ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2014Personalisierte Medizin: Wie gehen wir mit Big Data um?

TECHNIK

Personalisierte Medizin: Wie gehen wir mit Big Data um?

Dtsch Arztebl 2014; 111(20): A-904 / B-774 / C-734

Krüger-Brand, Heike E.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Fortschritte in der personalisierten Medizin beruhen auf der Analyse großer Mengen von Gesundheitsdaten. Die gesellschaftspolitische Diskussion über die damit verbundenen Fragen steht noch aus.

Foto: Fotolia/Jean Kobben
Foto: Fotolia/Jean Kobben

Die Fortschritte in der Informatik und der Mikrosystemtechnik machen es möglich: Immer mehr mit technischer Intelligenz ausgestattete Geräte erzeugen immer mehr Daten. Dieser Trend betrifft nicht mehr nur die IT-gestützte Kommunikation etwa per Smartphones, sondern man findet ihn ebenso in intelligenten Assistenzsystemen von Fahrzeugen, in Smart-Home-Lösungen und zunehmend auch im Fitness- und Gesundheitsbereich. Beispiele hierfür sind die „Quantified Self“-Bewegung oder auch die Entwicklung von Wearables wie Google Glass.

Anzeige

„Wir stehen hier erst am Anfang der Entwicklung“, erklärte Prof. Dr. Stefan Wrobel, Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Intelligente Analyse- und Informationssysteme (IAIS), beim Fachkongress PerMediCon in Köln. Etwa 400 Experten diskutierten am 20. und 21. März auf der Kongressmesse für personalisierte Medizin über Fortschritte und Herausforderungen der personalisierten Medizin sowie deren Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung.

Ein Aspekt dabei ist Big Data, die intelligente Verknüpfung und das Management großer Datenmengen. „Es gibt immer mehr Devices, die Gesundheitsdaten erfassen: So hat das Massachusetts Institute of Technology etwa eine Tasse entwickelt, die den Tremor von Parkinson-Patienten misst. Google arbeitet an einer Kontaktlinse, die den Glukosespiegel im Auge misst – das ist eine Riesenmenge von Daten, die permanent online übertragen werden. Allerdings ist die Infrastruktur im Gesundheitswesen noch nicht da, um das aufzunehmen. In anderen Industriezweigen gibt es das schon“, meinte Dr. Peter Grolimund, Teradata GmbH (Schweiz). Die Daten bergen ein Riesenpotenzial, aber politisch-gesellschaftliche Diskussionen machten den Schritt nicht einfach, sie auch zu nutzen.

Qualität ist entscheidend

„Wir haben Riesendatenmengen, wir wissen nur nicht, was wir damit anfangen sollen“, gab Dr. med. Franz-Joseph Bartmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein und Vorsitzender des Telematikausschusses der Bundes­ärzte­kammer, zu bedenken. Zunächst gelte der alte Spruch: „Wer viel misst, misst auch viel Mist.“ Wesentlich seien die Fragen: Was messe ich, und warum messe ich es? „Die Tremor-Messung bei Parkinson-Patienten ist für die Betroffenen ein riesengroßer Gewinn. Das Gleiche gilt für die Überwachung von chronischen Diabetikern. Allein die Menge der Daten führt uns aber nicht weiter, sondern nur die Qualität und was wir aus diesen Datenmengen Positives herausziehen können, um es in der Patientenversorgung sicher anwenden zu können.“

Für Big Data spielten nicht nur das Volumen, sondern auch die Geschwindigkeit und die Vielfalt der Daten eine Rolle, „und die Vielfalt ist es, die uns in der Medizin beschäftigen muss“, erläuterte der Informatiker Wrobel. Ihm zufolge sind es die Konsumenten und Patienten selbst, die die Big-Data-Entwicklung vorantreiben, indem sie Biosignale etwa mit ihrem Smartphone und entsprechenden Sensoren messen. Dabei handele es sich aber nicht um zuverlässige, geeichte medizinische Geräte, auch entsprächen die Rahmenbedingungen der Datenerhebung nicht denen einer kontrollierten klinischen Studie. Ähnlich ist es mit den Informationen aus Online-Patiententagebüchern und Einträgen in Social Networks. Die dar- aus generierten Informationen und Daten seien „in ihrer Einzelheit sehr schwach, nicht verlässlich, möglicherweise sogar falsch“.

„Wenn wir diese Daten sinnvoll analysieren wollen, müssen wir sie verknüpfen, damit wir Zusammenhänge herstellen können“, betonte Wrobel. Technisch gebe es dafür mittlerweile gute Lösungen. Gleichzeitig sei das nicht nur eine technische Frage, sondern die mit der Verknüpfung verbundenen Fragen – etwa, wie wollen wir die Daten nutzen, wer hat die Kontrolle – müssten erst gelöst werden. Wrobel zufolge muss man sich hierbei von der Vorstellung verabschieden, dass eine deutsche Superbehörde oder Organisation eine zentrale Lösung verordnen kann, sondern vielmehr ein dezentrales Konzept entwerfen, das neue Anwendungen jederzeit integrieren kann. Denn anders als noch vor zehn oder 20 Jahren sei es inzwischen möglich, Daten anonymisiert und unter Schutz der Privatsphäre zu analysieren. „Wir sind in der Lage, Analytik auf großen Datenbeständen zu betreiben, ohne dabei Daten zentralisieren zu müssen. Man kann nur die Politik, die Gesellschaft einladen, das auch anzunehmen.“

Vor allem der Gesunde aber möchte seine persönlichen Daten nicht unbedingt hergeben, auch wenn der Fortschritt der personalisierten Medizin genau davon abhängt, dass massenhaft Gen- und Gesundheitsdaten gesammelt, verknüpft und analysiert werden. „Wenn ich krank bin, dann interessiert der Datenschutz weniger. Dann bin ich froh, wenn ich davon profitieren kann, dass andere meine Daten auswerten und ich die beste Behandlung erhalte“, meinte Grolimund.

Patientengenossenschaft

Er berichtete vor diesem Hintergrund von den Überlegungen in der Schweiz, eine Patientengenossenschaft zu gründen, in der die Bürger ihre eigenen Gesundheitsdaten einstellen und selbst entscheiden können, wer diese Daten zu welchem Zweck gebrauchen kann. „Das ist langfristig der Weg aus dem Dilemma, denn im Moment trauen sich zumindest in der Schweiz Kran­ken­ver­siche­rungen, Spitäler, Ärzte, Pharmaindustrie und Patientenorganisationen – salopp gesagt – nicht über den Weg, um wirklich etwas aus Big Data zu machen. Jeder behält seine Daten für sich.“

Die Frage nach dem Mehrwert und mehr Evidenz durch Big Data in der Medizin beantwortet der IT-Experte Wrobel eindeutig positiv: „Die technischen Voraussetzungen sind da. Wir sehen auch sehr deutlich den Nutzen, den das bringen kann. Dennoch brauchen die gesellschaftlichen Diskussionen Zeit.“

Ähnlich ist das aus Sicht der Ärzte: „Wir sind noch nicht gut genug aufgestellt für mehr Transparenz und Vergleichbarkeit von Daten. Zum Teil ist das ein biologischer Prozess, das heißt, die nachwachsende Generation wird mit Daten ganz anders umgehen als diejenige, die kurz vor Aufgabe ihrer praktischen Tätigkeit ist“, meinte Bartmann. Gleichwohl heiße das nicht, dass man nichts tun könne und müsse. Die intensive Befassung mit diesem Thema sei noch nicht verbreitet: „Es gibt sehr viel zu tun.“

Heike E. Krüger-Brand

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #672734
isnydoc
am Mittwoch, 21. Mai 2014, 22:43

"Personalisierte Medizin" - was soll denn das?

Wer "Kranke" behandelt, hat immer eine "kranke Person" von Angesicht zu Angesicht - Arzt-Patientenbeziehung wurde das vor Hoppe bezeichnet, der das in die Patienten-Arzt-Beziehung ummodelte, um "politischen Ansprüchen" wohl genügend Rechnung zu tragen.
Hier handelt es sich um "entpersonalisierte Medizin":
"Die Epidemiologie (von griech. epi „auf, über“, demos „Volk“, lógos „Lehre“) ist jene wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Verbreitung sowie den Ursachen und Folgen von gesundheitsbezogenen Zuständen und Ereignissen in Bevölkerungen oder Populationen beschäftigt. Das unterscheidet die Epidemiologie von der klinischen Medizin, bei der es darum geht, einem einzelnen Menschen in einem konkreten Krankheitsfall zu helfen."
http://de.wikipedia.org/wiki/Epidemiologie
Vielleicht könnte sich das "Deutsche Ärzteblatt" einmal näher mit den Begriffen auseinandersetzen?

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema