ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2014Vernetzung des Gesundheitswesens: Wo ist die Alternative?

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Vernetzung des Gesundheitswesens: Wo ist die Alternative?

Dtsch Arztebl 2014; 111(20): A-861 / B-737 / C-701

Krüger-Brand, Heike E.

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Heike E. Krüger-Brand, Politische Redakteurin

Gesundheitsdaten und die NSA – haben Patienten in Deutschland ein Spionageproblem?“ lautete der Titel einer gut besuchten Diskussionsveranstaltung bei der diesjährigen Gesundheits-IT-Messe conhIT. Es stimmt: Das Ausmaß der Spionagetätigkeiten ausländischer Geheimdienste war vor der NSA-Affäre kaum vorstellbar. Berichte über Datenklau in großen Mengen schüren zudem Angst vor Missbrauch und verunsichern Ärzte und Patienten. Beides ist Wasser auf die Mühlen der Kritiker, die sich – immer noch und jetzt erst recht – gegen die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) und die Vernetzung des Gesundheitswesens wenden und jüngst erst wieder zum Boykott der Online-Tests der Gesundheitskarte aufgerufen haben.

Doch man kann auch genau umgekehrt argumentieren: Wir brauchen – nötiger denn je – eine bundesweite sichere Tele­ma­tik­infra­struk­tur, in der die sensiblen Gesundheitsdaten geschützt sind und in der die Patienten ihr Recht auf informationelle Selbstbestimmung wahrnehmen können. Mit dem Vernetzungsprojekt werde die elektronische Datenübertragung im deutschen Gesundheitswesen auf ein sicheres Niveau gehoben, „das es so bisher nicht gibt“, betonte Prof. Dr. Arno Elmer, Geschäftsführer der gematik. Die Arbeiten würden mit den Datenschützern und dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik abgestimmt und seien daher State of the Art, was den Schutz vor Viren und anderen Bedrohungen betreffe. Sogenannte Backdoors würden dadurch vermieden, dass nur mit zertifizierten Systemherstellern gearbeitet werde. Auch sei nach dem bisherigen Konzept keine Lücke entdeckt worden, die die NSA hätte nutzen können. Allerdings gelte auch: „Die 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht.“

Die Bundes­ärzte­kammer, die als Gesellschafterin in der gematik das Projekt kritisch begleitet, zieht aus dem NSA-Skandal vor allem zwei Konsequenzen: Einerseits ist die individuelle Verschlüsselung von Gesundheitsdaten wichtig, weil sie den besten Schutz gegen das Ausspähen darstellt – ein Punkt, auf den im Übrigen auch der Informatiker Edward Snowden hingewiesen hat. Andererseits ist eine Speicherung sensibler Gesundheitsdaten auf zentralen Servern risikoreich und daher zugunsten einer dezentralen Datenspeicherung zu vermeiden. Beide Aspekte sind im Telematikprojekt umgesetzt.

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Mehr noch: Der Patient erhält mit der eGK ein Werkzeug in die Hand, mit dem er seine Daten in der (gegenüber dem Internet spezifisch gesicherten) Tele­ma­tik­infra­struk­tur verschlüsseln und aktiv seine Rechte wahrnehmen kann. Ein Zugriff auf seine Daten ist nur möglich, wenn der elektronische Arztausweis und die eGK gleichzeitig im Lesegerät stecken und der Patient mit einer PIN-Eingabe seine Einwilligung dazu erteilt (Zwei-Schlüssel-Prinzip). Auch kann die Karte als Trägermedium für freiwillige Anwendungen wie den Not­fall­daten­satz genutzt werden.

Der Mehrwert eines vernetzen Gesundheitswesens, der Zusatznutzen, den ein verbesserter Datenaustausch vor allem für chronisch Kranke hat, die Freiwilligkeit der medizinischen Anwendungen, all das ist nüchtern abzuwägen gegen ein Restrisiko, das bestehen bleibt. Die Ärzte sollten die Chance wahrnehmen, ihre Perspektive bei der Weiterentwicklung der Gesundheitstelematik einzubringen. Das gilt ganz besonders für die kritisch-konstruktive Begleitung der anstehenden Online-Tests der Gesundheitskarte.

Heike E. Krüger-Brand
Politische Redakteurin

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