ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2014Therapie der Magersucht: Wirksame Behandlung auch in Tageskliniken möglich

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Therapie der Magersucht: Wirksame Behandlung auch in Tageskliniken möglich

Dtsch Arztebl 2014; 111(20): A-894 / B-764 / C-726

Heinzl, Susanne

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In sechs deutschen Kliniken wurden randomisiert und offen Wirksamkeit und Verträglichkeit einer stationären Therapie der Magersucht mit der Behandlung in einer Tagesklinik verglichen.

Die Magersucht (Anorexia nervosa) ist eine schwere psychische Erkrankung mit ausgeprägter Morbidität und Sterblichkeit. Weniger als die Hälfte der Betroffenen kann völlig geheilt werden. „Nach bisheriger Auffassung war bei Patientinnen und Patienten mit einer schweren Form der Anorexia nervosa eine stationäre Behandlung unumgänglich – nicht zuletzt deshalb, weil bei extrem niedrigem Körpergewicht auch die Einsicht in die Notwendigkeit einer Behandlung häufig fehlt und ein stationäres Behandlungsregime mit dem zum Teil recht einfallsreichen ,Ausweichverhalten‘ der Patientinnen und Patienten besser umgehen kann“, erläuterte Prof. Dr. med. Dr. phil. Helmut Remschmidt, Marburg. Auch europäische und US-amerikanische Leitlinien sehen eine stationäre Behandlung für mäßig schwer bis schwer erkrankte Jugendliche oder für Patienten ohne Besserung bei ambulanter Therapie als sinnvoll an. Die Kosten und Rückfallrate sind bei stationärer Behandlung jedoch hoch. Die Therapie in einer Tagesklinik ist kostengünstiger, und Rückfälle können durch den leichteren Übergang ins tägliche Leben eher verhindert werden. Daher wurden in sechs deutschen Kliniken Wirksamkeit und Verträglichkeit einer stationären Therapie mit einer Behandlung in der Tagesklinik in einer randomisierten, offenen Nichtunterlegenheits-Studie verglichen.

In die Studie wurden junge Frauen und Mädchen im Alter zwischen 11 und 18 Jahren mit Anorexia nervosa aufgenommen. Randomisiert wurden 85 stationär und 87 in der Tagesklinik mit dem gleichen Behandlungsprogramm und in der gleichen Intensität behandelt. Primärer Endpunkt war die Zunahme des Körpermassenindex (BMI) zwischen Studienbeginn und nach 12 Monaten, adjustiert nach Alter und Krankheitsdauer. Hierbei war die Behandlung in der Tagesklinik der stationären Therapie nicht unterlegen, der BMI nahm sowohl in der modifizierten Intention-to-treat-Analyse als auch in der Per-Protokoll-Analyse in beiden Gruppen vergleichbar zu. Therapieassoziierte schwere unerwünschte Wirkungen waren in beiden Studiengruppen ähnlich häufig (8 in den stationären Gruppen, 7 in der Tagesklinik-Gruppe).

Fazit: Eine Magersucht bei Jugendlichen lässt sich in einer Tagesklinik ebenso effektiv, aber kostensparender behandeln wie stationär. Diese multizentrische Studie sei bemerkenswert, kommentiert Remschmidt. „Die gleichermaßen erfolgreiche Therapie in der Tagesklinik ist nicht nur kostengünstiger, sondern dürfte auch die Therapiemotivation der Patientinnen und Patienten fördern. Darüber hinaus verhindert sie die oft schmerzliche Trennung von der Familie. Es wäre interessant zu erfahren, wie stabil der Erfolg der beiden Behandlungsregime nach zwei bis drei Jahren ist.“ Dr. rer. nat. Susanne Heinzl

Herpertz-Dahlmann B, et al.: Day-patient treatment after short inpatient care versus continued inpatient treatment in adolescents with anorexia nervosa (ANDI): a multicentre, randomised, open-label, non-inferiority trial. Lancet 2014; 383: 1222–9. MEDLINE

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