ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2014Sexualforschung: Von alten und neuen Zwängen

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Sexualforschung: Von alten und neuen Zwängen

PP 13, Ausgabe Mai 2014, Seite 237

Briken, Peer

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Nach 50 Jahren wissenschaftlicher Beschäftigung mit Sexualität ist Volkmar Sigusch das Wagnis eingegangen, ein Theoriebuch zu schreiben. Zuvor hatte er innerhalb kurzer Zeit nach seiner Emeritierung eine voluminöse „Geschichte der Sexualwissenschaft“ und ein „Personenlexikon der Sexualforschung“ vorgelegt.

Da das Sexuelle in unzählige Teile zerfällt, nämlich in so viele, wie es Individuen gibt, kann es keine Theorie der Sexualität geben. Folgerichtig heißt das Theoriebuch „Sexualitäten“ und besteht aus Fragmenten, die von der Erfindung des Sexualitätsbegriffs und vom Sexualwissenschaftler selbst zusammengehalten werden. Diese Fragmente bergen einen gesellschaftlichen und individuellen Erfahrungsschatz, wie man ihn gegenwärtig nirgendwo sonst finden dürfte. Sigusch hält die Spannung zwischen Gesellschaft und Individuum, Kulturpessimismus und Behandlungsoptimismus, Banalem und Besonderem des Sexuellen aus, macht sie les- und damit lebbar.

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Im Buch bewegt er sich entlang seiner über viele Jahre entwickelten zentralen Theoreme, entlarvt das vermeintlich Natürliche als wandelbare Installation, beschreibt die notwendigen Verschränkungen von Theorie und Empirie, von Psyche und Soma. Zentral für die Beschreibung der Entwicklung nach der sogenannten sexuellen Revolution von 1968 ist Siguschs Theorie einer „neosexuellen Revolution“ seit den 1980er Jahren, die von alten Zwängen befreit, aber auch neue schafft.

Warum soll ein Arzt oder Therapeut das Buch zur Hand nehmen? Mit keinem anderen Buch wird er sich gegenwärtig so kritisch über das Kommen und Gehen sexueller Probleme und Störungen informieren können. So kann die kritische Theorie das praktische Handeln beeinflussen und zu einem besseren Verhältnis des Arztes zum Patienten beitragen. Peer Briken

Volkmar Sigusch: Sexualitäten. Eine kritische Theorie in 99 Fragmenten. Campus, Frankfurt am Main 2013, 626 Seiten, gebunden, 39,90 Euro

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