Die Beiträge betonen mit Recht, dass das Thema zumindest in der deutschen oder europäischen Psychotherapie bis heute weitgehend ausgeblendet wurde, und dass es kaum eine tiefenpsychologische Ausbildung im Umgang mit religiösen Störungen gibt. Die ungeheure Verbreitung auch fundamentalistischer Frömmigkeit in den USA hat aber zu einem breiten Schrifttum zu Forschung und unzähligen Ratgebern über den Umgang mit verstörten oder leidenden Menschen, die mit ihrem Glauben nur schwer zurechtkommen, geführt. Es kommt jedoch zu unzähligen Mischformen zwischen religiösem und psychologischem Leiden, die den Seelsorger und Psychotherapeuten vor schwierige Probleme stellen. Sollte der Psychotherapeut seinen eigenen theologischen Standpunkt mitteilen, gar mit dem Klienten beten, ihm bei der Sinnsuche helfen, oder ihn hauptsächlich von schweren Sünden- und Verfolgungsfantasien befreien?

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Alle drei Autoren erklären, wie wichtig und gesundheitsfördernd Religion ist, und sie sind sich darin mit vielen Ärzten, Therapeuten und Religionssoziologen einig. Die Autoren scheinen gläubige Christen zu sein, die sich ebenso einig sind in der Freud-Bekämpfung mit seiner These, dass Religion eine massenhafte Zwangsneurose sei. Fast denunziatorisch heißt es: „Wichtig ist hier von Anfang an klarzustellen, dass natürlich nicht jede Religionskritik psychopathologisch auffällig ist.“ Und: „Freud hatte in der Tat ein persönliches Problem mit der Religion“, da er „religiös Andersdenkende als unwissenschaftliche Ewiggestrige abwertet“. Deswegen gibt es heute wohl so viele „religionphobe Therapeuten“ als verheerende Folge von Freuds grundlegendem Irrtum. Es fehlt ein tieferes Verständnis für Freuds Diagnose der christlichen Sünden-, Angst- und Bestrafungstheologie, die zu so viel Infantilisierung und neurotischem Elend geführt hat.

Das Werk ist überreich an Information über Störungsformen und den Stand der amerikanischen Forschung und beraterischer Praxis. Was aber fehlt, sind die in tiefenpsychologischen Therapien grundlegenden Überlegungen zu Übertragung und Gegenübertragung. Es ist mehr von religiösem Mitfühlen und heilsamer Sinnstiftung die Rede als von den analytischen Problemen im Umgang mit Störungen zwischen Religion und Psychopathologie und von behandlungstechnischen Schwierigkeiten. Tilmann Moser

Michael Utsch, Raphael M. Bonelli, Samuel Pfeifer: Psychotherapie und Spiritualität. Springer, Berlin 2014, 220 Seiten, gebunden, 34,99 Euro

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