MEDIZINREPORT

Ernährung und Krebs: Nicht das „Was“, sondern auch das „Wieviel“ beeinflusst Onkogenese

Dtsch Arztebl 2014; 111(20): A-892 / B-762 / C-724

Vetter, Christine

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Ungesunde Ernährung, Übergewicht bis hin zur Fettsucht und das metabolische Syndrom gewinnen Bedeutung als Risikofaktor der Krebsentstehung – ein bislang noch unterschätzter Zusammenhang.

Gegrilltes und Gebratenes erhöhen das Risiko, an Karzinomen des Kolons, des Rektums und der Mamma zu erkranken. Foto: picture alliance
Gegrilltes und Gebratenes erhöhen das Risiko, an Karzinomen des Kolons, des Rektums und der Mamma zu erkranken. Foto: picture alliance

Aus epidemiologischen Studien ist bekannt, dass es Zusammenhänge zwischen der Ernährung und dem Krebsrisiko gibt. Etwa neun Prozent aller Krebsfälle in Europa werden laut Prof. Dr. Rudolf Kaaks vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg derzeit auf Ernährungsfaktoren zurückgeführt – Tendenz steigend. Weitere 5,5 Prozent sind durch eine Adipositas bedingt, ungefähr vier Prozent durch übermäßigen Alkoholkonsum. Nimmt man die einzelnen Faktoren zusammen, so macht die Ernährung als Krebsrisikofaktor dem Rauchen, durch das den Schätzungen zufolge rund 20 Prozent der Krebsfälle verursacht sind, zunehmend „Konkurrenz“.

Erhöhte Aufnahme von Fett und tierischen Proteinen

Auch der „Welt-Krebsbericht 2014“ der Welt­gesund­heits­organi­sation betonte jüngst, dass bei stark übergewichtigen Menschen das Risiko für Krebserkrankungen verschiedener Organsysteme erhöht ist. Zusammenhänge gibt es beim Mamma-, Endometrium-, Kolon-, Cholangio-, Ösophagus-, Pankreas- und Nierenzellkarzinom.

Die Situation ist bei Männern und Frauen etwas unterschiedlich: Es wird nach Angaben des DKFZ davon ausgegangen, dass in Europa etwa zwei bis drei Prozent aller Krebsfälle bei Männern und vier bis acht Prozent bei Frauen auf eine Adipositas zurückzuführen sind.

Verantwortlich für die steigende Häufigkeit des Übergewichts und das damit zunehmende Krebsrisiko dürften laut Kaaks die veränderten Ernährungsgewohnheiten in der industrialisierten Welt sein. Zum Tragen kommen vor allem eine erhöhte Fettaufnahme bei gleichzeitigem Rückgang des Verzehrs faserreicher Kohlenhydrate und ein erhöhter Anteil tierischer Proteine an der Nahrung, insbesondere von rotem Fleisch.

Großangelegte Kampagnen wie etwa „5 a Day“, also die Empfehlung, fünfmal täglich Obst oder Gemüse zu sich zu nehmen, liefen dabei weitgehend ins Leere: „Prospektive Kohortenstudien zeigten ein nur leicht gesenktes Risiko für Tumoren der oberen Atemwege bei hohen Gemüseverzehr, und vor allem das Lungenkrebsrisiko bei Rauchern wurde etwas gemindert. Insgesamt aber sind die Ergebnisse eher enttäuschend“, so der Krebsepidemiologe.

Es ist zudem schwer, konkrete für den Einzelfall verbindliche Er­näh­rungs­emp­feh­lung­en zu formulieren. So hat beispielsweise die EPIC-Studie gezeigt, dass ein hoher Verzehr an Milchprodukten das Risiko der Entwicklung eines kolorektalen Karzinoms mindert, gleichzeitig aber die Wahrscheinlichkeit eines Prostatakarzinoms leicht erhöht. Das Beispiel zeigt, dass eine differenzierte Betrachtungsweise der einzelnen Tumorarten wichtig ist. „Wir brauchen hierzu neue große Kohortenstudien mit besseren Messmethoden“, mahnte Kaaks bei einem Presseseminar in Heidelberg.

Wesentliche neue Erkenntnisse erwartet er daher von der „Nationalen Kohorte“ – einer Langzeitbevölkerungsstudie, die von einem Netzwerk deutscher Forschungseinrichtungen aus der Helmholtz-Gemeinschaft, den Universitäten, der Leibniz-Gemeinschaft und der Ressortforschung getragen wird und an der etwa 200 000 Menschen im Alter von 20 bis 69 Jahren bundesweit teilnehmen. Sie werden medizinisch untersucht und nach ihren Lebensgewohnheiten einschließlich ihren Ernährungsgewohnheiten befragt. Nach fünf Jahren sollen eine erneute Untersuchung und Befragung erfolgen, geplant ist ferner eine 10- bis 20-jährige Nachbeobachtungszeit.

Unabhängig von solchen Kohortenstudien sind nach Kaaks auch bessere Messparameter notwendig, um Risikofaktoren zu erfassen. So ist aus seiner Sicht zum Beispiel der Body-mass-Index nur bedingt geeignet, um ein vom Körpergewicht ausgehendes erhöhtes Krebsrisiko zu erfassen. Der Heidelberger Epidemiologe warnte zugleich vor voreiligen Schlüssen. Es ist aus seiner Sicht klar belegt, dass massives Übergewicht die Krebsgefahr steigert. Ob im Umkehrschluss adipöse Menschen ihr Krebsrisiko senken, wenn sie abspecken, ist zwar sehr wohl möglich, aber wissenschaftlich nicht nachgewiesen. Deshalb soll seiner Ansicht nach in erster Linie auf das Vermeiden von Übergewicht Nachdruck gelegt werden.

Gegenstand intensiver Forschungen ist zudem die Frage, wie eine ungesunde Ernährung und die dadurch bedingten Folgeerkrankungen wie Adipositas und metabolisches Syndrom auf molekularer Ebene die Tumorgenese triggern. Die Frage ist jedoch von hoher Relevanz, denn, so Prof. Dr. rer. nat. Stephan Herzig vom DKFZ: „Rund zehn Prozent der Weltbevölkerung sind derzeit stark adipös.“

Bei verschiedenen Tumoren können dabei unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielen. So kann beispielsweise die mit dem Übergewicht meist einhergehende Fettleber die Entwicklung eines Leberzellkarzinoms forcieren.

Davon abgesehen gibt es nach Herzig offenbar ein charakteristisches Muster der Genexpression für metabolisch assoziierte Tumoren, so dass auch genetische Komponenten dafür verantwortlich sein dürften, ob ein metabolisches Syndrom im Einzelfall in einen Tumor mündet. Zu bedenken ist nach Herzig ferner, dass Tumoren nicht isoliert entstehen und wachsen, sondern sich ihr Wachstum im direkten Kontakt mit anderen Körperzellen und Organsystemen vollzieht. „Der Tumor ist damit praktisch wie ein zusätzliches Organ zu betrachten, das direkt über Stoffwechselprozesse gesteuert wird“, betonte der Wissenschaftler.

Fettgewebe: Energiespeicher und Hormonproduzent

Die Tumorentstehung und das Tumorwachstum können durch verschiedenste metabolische Faktoren gefördert werden, wie in Heidelberg dargelegt wurde. So fungiert das Fettgewebe bekanntlich nicht nur als Energiespeicher, sondern ist sekretorisch aktiv. Es bildet verschiedene Hormone und steuert damit unter anderem Hunger, Appetit und auch den Stoffwechsel. Außerdem wandelt das Fettgewebe Vorstufen der Sexualhormone in Östrogene um, was einen Östrogenüberschuss bei adipösen Frauen bedingen kann. Kann dieser nicht ausgeglichen werden, so können Wachstumssignale auf das Brustgewebe und das Endometrium die Folge sein.

Das Fettgewebe sezerniert, so Herzig, außerdem Entzündungsmediatoren sowie Adipokine, wobei Menschen mit extremem Übergewicht mehr Leptin und weniger Adiponektin bilden. Das veränderte Verhältnis der Fetthormone zueinander kann nach Angaben des DKFZ wachstumsfördernde Signale aktivieren und hemmende Kontrollmechanismen blockieren. Das bestätigen Tierexperimente, die einen Zusammenhang zwischen Leptin und dem Wachstum von Darmkrebs-, Brustkrebs-, Prostatakrebs- und auch Eierstockkrebszellen nachweisen konnten. Hohe Adiponektinspiegel scheinen dagegen die Bildung von Tumoren zu supprimieren.

Krebspräventive Effekte verschiedener Naturstoffe

Eine zentrale Rolle kommt ferner dem Insulin zu, und es ist nach Aussagen Herzigs gut bekannt, dass hohe Insulinspiegel auch ohne Vorliegen einer Adipositas die Entstehung von Brustkrebs begünstigen. Eine antidiabetische Behandlung kann andererseits das erhöhte Tumorrisiko nachweislich mindern.

Tatsächlich aber dürfte der Zusammenhang zwischen Ernährung und Krebs noch deutlich komplexer sein, wie Dr. Clarissa Gerhäuser vom DKFZ in Heidelberg darlegte. Denn epigenetische Veränderungen können schon sehr früh in der Krebsentwicklung wirksam werden. Sie können die Genexpression modifizieren, ohne dass sich die Basensequenz ändert. Das erklärt die in vitro und in vivo nachzuweisenden krebspräventiven Effekte verschiedener Naturstoffe.

„Bekannt sind solche Effekte beispielsweise von der schwarzen Himbeere, von Isothiocyanaten aus Brokkoli und anderen Kohlgemüsen, von Curcumin aus Curry und auch von grünem Tee“, erklärte Gerhäuser in Heidelberg. Die durch Nahrungsinhaltsstoffe ausgehende Krebsprävention kann in antioxidativen Effekten bestehen, in der Anregung von Entgiftungsprozessen und auch in antihormonellen Wirkungen sowie der Beeinflussung allgemein epigenetischer Mechanismen – ein Forschungsfeld, bei dem laut Gerhäuser derzeit noch viele Fragen offen sind.

Christine Vetter

Gegrilltes und Gebratenes erhöhen das Risiko, an Karzinomen des Kolons, des Rektums und der Mamma zu erkranken. Foto: picture alliance
Nicht das „Was“, sondern auch das „Wieviel“ beeinflusst Onkogenese
Gegrilltes und Gebratenes erhöhen das Risiko, an Karzinomen des Kolons, des Rektums und der Mamma zu erkranken. Foto: picture alliance

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    Doro Maier
    am Freitag, 16. Mai 2014, 09:59

    Selbstbehandlung gegen Stress

    Zusätzliche Anmerkung: (Hartnäckige) Falsche Ernährungsgewohnheiten, Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum können als (ungesunde) Bewältigungsstrategien gegen innere Unruhe, Angst, Trauer, negative Selbstempfindungen etc. verstanden werden. Diese wiederum können in direkten Zusammenhang mit negativen Kindeheitserlebnissen (welche eher häufig als selten sind, wie Studien zeigen) gebracht werden.

    US-Forscher haben 2012 in einer Studie nachgewiesen, dass Misshandlungen während der Kindheit die Hirnentwicklung stören können. Teilnehmer, die über Misshandlungen in der Kindheit berichteten, hatten im Vergleich zu anderen Probanden einen verkleinerten Hippocampus. Diese evolutionär gesehen sehr alte Hirnregion wird unter anderem mit Gefühlen und Gedächtnis in Verbindung gebracht. Möglicherweise werde durch ein Übermaß des Stresshormons die Entwicklung der Nervenzellen des Hippocampus gestört, meinen die Forscher. Am anfälligsten sei die Region vermutlich im Alter von drei bis fünf Jahren.

    Veränderungen im Hippocampus wurden laut Studie bereits bei einer ganzen Reihe von psychischen Erkrankungen beobachtet, beispielsweise bei Depressionen, Schizophrenie, Posttraumatischen Belastungsstörungen und Borderline-Störungen.

    Und die "Selbstbehandlung" vieler Betroffener besteht dann darin, zu Betäubungsmitteln wie fettiges Essen oder Süßes oder Nikotin oder Alkohol oder... zu greifen.
    Doro Maier
    am Freitag, 16. Mai 2014, 09:40

    Die wahren Ursachen werden ausgeblendet

    Ich möchte die Aussagen des Artikels keinesfalls grundsätzlich infrage stellen. Die Ernährung hat ganz sicher Einfluss auf das Krebsrisiko. Was mich allerdings regelmäßig stört, ist die Verkürzung, wenn es um die Ursachen geht:

    Zitat: "Verantwortlich für die steigende Häufigkeit des Übergewichts und das damit zunehmende Krebsrisiko dürften laut Kaaks die veränderten Ernährungsgewohnheiten in der industrialisierten Welt sein."

    Als hätte man noch nie etwas von den traumabedingten Ursachen von Übergewicht UND Krebs UND Rauchen... gehört....

    Negative Erfahrungen in der Kindheit können direkt mit krank machendem Fehlverhalten und Erkrankungen im Erwachsenenalter in Verbindung gebracht werden, wie u.a. die ACE-Studie (ACE = Adverse Childhood Experiences, „nachteilige Kindheitserfahrungen“) gezeigt hat: Je mehr ACE-Punkte (also Arten negativer Kindheitserfahrungen) eine Person berichtete, desto höher war ihr Risiko auf problematische Verhaltensweisen wie Rauchen, Alkoholkonsum oder Essstörungen. So, und dass diese "problematische Verhaltensweisen" das Krebsrisiko steigern (zumal frühe negative Erfahrungen auch noch mit hohem Stress und seine biologischen Folgen korrelieren), leuchtet sogar Laien ein, da braucht man die "industrialisierte Welt" nicht bemühen...

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