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Wir danken den Kollegen für die Zuschriften auf unseren Artikel (1). Dem Kollegen Neraal stimmen wir zu, dass Antipsychotika-Verordnungen bei Störungen des Sozialverhaltens (sofern überhaupt indiziert) grundsätzlich psychotherapeutischen Behandlungen nachgeordnet sein sollten. Hier besteht in der Tat in verschiedenen Regionen Deutschlands immer noch eine erhebliche Unterversorgung mit psychotherapeutischen Angeboten.

Andererseits muss in diesem Zusammenhang auch darauf hingewiesen werden, dass eine klassische Einzelpsychotherapie bei Störungen des Sozialverhaltens im Regelfall nicht indiziert ist und es auch keinen Hinweis für entsprechende Wirksamkeit gibt (2). Die aktuellen, methodisch hochwertigen UK-Leitlinien empfehlen je nach Altersstufe vor allem Elterntrainings oder multimodale Interventionen (zum Beispiel Multisystemische Therapie) (3). Insbesondere die letztgenannten Therapieformen sind in Deutschland kaum vorhanden und sollten zur Vermeidung ungerechtfertigter Antipsychotika-Verschreibungen unbedingt ausgebaut werden.

Was die verschreibende Fachrichtung angeht, muss berücksichtigt werden, dass wir alle Verordnungen von Antipsychotika (das heißt Erst- und Folgeverordnungen) analysiert haben. Stellt ein Kinderarzt beispielsweise für ein Kind mit Sozialverhaltensstörung und sehr erheblicher Impulsivität eine Folgeverordnung über Risperidon nach erfolgter Indikationsstellung und Erstverordnung durch einen Kinder- und Jugendpsychiater aus, so ist dies bei entsprechendem Monitoring von UAW unseres Erachtens eher unbedenklich (und leitliniengemäß [3]), als wenn die Therapie durch einen Kollegen anderer Fachrichtung initiiert wird.

Auf den Hinweis des Kollegen Kohns auf die KiGGS-Studie möchten wir erwidern, dass es sich dabei gegenüber der von uns zitierten Metaanalyse um eine querschnittliche Erhebung handelt, die zudem keine klinischen Diagnosen erhoben hat, sondern nur mit Screening-Verfahren Symptome verschiedener kinder- und jugendpsychiatrischer Störungsbilder erfasst hat.

In unserer Studie hatten 19,4 % aller Patienten mit Risperidon-Verschreibung (Daten im Artikel nicht abgebildet) die Diagnose eines ADHS ohne komorbide Sozialverhaltensstörung. Dies spricht aus unserer Sicht für einen signifikanten Teil nicht leitlinienkonformer Behandlungen.

Der Klage der Kollegen Kohns und Calia über die absolut unzureichende Versorgungslage für Kinder und Jugendliche mit Störungen des Sozialverhaltens können wir uns in vollem Umfang anschließen. Besonders ärgerlich ist aus unserer Sicht aber vor allem das Fehlen evidenzbasierter Therapieangebote (zum Beispiel sind die gern durchgeführten Antiaggressions-Trainings mit einer nur aus sozialverhaltensgestörten Kindern zusammengesetzten Gruppe nicht wirksam und daher kontraindiziert). Erfreulicherweise haben viele unserer europäischen Nachbarländer schon länger die große gesellschaftliche Herausforderung angenommen, die Sozialverhaltensstörungen beziehungsweise antisoziales Verhalten nicht nur im Kindes-, sondern auch im Erwachsenenalter darstellen, und entsprechend umfassende Änderungen der Versorgungslandschaft initiiert. Diese Initiativen sind nicht zuletzt aus handfesten ökonomischen Erwägungen entstanden, da gute evidenzbasierte Therapie- und Präventionsprogramme langfristig Kosten sparen können (4). Angesichts der gewaltigen Ausmaße der „neuen Morbidität“ wäre eine solche Initiative auch in Deutschland äußerst begrüßenswert.

DOI: 10.3238/arztebl.2014.0365

Prof. Dr. med. Christian J. Bachmann

Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie,
Fachbereich Medizin, Philipps-Universität Marburg

christian.bachmann@med.uni-marburg.de

PD Dr. P.H. Falk Hoffmann, MPH

Abteilung Gesundheitsökonomie,
Gesundheitspolitik und Versorgungsforschung, Zentrum für Sozialpolitik,
Universität Bremen

Interessenkonflikt

Prof. Dr. Bachmann erhielt Honorare für Vortragstätigkeit von Actelion, Novartis, Medice und Ferring sowie für die Erstellung eines Buchkapitels von der BARMER GEK. Er hat als Studienarzt bei klinischen Studien der Firma Shire und Novartis mitgewirkt.

PD Dr. Hoffmann ist im Rahmen von Drittmittelverträgen für verschiedene Krankenkassen (BARMER GEK, DAK, TK, verschiedene BKKen) tätig.

1.
Bachmann CJ, Lempp T, Glaeske G, Hoffmann F: Antipsychotic prescriptions in children and adolescents—an analysis of data from a German statutory health insurance company from 2005–2012. Dtsch Arztebl Int 2014; 111: 25–34. VOLLTEXT
2.
Bachmann M, Bachmann C, John K, Heinzel-Gutenbrunner M, Remschmidt H, Mattejat F: The effectiveness of child and adolescent psychiatric treatments in a naturalistic outpatient setting. World Psychiatry 2010; 9: 111–7. MEDLINE PubMed Central
3.
National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Antisocial behaviour and conduct disorders in children and young people: recognition, intervention and management. NICE Clinical Guideline 158. The British Psychological Society and The Royal College of Psychiatrists. Leicester/London 2013.
http://guidancee.nice.org.uk/cg158
4.
Bachmann C, Lehmkuhl G, Petermann F, Scott S: Evidenzbasierte psychotherapeutische Interventionen für Kinder und Jugendliche mit aggressivem Verhalten. Kindh Entw 2010; 19: 245–54. CrossRef
1.Bachmann CJ, Lempp T, Glaeske G, Hoffmann F: Antipsychotic prescriptions in children and adolescents—an analysis of data from a German statutory health insurance company from 2005–2012. Dtsch Arztebl Int 2014; 111: 25–34. VOLLTEXT
2.Bachmann M, Bachmann C, John K, Heinzel-Gutenbrunner M, Remschmidt H, Mattejat F: The effectiveness of child and adolescent psychiatric treatments in a naturalistic outpatient setting. World Psychiatry 2010; 9: 111–7. MEDLINE PubMed Central
3.National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Antisocial behaviour and conduct disorders in children and young people: recognition, intervention and management. NICE Clinical Guideline 158. The British Psychological Society and The Royal College of Psychiatrists. Leicester/London 2013.
http://guidancee.nice.org.uk/cg158
4.Bachmann C, Lehmkuhl G, Petermann F, Scott S: Evidenzbasierte psychotherapeutische Interventionen für Kinder und Jugendliche mit aggressivem Verhalten. Kindh Entw 2010; 19: 245–54. CrossRef

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